Lulu in Athen

Dieter David Scholz

 

 

Photo: privat (Gottfried Pilz)

 

Lulu in Athen: Ein revuehaftes Theaterfest der Sinne zwischen Freudscher Psychologie und antiker Mythologie

Griechische Erstaufführung von Alban Bergs "Lulu"

im neuen Opernhaus des Megaron („ Alexandra Trianti Hall“) am 19.10.2005

 

 

Die griechische Literatur kennt Elektra, Medea, Klytemnästra und manch andere mythologische Schreckensfrauen. Frank Wedekinds Femme fatale Lulu, das „wilde schöne Tier“ (Mayreder), die „Alleszerstörerin“ übertrifft sie alle. Sie gebraucht und vernicht die Männer, deren Sterben sie so gefühllos zusieht, wie jene in ihr nur das Weib gebrauchen, bis sie es zerstören. Letzteres vollbringt Jack the Ripper als Inbegriff jener Männer, die in Lulu nur die multiple Wunschmaschine sehen, nicht den individuellen Menschen. Strindbergs Geschlechterkampf und die Misogynie des Wiener Kreises um Karl Kraus haben sich in Wedekinds Lulu verschmmolzen. Es war Karl Kraus, der die Figur der Lulu zwar als „Herrin der Liebe, die alle Typen der Mannheit um sich versammelt“ bezeichnete, aber doch auch eine „gewaltige Hetärentragödie“ von antikischem Geist in der Oper erkannte. Erstaunlich eigentlich, dass Alban Bergs Oper, die Frank Wedekinds Lulu-Stücke „der Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ kondensiert zu einem ebenso stringenten wie fragmentarischen Stück Musiktheater, noch nie in Griechenland zu sehen war.

 

Nicht verwunderlich ist, daß die Gestalt der Lulu vielen Griechen keineswegs fremd ist. Wie auch, dieser „Dämon des weiblichen Geschlechts“ (Wedekind) hat durch und durch antikes Format. Lulus Männermissbrauch, der über Leichen geht, ihre Radikalität, ihre tragische Fallhöhe, wo könnte sie besser verstanden werden als im Heimatland der Tragödiendichter Aischylos, Sophokles und Euripides.

 

Nikos Tsouchlos, Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor des Megaron, des gigantischen Athener Multifunktions-Konzerthauses und Konferenzcenters, eine Art griechischer Karajan, hat sich einen persönlichen Wunsch erfüllt, indem er Bergs „Lulu“ jetzt endlich nach Griechenland holte, ins mächtig prosperierende, aufgeputzte Athen, das mit der Olympiade und der EG-Mitgliedschaft seinen Teint frappierend auffrischte. Es st attraktiver denn je.. Als Anlaß für diese griechische „Lulu“-Erstaufführung wählte er die Eröffnung eines gewaltig großen Opernhauses mit 1700 Plätzen, direkt neben dem großen Konzertsaal mit seinerseits 2000 Plätzen unter dem gemeinsamen Dach des 1991 eröffneten, eleganten und großzügigen Megarons, eines Monumentalbaus in weißem Marmor. Man spielte zwar schon seit Anbeginn (mehr oder weniger szenisch improvisiert) Oper im Megaron, allerdings im Konzertsaal. Nun also ist die "Alexandra Trianti Hall“ eingeweiht worden, ein Riesentheater, dessen Portalbreite 17 Meter beträgt, bei 12 Metern Höhe und einer Bühnentiefe von 27 Metern, mit zwei gegenläufigen Drehbühnen, Hubpodien vom Feinsten, zwei Seitenbühnen, in die man ein komplettes Bühnenbild fahren kann und einer zehn Meter unter der Hauptbühne zu nutzenden, gleich großen Bühne. Ein Theater also von einem Ausnahmeformat, wie man es kaum je sonst antrifft auf der Welt. Verständlicherweise eine besondere Freude, aber auch eine Herausforderung für den Bühnenbildner Gottfried Pilz, dem die Ehre zuteil wurde, die erste Produktion des Hauses auszustatten.

 

Daß die Stückwahl zur Eröffnungspremiere eines so begrüßenswerten wie umstrittenen Opernhauses, das der Athener Oper, die ihrerseits schon seit Jahren nach einem dringend benötigten Neubau verlangt, Konkurrenz bietet, riskant war, versteht sich von selbst, bei dem als konservativ geltenden Athener Opernpublikum. Wen man auch fragt, niemand kann einem sagen, warum eigentlich dieses zweite Opernhaus in Athen gebaut wurde und wie sich das verträgt mit den Begehrlichkeiten und Aufgaben der offiziellen Athener Oper. Vielleicht sind es die für Nichtathener unverständlichen byzantinischen bzw. griechisch orthodoxen Verhältnisse.

 

Der Publikumsandrang war jedenfalls so groß wie der Jubel am Premierenabend. Viel Prominenz war naturgemäß anwesend, das ernsthafte, elegante Athener Stadtpublikum zeigte sich – quer durch alle Generationen - von seiner neugierigsten Seite. Ein solches Kulturbürgertum, wie es in Athen noch in seiner archaischen Tradition existiert, ist hierzulande ohnehin unbekannt. Schon am Tage vor der Premiere wurde man von Taxifahrern, Hotelangestellten und Leuten auf der Straße angesprochen auf Bergs „Lulu“. Wo außer in Neapel, Palermo oder Mailand gibt es Oper als Stadtgespräch noch in Europa?

