Bergs Lulu in Leipzig

Dieter David Scholz

 

 

Photos Tom Schulze

 

 

„Lulu“ ist in der Metoo-Debatte angekommen

Gestern Abend (16.06.2018) hob sich der Vorhang für die letzte Opernpremiere dieser Spielzeit im Leipziger Opernhaus: Man stellte einen Klassiker der Moderne in den Mittelpunkt des Festwochenendes »325 Jahre Oper in Leipzig«.

 

 

Die Geschichte über den Aufstieg und Fall der Kindfrau Lulu nach Frank Wedekind ist eine Parabel über den Kampf der Geschlechter, aber auch ein Abgesang auf das bürgerliche Zeitalter. Lulu macht die Männer um sich herum zum Spielball ihrer Obsessionen, bis sie schließlich selbst, am Tiefpunkt angekommen, von einem Mann kaltblütig ermordet wird. Eine klassische Femme fatale.

 

Natürlich zeigt Regisseurin Lotte de Beer die eiskalte, männermordende femme fatale, die Lulu zweifellos ist, aber sie richtet den Focus ihrer Inszenierung auf die Entstehung dieser vernichtenden Kindfrau, auf die psychische Genese dieser Persönlichkeit. Wie wird Lulu zu Lulu? Von daher bringt sie die Kindheit Lulus ins Spiel. Das kleine Mädchen Lulu wird gezeigt, wie es den Zirkus geht, sich dafür prostituiert, um an Karten zu gelangen. Man erfährt, wie Lulu peu à peu zur Kinderprostitution angehalten, wo nicht gezwungen wird. Am Ende des langen Abends tritt das kleine Mädchen dann sogar auf. Ein Frauenschicksal. Kinderprostition. Verführung Minderjähriger. Wie wird so ein männliches Sexobjekt gemacht? Das ist es, was Lotte de Beer in ihrer „Lulu“-Inszenierung interessiert. Damit springt sie auf den Zug der Metoo-Debatte und macht sie zum Thema ihrer Auseinan-dersetzung mit dem Stück. Das ist zu einem großen Teil reines Behauptungs-und Betrof-fenheitsheater, denn was die Personenführung angeht, lässt die Regisseurin die Personen im Stich, psychologisch gesehen. Da wird sie doch sehr pauschal und macht nicht selten Rampentheater der sexistischen Art. Der männliche Griff zum Hosenladen, die Begattungs-stellung, narzisstisches Weiblichkeitsgetue sind die immer wiederkehrenden szenischen Momente der Inszenierung. Ein bisschen wenig zum Thema, finde ich. Da hat man schon weitaus faszinierendere und originellere Inszenierungen gesehen.

 

Alex Brok hat für Lotte de Beers Inszenierung eine Art Lichtspielbühne entworfen, im Hintergrund eine die ganze Bühne ausfüllende Kinoleinwand, davor senken sich immer wieder Projektionsflächen vom Schnürboden herab. Und darauf werden Filmsequenzen der Theater-Videokünstler Momme Hinrichs und Torge Möller von der Firma FettFilm gezeigt: die Geschichte des verführten kleinen Mädchens Lulu, Zirkusleben, die geographischen Orte der Handlung, ein Panorama der europäischen Hauptstädte gewissermaßen, aber auch historische Räume, Varietétheater, Strassenszenen, Theaterszenen, die bürgerliche Welt von damals, auch die gerichtliche Verurteilung Lulus wird als Film gezeigt. Es ist eigentlich Videotheater, was da im Leipziger Opernhaus veranstaltet wird, im Hintergrund und auf den bis zu sechs Projektionsflächen. Das wird teils aufgesplittet, ist räumlich versetzt, manches überlagert sich. Auch die Szenenanweisungen werden als Schrifttafeln eingeblendet und der Text wird, allerdings nur in ausgewählten Dialogen und meist nicht synchron mit der gezeigten Handlung, übertitelt auf diesen Projektionsflächen. Aber eben nur Bruchstücke des Textes. Dieses Videotheater wird ziemlich rasch monoton, um nicht zu sagen langweilig. Es macht die Produktion eindimensional und wenig theatralisch, obwohl Jorine von Beek wundervoll theatralische Kostüme beigesteuert hat.

