Teatro La Fenice: Verdi- & Wagnerjahr-Auftakt

Dieter David Scholz

 

 

 

 

Auftakt des Wagner- und Verdi-Jahres im Teatro La Fenice 2012

 

Photos: Teatro La Fenice / Michele Crosera

 

Sternstunden: Myung-Whun Chung dirigiert "Tristan" & "Otello"

 

Es steht fast vor der Tür, das Wagner- und Verdi-Jahr. Beide Komponisten wurden vom Schicksal mit demselben Geburtsjahr1813 bedacht. Für beide Komponisten war die Stadt Venedig eine "Schicksalsstadt". Das dortige Teatro La Fenice hat mit gutem Grund zum vorgezogenen Auftakt seiner neuen Spielzeit - man spielt ab sofort wieder von November bis Oktober - das Wagner- und Verdijahr mit einem Doppelschlag eingeläutet, mit Neuinszenierungen von Wagners Tristan und Verdis Otello, die zu musikalischen Sternstunden wurden.

 

"Es lebe der Löwe von San Marco" singt der Chor im 3. Akt von Verdis Otello. Wohl keine andere Stadt außer Venedig verbindet so nachhaltig Wagner mit Verdi: Otello, der eifersüchtige Mohr von Venedig und Tristan, der Liebes-Tor aus Cornwall, diese beiden Opernhelden sind geradezu prädestiniert, das Wagner- und Verdijahr in der Stadt des Heiligen Markus einzuläuten. Fortunato Ortombina, der künstlerische Direktor des Teatro La Fenice:

 

"Natürlich war der Doppelgeburtstag zweier so großer Komponisten, der nur alle hundert Jahre einmal vorkommt, die einmalige Gelegenheit, sie zusammenzubringen, die sich im Leben nie begegnet sind."

 

Mit der Gegenüberstellung der so ungleichen Liebestragödien wagt das traditionsreiche Teatro La Fenice ein geradezu tollkühnes Unternehmen. Die Doppelpremiere ist ein bewundernswerter Kraftakt, wie er wohl nur in Italien möglich ist, trotz der lebensbedroh-lichen Krise der Oper in Italien, die vor drei Wochen Thema eines Kongresses in Florenz gewesen ist. Venedig war schon immer besonders mutig. Nicht nur in Sachen Oper. Aber nur dank des Dirigenten Myung-Whun Chung ist dieser Verdi-Wagner-Spagat wohl zu realisieren gewesen. Beiden, Verdi mit seiner klaren, wahrhaftigen Musikdramatik, als auch Wagner mit seiner Schopenhauerisch infizierten, psychologischen Musiksprache wird dieser Ausnahmedirigent gerecht.

 

In Venedig hat Verdi einige seiner wichtigsten Werke uraufgeführt: Rigoletto, La Traviata und Simone Boccanegra. Richard Wagner hat in der Serenissima die chromatischen Hormongesänge des zweiten Tristan-Aktes geschrieben, hat sich in seinen letzten Lebensjahren des Winters in die Lagunenstadt zurückgezogen, hat im Teatro La Fenice zum letzen Mal eigene Musik dirigiert und ist schließlich am Canal grande gestorben:

 

"Venedig war für beide Komponisten sehr wichtig. Für Wagner nicht nur, weil er dort starb. Und für Verdi war Venedig die Stadt seiner Musik­theater-Revolution: Otello war die erste exquisite Auftragsoper eines Theaters im vereinigten Italien." (Fortunato Ortombina)

 

 

Francesco Micheli zeigt Verdis Otello vor Sternbildern, die das unentrinnbare Schicksal meinen, das in Gestalt von schwarzen Lemuren die Bösen wie die Guten lenkt. Goldene Schiffsmodelle deuten die Marinemacht Venedig an. Habsburger-Uniformen und prachtvolle Da-mengarderobe der Verdizeit verorten das Stück in seiner Entstehungszeit. Die orientalische Ausstattung eines immer wieder in den blauen Sternenraum hereinfahrenden, goldenen Raums bildet den intimen Rückzugsort für den mörderischen Mohren von Venedig und seine geliebte Desdemona. Eine bildschöne, konventionell symbolische zwar, aber sehr einleuchtende Inszenierung. Der stimmächtige Gregory Kunde in der Titelpartie überrascht mit dram-tisch-belcantischen Reserven, wie man sie kaum je zuvor von ihm hörte und die junge, aufstrebende Italoamerikanerin Leah Crocetto singt eine pralle Desdemona von anrührend naiver Natürlichkeit.

 

Im Gegensatz zu Francesco Michelis stimmungsvoll-elegantem Otello kommt Paul Currans halb abstrakte, halb realistische Tristan-Inszenierung mit fachwerkartigen Holzwänden als Schiffsbug - umgedreht deuten sie Burgmauern an - mit einem Holzkäfig für die Karten spielenden Freunde Tristan und Kurwenal und einem becketthaften Baumskelett eher wie unbeholfenes und altmodisches Regietheater daher. Zu schweigen von den Absurditäten der Personenregie. Dennoch darf dieser Tristan ein Ereignis genannt werden, nicht wegen des Tristan-Sängers Ian Storey, eher schon wegen der jungen, vielversprechend phänomenalen Isolde-Debütantin Brigitte Pinter. Vor allem aber wegen des fabelhaften Orchester des Teatro La Fenice und des geradezu erschütternden Dirigats Myung-Whun Chungs, das jeden breiigen Wagner-Mischklang à la Bayreuth und jedes weihevoll-teutonische Zeitmaß vermeidet.

 

Brillianter, leuchtender, in seiner Polyphonie transparenter und abgründiger habe ich - live - Wagners Tristan nie gehört.

 

Myung-Whun Chung versteht es, sowohl der Wagnerschen Kunst des Übergangs, des psy­chologisierenden, irisierenden Spiels von Farbe und Klang, als auch der unerbittlich klaren, dramatischen Linienführung Verdis gerecht zu werden. Toscaninihaft geschärft klingt Verdi bei ihm moderner und komplexer denn je, Wagner ganz neu.

 

Die Barenbäume und Thielemänner dieser Welt mögen doch bitte mal hinhören!

 

Es war eine Sternstunde, diese ganz unroutinierte, von allen Verkrustungen falscher Aufführungskonventionen freie Wagner- und Verdi-Lesart: Schockierend mitleidslos und doch zutiefst human. Wie Verdis Dramaturgie, die die tragisch Untergehenden, die Opfer, anders als Wagner, ohne alles endlose Erklären, in prägnante Musik erlöst. Regisseur Franceso Micheli greift diesen Gedanken auf, indem er einen ergreifenden Liebestod der anderen Art inszeniert, mit der Auferstehung der ermordeten Desdemona, die ihrem Otello den Dolch zu seiner Selbstentleibung reicht, um anschließend mit ihm gemeinsam den Sternen entgegen zu gehen. Näher als bei diesem Auftakt des Wagner-Verdi-Jubeljahres in Venedig kamen sich Wagner und Verdi nie:

 

"Beide waren notwendig und gleichermaßen bedeutend. Ich kann mir keine Welt ohne Wagner und Verdi vorstellen!" (Fortunato Ortombina)

 

Beitrag im DLF - Kultur aktuell, 27.11.2012