Rusalka Leipzig 2017

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Kirsten Nijhof

 

Nichts als ein Märchen

Rusalka – Lyrisches Märchen in drei Akten von Antonin Dvorak an der Oper Leipzig

Premiere 3.12.2017

 

 

Nach langer Abstinenz gab es an der Oper Leipzig wieder einmal Antonin Dvoraks „Lyrisches Märchen“ Rusalka. Inszeniert hat der niederländische Regisseur Michiel Dijkema. Er erzählt Dvoraks Märchen von der Waldnymphe Rusalka zwar nicht als böhmisches Nixenstück zwischen Schilf, Seerosen und moosigem Waldboden, aber doch im weiteren Sinne, wenn auch stilisiert realistisch. Die Bühne, für die er selbst auch als Bühnenbildner verantwortlich ist, zeigt einen See samt Ufer, meist nebelverhangen, allerdings ohne Vegetation. Es ist eine eher karge, mythische, Traumlandschaft, in der Dijkema das Stück ansiedelt, auch ohne eindeutige folkloristische Verortung. Er erzählt die traurige Geschichte von einer Nixe, die aus dem Wasser steigt, um Mensch zu werden und einen Prinzen zu leben, von ihm verstoßen wird und ihm dann den Tod bringt. Dijkema deutet zwar mit dem antiken Fährmann Charon tiefere Dimensionen an. Dieser Todesfährmann der Antike rudert immer dann im Nachen über den See, wenn eine Art Mond als Lichterkugel aus ihm emporsteigt. Andererseits gibt es auch Gegenwartsandeutungen in dieser Inszenierung, beispielsweise kommt die Jagdgesellschaft des Prinzen mit dem Jeep angefahren. Der Heger und der Küchenjunge dürfen mit einem eindeutig aus Prag stammenden Kleinbus auf die Bühne fahren, der quasi als mobile Schlächterei dient. Auch ein Schlauchboot ist im Ein-satz. Aber ansonsten gibt es keinerlei böhmischen Anleihen. Und die Nixe Rusalka, aber auch der Wassermann, die dürfen mit Fischschwanz als reptilienartig-fischige Wasserwesen auftreten, so fischig, um nicht zu sagen so grätig, wie man sie lange nicht gesehen hat.

 

Die moderne, psychologische Dimension des im Jahre 1900 uraufgeführten Stücks kommt in Dijkemas Lesart zu kurz. Er erzählt das Stück eindimensional als Märchen, mit ein paar Zeit-bezügen nach hinten und nach vorne, was die Überzeitlichkeit des Themas betonen soll. Dass das Libretto von Jaroslav Kvapil eine ordentliche Portion Gesellschafts- und Zivilisationskritik ent-hält, kann man nur – wenn man will, dem Text der Übertitel entnehmen. Ansonsten herrscht freie Märchenpoesie vor, sehr detailbewußt gearbeitet, aufwendig in der optischen Realisierung. Der Clou der Aufführung ist das Haus der Hexe Jezibaba, die Rusalka den Fischschwanz abschneidet und sie zum Menschen macht. Jezibabas Hexenhaus kommt auf Hühnerfüßen angelaufen. Es handelt sich also um die russisch-slawische Hexe Baba Yaga, die man da sieht, sie ist auch höchst theatralisch gemummt. Und die Waldfeen sind üppige, nackte, ursteinzeitliche Venusfrau-en mit breiten Hüften, hängenden Brüsten und Schweinsköpfen. Alles Elfenhafte geht ihnen ab. Es sind eher antikische Erosgrotesken. Sie dürfen übrigens aus geysirhaft dampfenden Bühnen-öffnungen auf- und abtreten. Also da geht die Phantasie des Regisseurs ein wenig mit ihm durch, will sagen weit über das böhmische Märchen hinaus. Aber alles Psychologische, alles Doppelbö-dige, um nicht zu sagen Abgründige, das hinter diesem Märchen lauert, was ja zuletzt Stefan Herheim in seiner grandiosen Dresdener Inszenierung auf die Bühne brachte, bleibt in Leipzig außen vor. Herheim, wenn ich daran erinnern darf, zeigte ja eine psychoanalytische Lesart des Stücks, er zeigte eiverdeutlichte im Märchen die Entfremdung des männlichen Eros in einer von patriarchalischen Machtprinzipien beherrschten, verlogenen Welt. Solchen Tiefsinn vermisst man allerdings bei Dijkema. In seiner Inszenierung herrscht reine, zauberhaft-kindliche Poesie.

 

Das Stück ist nicht leicht zu besetzen. Mit Olena Tokar hat man eine sehr jungmädchenhafte, anrührende Rusalka-Interpretin, die diese Nixe, die sich nach Menschsein und nach einer an-deren Welt sehnt, glaubwürdig verkörpert. Auch Kathrin Göring als Fremde Fürstin trumpft mit ihrer bemerkenswerten Stimme auf, über ihr Carmen- Kostüm kann man allerdings unterschied-licher Meinung sein. Ganz großartig ist Tuomas Pursios Wassermann, ein vollmundiger, sonorer, edler Bass-Bariton in stimmlicher Bestverfassung. Was man von der Hexe Jezibaba nicht sagen kann, die Karin Lovelius stimmlich eher ein wenig flach singt. Der britische Tenor Peter Wedd, der in Leipzig debütierte, ist der einzige Gast in dieser Produktion, die ansonsten aus dem Haus-ensemble besteht. Er singt keinen jugendlich strahlenden, eher einen tragisch gebrochenen Prinzen in Maske und Kostüm übrigens eines lächerlichen Theaterkönigs mit Zackenkrone. Im letzten Akt scheint ihn sein Unglück optisch in King Lear-Nähe gerückt zu haben. Insgesamt eine glaubwürdige sängerische Besetzung auch in den Nebenrollen.

 

Kapellmeister Christoph Gedschold hat die Musik Dvoraks sehr schön, sehr romantisch spielen lassen. Das Gewandhausorchester ist in Topform. Aber das Dirigat ist eben nur schön. Es ist ein Schwelgen in weicher Spätromantik. Dass diese Musik auch Ecken und Kanten, Schärfen und Widerhaken hat, das hört man bei Gedschold kaum. Es fehlt dem Dirigat der kraftvolle, pointierte Zugriff, man könnte auch sagen, es fehlt ihm das Tragische, auch alles Moderne, das hinter aller böhmischen Musikantik lauert. Schon die ersten Takte der Ouvertüre waren belang-los unterbelichtet und zeigten wo es hinging: Auf eine harmlose, weiche, sanfte Interpretation dieser böhmischen Märchenmusik. Christoph Gedschold bleibt wie die Inszenierung an der – allerdings hochglanzpolierten – Oberfläche des Stücks.

 

Rezension auch in MDR-Kultur am 4.12.2017