Brigitte Hamann: Die Familie Wagner

Dieter David Scholz

 

 

Brigitte Hamann: Die Familie Wagner

rororo monographie. Juli 2005.176 S., 8.50 Euro

Die in Wien lebende Historikerin Brigitte Hamann hat zahlreiche Bücher vor allem zur österreichischen Geschichte veröffentlicht. Ihr Buch „Hitlers Wien“ wurde ein Bestseller, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, von Presse und Fachwelt hochgelobt. Vor 3 Jahren erschien ihr nicht minder erfolgreiches Buch über „Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth", in dem sie mit Tabus brach und einen unerschrockenen Blick auf Winifred Wagner und ihre Söhne Wolfgang und Wieland wagte. Sie zeigte Nachkriegsbayreuth in gänzlich neuem, ungefiltertem Licht. Brigitte Hamann hat jetzt in der verdienstvollen Reihe der rororo-Monographien – pünktlich zu den diesjährigen Bayreuther Festspielen – einen Band über die Familie Wagner herausgebracht.

 

 

Nicht nur die Göttersippe um Wotan in Richard Wagners Nibelungen-Ring läßt an den Denverclan denken, auch die Familie Wagner selbst ist seit dem Tod Richard Wagners 1883 mehr und mehr zu einem Familienunternehmen geworden, in dem jeder gegen jeden kämpft und alle nach der Haus-Macht streben. Schon 1914 schrieb der Journalist und Autor Maximilian Harden, den die Hamann zitiert: Im so hehren Bayreuth der "wahnfriedlich weihfestlichen Edelmenschen " herrschten Geldgier, Betrug, Lügen, Meineid, Ehebruch und "Dynasten­wahn". Daran hat sich bis heute im Grunde nichts geändert. Und keiner hat das bis heute so ungeschminkt, so deutlich und präzise dargestellt wie die Historikerin Brigitte Hamann.

 

Am Anfang von Hamanns Monographie stehen Richard Wagners Herkunft, seine Vita und sein schillernder Charakter. Punktgenau hat sie ihn getroffen, in seiner ganzen Widersprüchlichkeit, mit seinen Antinomien, dem Liebens- und dem Hassenswerten an ihm. Und sie unter-scheidet der historischen Fairnes halber sehr genau zwischen Wagner und dem nachfolgenden Wagnerkult. Sie macht deutlich, daß Wagners zweite Gattin, Cosima, die ihren Mann um mehr als 40 Jahre überlebte, zwar das unbestreitbare Verdienst zukommt, die Bayreuther Festspiele erst recht eigentlich etabliert zu haben, aber gleichzeitig den Tempeldienst und die Vergötterung, ja Verfälschung Richard Wagners und seines Werks zu verantworten habe. Nach dem Tode Siegfrieds, des schwachen Sohnes Cosimas, der 4 Monate nach ihr 1930 starb, er wird in seiner Labilität und Schwäche gegenüber seinen dominanten Schwestern geschildert, kommt die Stunde seiner Gattin Winifred. Sie wird zur Alleinherrscherin am Grünen Hügel und zur Steigbügelhalterin Hitlers. Dafür rettet der "Führer" die Festspiele vor dem Konkurs. Und der Wagnerschwärmer Hitler wird erst durch Bayreuth gesellschaftsfähig.

 

"Denn natürlich brauchte er in den 20er Jahren das Großbürger­tum. Er brauchte vor allem Geld. Die Wagners hatten zwar kein Geld, aber sie hatten un­glaub­liche Beziehungen zu allen mög­lichen Leuten, die ja auch für Bayreuth gespendet hatten. Das war der Sinn der Übung. (Hamann)

 

Brigitte Hamann zeigt Winifred Wagner allerdings nicht - wie üblich - als böse Nationalsoziaisten, sondern in ihrer Widersprüchlichkeit.

 

"Na ja, weil sie widersprüchlich ist, und weil ich glaube, daß jeder Mensch widersprüchlich ist. Das ist ja auch gerade das Phänomen, das mich dann so interessiert hat, wie eine Frau, die nach wie vor ihre alten antisemitischen Sprüche wiederholt hat bis in ihr hohes Alter, .. aber gleichzeitig, gerade in den schlimmsten Jahren in den vierziger Jahren, sich persönlich sehr aktiv für Juden, für jeden persönlichen Juden eingesetzt hat, auch für Schwule. Ich hab alle Fälle nachgeprüft und bei den Nachprüfungen sind immer neue Fälle aufgekommen. (Hamann)

 

Besonders brisant ist das Kapitel Wieland, der sich ja nach dem Krieg als Saubermann und Entrümpler aufspielte und auf Konfrontation zum Dritten Reich und seiner Mutter ging, ja sogar eine Mauer im Garten zwischen ihrem und seiem Haus bauen ließ. Winifred, immerhin leugnete ihre Vergangenheit niemals. Wieland hingegen wußte nach 1945 nicht mehr, daß er noch bis 1945, wie die Hamann aufzeigt, ein von Ehrgeiz zer­nagter, strammer Nazi war.

 

"Na ja, der Obernazi von Bayreuth in den Vierzigerjahren". (Hamann)

 

Wieland, der engen persönlichen Kontakt zu Hitler pflegte - es war fast eine Sohn-Wunschvater-Beziehung - wurde von ihm zum künftigen Festspielleiter erkoren. Der wurde Wieland – gemeinsam mit Wolfgang - auch nach dem Kriege. Seine Nazivergangenheit leugnete er so angstvoll wie schamlos. Die Welt vergaß seine Vergangenheit. Oder wollte sie vergessen. Nicht Brigitte Hamann. Sie hat bewundernswert recherchiert, nie veröffentlichte Quellen ans Licht gezogen, sie kennt kein Pardon, wenn es um die Wahrheit geht, deshalb zeigt sie auch Wielands Bruder Wolfgang, den vielgescholtenen, in seiner redlicheren, jedenfalls politisch unbelasteteren Persönlichkeit.

 

"Wieso sollte ich mit den Wölfen heulen, wenn ich ganz andere Erfahrungen gemacht habe?" (Hamann)

 

Auch die nachfolgende Generation, die sich bis heute um das Bayreuther Erbe zankt, allen voran die kluge Nike, Tochter Wielands, die inzwischen das Kunstfest Weimar leitet, und Eva, die Tochter Wolfgangs aus erster Ehe, die Casting-Chefin beim Festival D´Aix-en-Provence, wird dargestellt. Aber auch die weniger bekannten Kinder und Enkel Winifreds und Wolfgangs. Am Ende geht es natürlich um Katharina Wagner die Tochter Wolfgangs aus zweiter Ehe, von ihm selbst als seine Nachfolgerin auserkoren. "Was auch immer geschieht", so liest man im Schlußwort, "eines wird jedenfalls bleiben, solange ein Wagner die Festspiele leitet: der Zorn der zu kurz gekommenen Verwandten" im uralten Boulevardstück des Bayreuther Wagnertheaters". Keiner hat es besser besprochen als Brigitte Hamann.

 

(Rezension im NDR)

 

 

"Die Familie Wagner". rororo Monographien. 172 Seiten. 8,50 €