Bach und die Juden. Bachhaus Eisenach 2016

Dieter David Scholz

 

 

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Der Antijudaist Bach

 

Im Bachhaus im thüringischen Eisenach, der Geburtsstadt Johann Sebastian Bachs, wurde am 24.6. eine Ausstellung eröffnet, die bis zum 6.November zu sehen ist. „Luther, Bach und die Juden“ lautet ihr Titel.

„Am 11. März 1829 kam es in der Berliner Singakademie zu einem folgenreichen Ereignis. Der 20-jährige Felix Mendelssohn-Bartholdy führte Bachs Matthäuspassion auf, zum ersten Mal seit Bachs Tod.“

So beginnt ein fünfminütiger Animationsfilm der Motiondesigner „Die Buchstabenschubser" in der Eisenacher Ausstellung unkompliziert und gewitzt einem breiten Publikum erklärt, wie die Wiederaufführung der Matthäuspassion die Bachrenaissance in Deutschland einläutete. Aber ausgerechnet in einem der Chöre dieser bis heute beliebten und vielaufgeführten Passion auf Texte von Luther kommt unmissverständlicher Antijudaismus zum Ausdruck, im Chor der Juden „Lasst ihn kreuzigen“.

 

Wie Jörg Hansen, der Direktor des Bachhauses Eisenach erläutert:

 

„Es ist Luthers Antijudaismus, der hier zu uns sprich: Die Juden sind das negative Beispiel für die Christen, über sie ist der Zorn Gottes bin in alle Ewigkeit gekommen, sie sind verworfen. Die Juden sind unbelehrbar, verstockt, rufen Sie „Kreuziget“ chromatisch dissonant, perfide, immer in Wiederholungen.“

 

Generationen von Musikern und Theologen haben mit Luthers Antijudaismus in den Bach-Vertonungen gerungen, haben ihn zu erklären, ja zu verharmlosen, wo nicht gar zu ignorieren oder aber mitverantwortlich zu machen versucht für den im Nationalsozialismus gipfelnden Antisemitismus.

 

„Es gibt aus diesem Thema keine einfachen Auswege, deswegen hab ich keine einfachen hier in der Ausstellung angeboten.“

 

Jörg Hansen hat im ersten Teil seiner kleinen, aber feinen Ausstellung großen Wert gelegt auf die Unterscheidung von Antijudaismus und Antisemitismus. Während Ersterer sich auf die christliche Religion bezieht, speist Letzterer seine Argumente aus purem Rassismus. Diese Differenzierung ist notwendig.

 

„Weil wir Bach erklären müssen. Wieso ist Bach antijüdisch? Na, er ist insofern antijüdisch, als er Lutheraner ist.“

Die Ausstellung belegt das eindrucksvoll, indem sie auf Bachs theologische Bibliothek verweist, aus der repräsentative Werke ausgestellt sind, vor allem seine Ausgabe der Schrift „Von den Jüden und ihren Lügen“ aus dem Jahre 1543. Bach besaß 52 Titel in 81 Bänden, darunter ein Viertel Werke Martin Luthers und neben allerhand Predigt- und Erbauungsliteratur auch die toleranzfeindlichen antijüdischen Bücher des Hamburger Pastors Johannes Müller. Offenbar teilte Bach Luthers Geschichtstheologie, die im 1500-jährigen „Exil und Elend“ der Juden einen Beweis für den eigenen Glauben sah (Gottes ewige Strafe für die verstockten Juden sei die Kehrseite seiner Gnade für die Gläubigen). So legen es jedenfalls Bachs eigenhändige Bibelkommentare nahe. Die Eisenacher Ausstellung lässt keinen Zweifel daran: Bach war lutherisch geprägter Antijudaist.

Umso erstaunlicher, dass die Wiederentdeckung Bachs im frühen neunzehnten Jahrhundert, der der zweite Teil der Ausstellung gewidmet ist, ausgerechnet jüdischen Salondamen zu verdanken ist. Sie spielten in ihren Berliner und Wiener Salons Bachsche Instrumentalmusik und legten damit den Grundstein der Bachrenaissance.

 

„Die Familie Itzig mit ihren Salonieren Sarah Levy, Fanny von Arnstein, Cäcilie von Eskeles, Bella von Salomon, die Großmutter Mendelssohns, die ihm dieses großartige Geschenk, die Partitur der Matthäuspassion zum 14. Lebensjahr machte und ohne dieses Geschenk hätte es die Wiederaufführung der Matthäuspassion, damit vielleicht die Popularisierung von Bachs Musik im 19. Jahrhundert, keine Bachgesellschaft und auch kein Bachhaus gegeben.“

 

Erstaunlicherweise nahmen die jüdischen Pioniere der Bachwiederentdeckung an den antijüdischen Stellen in Bachs Passionen und Kantaten keinerlei Anstoß.

 

„Dass die plötzlich sich die Sache Bach zu ihrer eigenen gemacht haben. Es war dieses Streben nach Bildung, Teilhabe an der Emanzipation und hier hat man eine Sache, die plötzlich diese Teilhabe ermöglicht. D.h. da weht wirklich dieser Wind der jüdischen Aufklärung durch die Musikgeschichte."

Auf museumsdidaktisch übersichtlich aufbereiteten Texttafeln lassen sich sowohl die Geschichte der jüdische Bachwiederentdeckung als auch Bachs Vertonungen antijüdischer Luthertexte nachverfolgen. Auf Hörstationen kann man die entsprechenden Musiken Bachs anhören. Es sind in dieser Ausstellung aber auch viele Porträts, Bücher und anderer Schriften von der Zeit Luthers bis ins 20. Jahrhundert ausgestellt, die das Beschriebene illustrieren.

 

„Besonders perfide ist das Heftchen von Martin Sasse, thüringischer Landesbischof, führender Kopf der "Deutschen Christen" in Deutschland, der 1938 die Reichskristallnacht als Geburtstagsgeschenk an Martin Luther gedeutet hat, der ja bekanntlich am 10. November Geburtstag hat, und der sagt: In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der der größte Antisemit seiner Zeit gewesen ist.“

 

Damit wird die Brücke der Rezeption Luthers über Bach bis ins Dritte Reich geschlagen.

Ein heikler Zusammenhang und ein brisantes Thema, dem bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit zuteilwurde. Der bedeutendste deutsche Kirchenmusiker, das „Alpha und Omega aller Musik“, wie er oft gepriesen wurde, muss nach dieser Eisenacher Ausstellung neu überdacht werden. Es ist die erste zu diesem Thema. Eine wichtige Ausstellung, die mit einem Tabu bricht, die Denkanstöße gibt und in der man viel dazulernen kann.

 

Beitrag auch in SWR 2 Cluster am 27.06.2016