Parsifal Barenboim Tcherniakov 2015

© Photos: Ruth Walz



Eine Sternstunde: Daniel Barenboims „Parsifal"


Die Berliner Staatsoper hat am 28. 3. 2015 eine Neuproduktion von Richard Wagners Bühnenweihfestspiel "Parsifal" unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim herausgebracht. Die Premiere war Auftakt der alljährlichen Festtage der Staatsoper. Regie führte der mit Preisen überhäufte, vielgefragte Dmitri Tcherniakov, den Barenboim vor zehn Jahren zum ersten Mal für Mussorgskys "Boris Godunow" nach Berlin holte. Der russische Starregisseur hatte schon vor der Premiere  bekannt, dass er sich nicht an die gängige Auffassung der Titelpartie halten würde und Parsifal eher als „Psycho-Fall mit Muttersöhnchen-Komplex und sexuellen Neurosen“ sehe denn als Erlöser. Um so mehr sah man der Neuproduktion mit Neugier und großen Erwartungen entgegen.


Tcherniakov hat einen oktogonalen, mit Säulen verzierten Sakralbau auf die Bühne gestellt. Man denkt an Friedrichs des Staufers Castel del Monte in Apulien, an Aachens Kaiserpfalz, oder an eine romanische Kirche, es könnte auch eine russisch-orthodoxe sein.  Doch diese „Kirche“ ist entweiht, der „Gralstempel“ geschändet, profaniert, offenbar längst einer anderen als der ursprünglichen Bestimmung übereignet, heruntergekommen, notdürftig elektrifiziert, man hat eine Betondecke eingezogen. Allerhand Lampen  hängen von der Decke herab. Eine ungepflegte Unterschicht-Männergesellschaft hat sich in diesem Gebäude eingenistet, von Rittern keine Spur. Es sind zottelige, bärtige Männer in Mänteln, Jacken, Parkas, sie tragen Pudel- und Russenmützen. Handelt es sich um ein ehemaliges Heiligtum, das im Sozialismus verkam? Jedenfalls ist es Zufluchts-, Versammlungs- und Ritualort einer Brüderschaft entwurzelter, orientierungsloser Heutiger, die sich nach dem Gral sehnt. Sind es Juden, sind es Polen, Russen?