 

Daß diese erste griechische „Lulu“, man spielte sie auf deutsch mit griechischen Übertiteln, auf Anhieb zu einem solchen Publikums-erfolg wurde, lag sicher zu einem Großteil daran, dass der Dirigent Nikos Tsouchlos dieser ersten dodekaphonisch abendfüllenden Oper zu so viel Klangsinnlichkeit und „Romantik“ verhalf, dass alle Zwölftontechnik vergessen war. Bergs Musik näherte sich in ihrem symphonischen Sog Mahler, ja Puccini an. Psychologische Spurensuche und theatralischer Gestus hielten sich dabei die Waage. Diese „Lulu“-Musik, wie Tsouchlos sie versteht, hat dem Schönheitsbedürfnis des griechischen Publikums sicher ganz und gar entsprochen. Das Tschechische Radioorchester spielte ohne Fehl und Tadel. Vielleicht muß man nach Athen fahren, um festzustellen, daß Bergs „Lulu“-Musik so schön sein kann.

 

Die Besetzung ist nicht anders als superb zu nennen. Die Titelpartie war mit Marlies Petersen, die als Lulu schon an der Wiener Staatsoper für Furore sorgte, ideal besetzt. Ein Zerbinetta-Koloratursopran erster Güte auch in der Höhe, darstellerisch überzeugend in der amoralischen Mischung aus Vampyr, unschuldiger Kindfrau, nymphomanischem Triebtier und verfolgtem Opfer. Monte Jaffes eindrucksvolle Type von Schigolch wurde von Regisseur Eike Gramms als Vaterfigur von mythischer Größe angelegt. Wolfgang Schönes Dr. Schön ist in Darstellung und Stimmführung ein ebenso eindrucksvoller wie ebenbürtiger Partner Lulus, noch in der Jack the Ripper Szene der zweiaktigen Fassung, für die man sich in Athen entschied. Der Reiz des Fragments ist denn auch unwiderstehlich, zumal im Land der antiken Fragmente. Fabrice Dalis sang einen vorzüglichen Alwa, Tom Allen einen markanten Mahler. Daphne Evangelatos wagte sich an die Gräfin Geschwitz, die vor allem nach dem 5. Bild ihre starken Auftritte hat: „Springe ich nicht lieber von der Brücke hinunter? Was mag kälter sein, das Wasser oder ihr Herz?“. Eike Gramms hat ihr, wie auch Jack the Ripper starke Wedekindzitate zugedacht, die zwischen zwei Sätzen aus der Lulu-Suite ge­sprochen werden. Jacks lapidarer Kommentar eines Mordes an Lulu: „Das war ein Stück Arbeit! Ich bin doch ein verdammter Glückspilz. Nicht einmal ein Handtuch haben die Leute!“

 

Gerade die gewaltige Dimension der neuen Megaron-Bühne und die Tatsache der griechischen Erstaufführung des Stücks haben Gottfried Pilz und Eike Gramms dazu bewogen, „Lulu“ als quasi mythisches Stück über Verführung und Verführbarkeit, Eros und Thanatos zu zeigen in einem variablen Einheitsbühnenbild jenseits aller modischer Verfremdungen oder Übersetzungen. Gottfried Pilz gelingt mit seiner zeitlos modernen Ausstattung das Kunststück, das intime Stück zwischen Freudscher Psychologie und antiker Mythologie auf der Riesenbühne glaubwürdig vorzuführen. Designermöbeln in Chrom und schwarzem Leder kontrastieren mit klassischem Hammerflügel und weißen Tschechow-Vorhängen. Mal bildet eine schwarze Ziegelwand den Hintergrund, mal eine gigantische Bibliothek. Das so sinnige wie zweckdienliche Bühnenbild spiegelt das kleine Geschehen der verschiedenen Orte und Szenen im großen Einheitsraum. Wenn Möbel und Accesoirs sich auf verschiedenen Drehbühnensegmenten gegeneinander drehen, wird der Raum zur Zeit. Magische Licht- und Schatteneffekte, marschierende Massen und Video-Projektionen auf Schleiern lassen an Stummfilme der Zwanzigerjahre denken. Eine Hommage an „Die Büchse der Pandora“ von Wilhelm Papst? Die Kostümphantasie von Gottfried Pilz lebt sich in dieser Inszenierung prachtvoll aus. Diese „Lulu“ ist ein revuehaftes Theaterfest der Sinne und zu­gleich eine präzise durchdachte Inszenierung, die auf Wedekinds offene Fra­gen eine zeitlos gültige Antwort gibt. Es bedarf möglicherweise des genius loci Athens zu solch antikisch klarer, Archetypisches (wo nicht Atavistisches) im Modernen spiegelnder Sicht auf das Stück, das vom enthusiasmierten Athener Publikum gefeiert wurde. Da sage noch einer, in Griechenland hätte „modernes“ Musiktheater keine Chance! Wo gibt s ein vergleichbares Publikum, das so aufgeschlossen, und dabei so ernsthaft traditionell ist, nämlich orientiert an einem Kulturbegriff, der weder vom flüchtigen Zeitgeist noch von oberflächlichem Event­denken angekränkelt ist. Athen war einmal die Wiege der europäischen Kultur. Ignorant ist, wer die enormen Kultur­bemühungen der heutigen Athener und ihr Bedürfnis, gerade kulturell als Europäer ernstgenommen zu werden, nicht wahrnimmt. Der Kulturkalender der Millionenstadt unter der Akropolis, die weit besser ist als ihr Ruf, liest sich so spannend wie der in so mancher weit westlicheren Metropole. Zu schweigen von der gelebten (Alltags-) Kultur der Athener.

 

 

Beiträge in verschiedenen ARD Anstalten