 

Die Oper „Lulu“ steht und fällt mit der Besetzung der Titelpartie. In der der Oper Leipzig gibt Rebecca Nelsen ihr Rollen- und Hausdebüt. Die in Texas geborene Sopranistin, festes Ensemblemitglied der Volksoper Wien, hat bereits alle großen Partien ihres Fachs gesungen und brillierte zuletzt als Marilyn Monroe in einer Oper von Gavin Bryars.

 

Rebecca Nelsen ist von ihrer Erscheinung her tatsächlich eine Lolita, ein Kindfrau, der man das Vamp, eine seelenlos eiskalte Edelprostituierte abnimmt. Nur stimmlich lässt sie zu wünschen übrig. Ihrem in der Höhe etwas quietschenden Soubrettensopran fehlt es an Natürlichkeit des Singens und vor allem an Wortverständlichkeit. Es ist eine sehr künstliche Art zu singen, die Rebecca Nelson vorführt. Man könnte das als Stilmittel zur Charakteri-sierung der Rolle, einer Kunstfigur, akzeptieren, nicht aber ihre im Laufe des Abends immer ungenierter werdende Art, ohne Rücksicht auf Wortverständlichkeit zu Schreien. Sie brüllt über weite Strecken nur unverständliche Vokalisen. Leider muss man auch einem Großteil des übrigen Ensembles diesen Vorwurf machen. Auch Simon Neal als Dr. Schön und Jack the Ripper, Joshua Morris als Medizinalrat , Yves Saelens als Alwa und Randall Jakobsh als Athlet, um nur die Auffälligsten zu nennen. Patrick Vogel als Maler und Kathrin Göring als Gräfin Geschwitz bilden rühmliche Ausnahmen und sängerische Lichtblicke in dieser Produktion. Es wird von fast allen Sängern der vielen Partien auch zu laut gesungen, dessen bedarf das Stück nicht, und das verlangt das Stück auch nicht. Es handelt sich schließlich um eine Schauspieloper, die verstanden werden will. Das aber ist durch die internationalen Besetzung, mit der man diese an Darstellern aufwendige Oper in Leipzig für ganze drei (!) Aufführungen stemmt, bedauerlicherweise nicht gegeben.

 

 

Das durch Bergs Tod 1935 unvollendete Werk ist ein großes Opernspektakel und geradezu eine Ikone der grundlegenden Veränderungen des 20. Jahrhunderts in der Musik. Die in Leipzig gespielte, von Bergs österreichischem Landsmann Friedrich Cerha vollendete dreiaktige Fassung wurde 1979 unter Pierre Boulez in Paris uraufgeführt. GMD Ulf Schirmer stand am Pult gestern Abend.

 

Der Hausherr dirigiert durchweg zu laut, er dirigiert das Stück sehr sinfonisch, man könnte auch sagen sängerunfreundlich. Kein Wunder, dass die Sänger schreien. Dabei gelingen Maestro Schirmer immer wieder betörende, verblüffend klangsinnliche Passagen, zumal das Gewandhausorchester prachtvoll spielt. Was diese Lulu-Lesart auszeichnet: dass Ulf Schir-mer in seiner Lesart den raffinierten Stilmix Alban Bergs, gewissermaßen die Machart des Stücks, auch seine durchaus romantische Seite hörbar macht. Was aber dennoch den langen, sehr langen Abend - gute dreieinhalb Stunden - auch musikalisch strapaziös macht, dass das Trommelfell des Zuhörers arg strapaziert wird, seitens des Orchesters, aber auch, und eben deshalb, seitens der Sänger.

 

Rezension auch in MDR-Kultur