Rossini Opera Festival Pesaro 2015

Dieter David Scholz

 

 

© Photos: Studio Amati-Bacciardi / Rossini Opera Festival

 

Das Rossini Opera Festival 2015: Ein wahres Sängerfest

 

 

Beim 36. Rossini-Opera-Festival in Pesaro wurde Damiano Michielettos Inszenierung der Oper „La gazza ladra“ aus dem Jahre 2007 (in der großen Adriatic Arena) mit neuer, exquisiter Sängerbesetzung wiederaufgenommen. Unter Donato Renzettis souveräner Leitung spielte das Orchester des Teatro Comunale di Bologna vorzüglichsten Rossini. Der junge Dirigent Enrique Mazzola, einer der begabtesten seiner Generation, dirigierte die einzige Neuproduktion dieses Jahres, „La Gazzetta“ im altehrwürdigen Teatro Rossini und versetzte das Orchester des Teatro di Bologna - wie das Publikum - in ein wahres Rossini-Delirium. „La Gazzetta“ ist ein Frühwerk, in dem Rossini patchworkartig vieles bereits Komponierte wiederverwendete, und doch ist es alles andere als anspruchslos. Es ist eine Oper mit einer Fülle von Ensembles: Zwei großen Finali, zwei Quintetten (das zweite war in der neuen kritischen Edition des Werks zum ersten Mal zu hören), einem Quartett, zwei Trios, zwei Duetten und vielen Arien.

 

Nicht kompliziert ist dagegen die Handlung von „La Gazzetta“. Rossini hat das Stück frei nach Goldonis Komödie „Il matrimonio per concorso“ , Heirat per Anzeige, komponiert. Der Titel sagt schon alles: Ein neureicher neapolitanischer Kaufmann, er heisst Don Pomponio, hält sich mit seiner Tochter Lisetta in Paris auf, um dort eine gute Partie für sie zu ergattern. Also gibt er in einer Tageszeitung ein Inserat auf, um für sie einen Mann zu suchen. Die großspurig pikante Anzeige amüsiert ganz Paris, insbesondere das Hotel, indem man wohnt, allesamt Beziehungssuchende: Väter, Töchter, Söhne, Wichtigtuer und Lebemänner. Daraus entwickelt sich beim türkischen Maskenfest im 2. Akt ein Verwirrspiel der Interessen und Gefühle. Am Ende finden sich zwei junge Paare und erhalten schließlich den Segen der gefoppten Väter.

 

Regisseur Marco Carniti zeigt das Stück im Paris der Fünfzigerjahre, für das Maria Filippi extravagante Kostümkreationen entworfen hat. Aber dieses Paris ist nur eine schlichte Idee von Paris. Lediglich symbolische Andeutungen verweisen auf den Ort. Zeitungsinserate hängen vom Bühnenhimmel herab. Die Spielfläche, ein Schaukasten aus beleuchteten, transparenten Plastikfahnen, ist ansonsten puristisch leer. Requisiten werden vom „Kellnerballett“ atemlos hinein- und hinausgetragen. Marco Carniti kommt vom Piccolo Teatro in Mailand, also aus der Strehler-Schule und setzt auf kostensparende Einfachheit. Dagegen ist nichts zu sagen, zumal in Theaterzeiten, in denen das Geld knapp ist, auch in Pesaro. Es ist die explosive Mischung von Rossini und Goldoni, die Carniti zu aktionsreichem Theater animiert. Virtuos läßt er eine turbulente Komödie abschnurren und entfesselt eine große Gaudi, in strenger Ästhetik und in Anlehnung an die Commedia dell' Arte. Für den Diener Don Pomponios hat er denn auch den virtuosen Schauspieler Ernesto Lama engagiert, der eine typisch neapolitanische Mischung aus Arlecchino und Jettatore hinlegt.

 

Dass der Abend so fasziniert, ist auch einem vorzüglichen Sängerensemble zu verdanken, aus dem neben dem erstklassigen Tenor Maxim Mironov und einem launigen Nicolai Alaimo (als Don Pomponio) der elegante Sängerdarsteller und Bariton Vito Priante (der in Pesaro debütierte) und die armenische Sopranistin Hasmik Torosyan als Lisetta herausragen. Auch singt zum ersten Mal beim Rossini Festival. Sie ist eine begnadete "Zwitschermaschine". Dank Alberto Zedda - dem Grandseigneur unter den Rossinispezialisten werden bei diesem weltweit bedeutendsten Rossini-Opern-Festival immer wieder neue Talente entdeckt. Der Nachwuchs an Rossinisängern wird von ihm in der Accademia Rossiniana in Sachen Belcanto getrimmt. Sein Rezept ist ganz einfach:

 

"Es ist kein Geheimnis: Ich lasse vorsingen und meine Erfahrung sagt mir sehr schnell, wer geeigent ist. Wenn die Sänger eine gute Technik haben und gute Musiker sind, dan kann ich sie in wenigen Wochen zu Rosini-Sängern entwickeln. Es ist bei Rossini doch wie beim Kochen. Kochen ist eine Art von Kreativität, bei der man aus einfachen Zutaten etwas Köstliches zaubert. Jeder kann Rossini singen. Er braucht nur Phantasie, Kreativität und einen theatralischen Sinn, Imagination, das ist es, worauf es ankommt!"

 

Von den auch in diesem Jahr erstaunlichen Ergebnissen konnte man sich in einer beeindruckenden Aufführung von „Il Viaggio a Reims“ überzeugen, in der mindestens ein halbes Dutzend vielver-sprechender neuer Stimmen auffiel. Stars wie Juan Diego Flórez (der 1996 von Pesaro aus seine Weltkarriere startete) oder Anna Goryachova kann man in der „Messa di Gloria“ und im „Stabat Mater“ hören, Olga Peretyatko in einem der drei „Concerti di Belcanto“. Klaviermusikfreunden werden Rossinis Alterssünden präsentiert. Die Wiederaufnahme der Farca „L´Inganno Felice“, eine Produktion Graham Vicks aus dem Jahre 1994 war die dritte Opernproduktion der diesjährigen Rossini-Festspiele, die sich aufgrund ihres Alleinstellungsmerkmals und ihrer hohen künstlerischen Qualität stabilen Publikumszuspruchs erfreuen, wieder einmal als ein Sängerfest erwiesen. Im nächsten Jahr bringt man neben einer Wiederaufnahme der spektakulären Produktion von „Ciro in Babilonia“ zwei Neuproduktionen heraus: „La Donna del Lago“ und „Il Turco in Italia“.

 

 

 

Beiträge auch in DLR-Kultur (Fazit), DLF, NMZ, Das Orchester