Jedenfalls hat Tcherniakov alles eindeutig Christliche in seiner Darstellung eliminiert. Faszinierend, wie er alles Unbehagliche in den Gralsszenen zu vermeiden weiß. Kein mystischer Dämmerschein senkt sich vom Himmel herab, kein rotglühender Gralskelch wird emporgehoben, keinerlei christlichen Symbolik bemüht. Abgsehen von der oberammergauhaft päpstlichen Fußwaschungsszene im dritten Akt.   Im nackten Bühnenlicht schreiten die Brüder dieser Gemeinschaft wie Clochards, Penner, Asoziale in den achteckigen Raum, in dem auch die Sitzbänke achteckig angeordnet sind. In einem rituellen Wasserbecken waschen sich die Männer beim Eintreten symbolisch Hände und Gesicht. Sind es gar Muslime? Gebrochenes Brot jedenfalls teilen sie nicht. Auch findet kein christliches Abendmahl statt. Stattdessen wird des Amfortas bandagierte Wunde aufgerissen, um sein aus ihr fließendes Blut in einem Glas aufzufangen, wie es einst der Legende nach Longinus mit dem Blut des am Kreuze sterbenden Heiland tat. In einer Karaffe wird dieses Blut mit Wasser vermischt. Jeder der Gralsbrüder trinkt einen stärkenden Schluck davon.  Das ist das Gralswunder in einer säkularisierten Inszenierung des Stücks, in der der Raum statisch ist und nicht zur Zeit wird, sondern an andere Zeiten erinnert. Die Brüder gewinnen Kraft durch das Trinken von Blut eines dahinsiechenden, sterbenden Sünders. Nichts von der von Wagner beschworenen Reinheit ... So verwundert es nicht, dass am Ende des dritten Aktes Gurnemanz, Guru und Chefideologe der Unterschicht-Gralsgesellschaft, Kundry ersticht.  Parsifal trägt sie auf seinen Händen von der Bühne. Sie, der er mehr Zärtlichkeit entgegenbringt als man es je sah in "Parsifal"-Inszenierungen. Kein Wunder, denn sie ist für ihn die Verkörperung jener unerfüllten Sehnsucht nach dem Sexuellen, das in einer Art Rückblende als stumme Jugendepisode  gezeigt wird: Der kleine Parsifal, der dem nackten Weiblichen gegenübersitzt, es zu berühren versucht, aber von Mutter Herzeleide daran gehindert wird. Die Szene ist der Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung. Parsifal ist für Tcherniakov ein in seiner erotischen Entwicklung Gestörter, ein in seiner Libido blockierter,  ein um seine erotische Indentität gebrachter, um seine Sexulität betrogener Mann, der sich in Mitleid und Außenseitertum flüchtet. Ein gesellschaftlicher Outcast,  ein Aussteiger, der sich auch äußerlich von allen Übrigen unterscheidet. Kein pudelbemützter Zottelbart, sondern ein junger Tramper in Bermudas, mit Trackingrucksack,  Kapuzensweatshirt und Lederjacke.  Im zweiten Akt tötet er den pedantisch-hysterischen Klingsor, der sich mit seinen Blumenmädchen in Laura Ashley-Blümchen-Kostümen in einen sterilen, weißen Gralsoktogon zurückgezogen hat (Tcherniakov will uns weismachen, es seien Klingsors Kinder, wo er sich doch selbst entmannt hat, um gralsbruderschaftswürdig zu werden). Eine geschlossene Gesellschaft, in die Parsifal sich per Seil aus dem Oberlicht abseilt wie Tarzan. Auch die Gralsrittergesellschaft ist ein abgeschlossenes System einer Sekte von Sehnsüchtigen  wo nicht Wahnsinnigen, deren Mitglieder Parsifal nach der Rückgabe des Hl. Speers heftig begrabschen wie eine Reliquie und dann die Hände gen Himmel strecken, in immer wildere Ekstase geraten und zuckend und zitternd den Erlöser, den Messias oder wen auch immer erwarten. Parsifal ist nichts von all dem. Er hat eh nicht verstanden, was es mit dem Gral auf sich hat und verläßt mit der getöteten Kundry die Bühne. Erlösung findet bei Tcherniakov nicht statt. Er zeigt eine unerlöste, vielleicht unerlösbare Männerwelt, in der Kundry (die Verkörperung der Lust) ebensowenig einen Platz hat wie Parsifal, die personifizierte verhinderte Lust.


Auch wenn Tcherniakov am Ende alle Fragen offen läßt: Seine Inszenierung frappiert durch ihre tiefe Mensch-lichkeit und ihre konsequente und souveräne Verweigerung das Bühnenweihfestspiels mitsamt seinem nicht zu verleugnenden Unbehagen. Keine verkappte Religion wird da gepredigt, kein Quasi-Gottesdienst gefeiert. Der Gral ist für Tcherniakow nichts als Metapher der Aussöhnung von Vernunft und Herz, der Sehnsucht nach Befreiung der Seele und der Lust.  Parsifal hat das begriffen. Deshalb nimmt er Reißaus.


Nicht zu vergessen:  Wagner selbst nannte den "Parsifal" seine "letzte Karte". Er ist es in mehrerer Hinsicht: er ist persönlich-bekenntnishaftes Weltabschiedswerk im psychologischen Sinne, den Peter Wapnewski auf den Punkt brachte: "Um sich vor der zerstörerischen Heftigkeit des mächtigsten aller Triebe zu schützen, um ihn zu bändigen, zu pönalisieren, beschwor Wagner ein Reinigungs-Exerzitium, veranstaltete er ein flagellantisches Fest der Selbstkasteiung, der Selbstbestrafung durch die pathetische Zelebrierung christlicher Riten und ihrer sinnenabtötenden Postulate. Ein Versuch, den Klingsor in uns, die Kundry in uns zu überwinden."


Wagners „Parsifal“ wird bei Tcherniakow zur existenziellen Parabel der befreiten Sexualität als Traum eines Gewesenen… Utopischen.


Mit Wagners Bühnenweihfestspiel von der Erlösung durch Askese hat diese Inszenierung natürlich nichts mehr zu tun, auch wenn Gurnemanz  die Knappen per Diavortrag über die Gralsgeschichte und den Zuschauer über die Uraufführungsbühnenbilder und  historische Aufführungen aufklärt: Es war einmal…. 


Zurecht wurde der vorbildlich artkulierende, immer wortverständliche René Pape als Gurnemanz vom Premierenpublikum  gefeiert. Seine Stimmautorität ist beeindruckend. Mehr denn je wagt der Bassist diffe-renzierten, ja dramatischen Ausdruck jenseits bloß balsamischen Schöngesangs, er ist der würdige Nachfolger Kurt Molls. Ein perfekter Sänger- um nicht zu sagen „Musikdarsteller“ (Michal Hampe) ist auch der heftig umjubelte Andreas Schager, der mit seinem Rollendebüt als Parsifal eine Sensation ist. Ein idealer Wagnertenor mit jugendlich kraftvoller Stimme, die er technisch sicher und schlank führt, nie forcierend, subtil im Aus-druck, mit Mut zum Piano, aber viril im Klang, immer verständlich singend und spielend jenseits aller Opernsänger-konventionen.  Zudem ist er eine sportliche, ansehnliche Erscheinung fern aller schwergewichtigen Wagner-tenorklischees. Ein Glücksfall, dieser Sänger.  Seine große Zukunft hat mit dieser Aufführung begonnen. Glücklich, wer ihr beiwohnen durfte. Schon ist er in Bayreuth als nächster Parsifal gebucht, so ist zu lesen. Aber auch die als erkrankt angekündigte Anja Kampe meisterte die Kundry mit Bravour. Sie hat sich zwar zurückgehalten, hat manche hohen Töne nur markiert. Dennoch war es eine Glanzleistung, diese mörderische Partie trotz Indisposition so singen zu können, mit intelligenter Gestaltung, vorbildlicher Diktion und magischen Tönen in der Tiefe. Auch Matthias Hölles Titurel und Tómas Tómasson als Klingsor lassen keinen Wunsch offen. Der Staatsopernchor singt unter Martin Wright außerordentlich  diszipliniert.


Die Staatskapelle Berlin bringt unter Daniel Barenboims bedächtiger,  aber durchdachter Leitung Wagners Weltabschiedswerk zum Klingen, wie man es kaum je gehört hat.  Grandios, wie Barenboim jedes Orchesterdetail im großen Zusammenhang auszuleuchten und herauszuheben versteht, mit welcher Klarheit und zugleich emotionalen Wucht er dies schwierige Werk realisiert. Die Klangfarbenpracht, die die Staatskapelle unter Barenboim entfaltet betört. Famos, wie Barenboim über drei Akte hinweg die Spannung zu halten versteht, bei aller Langsamkeit. Er läßt sich nicht hetzen. Keiner kennt das Werk besser als er, keiner dirigiert es glutvoller, mystischer, dramatischer. So himmlisch und doch so sinnlich zugleich hat man Wagners „Parsifal“ kaum je gehört. „Parsifal“ scheint Barenboims Herzensstück zu sein. Ein bewegender Abend, ein Klangrausch, eine  Offenbarung. Man darf von einer musikalischen Sternstunde sprechen.  Barenboim ist der unangefochten kompetenteste "Parsifal"-Dirigent unserer Tage, außerhalb jeder Konkurrenz. An diesem Premierenabend hat er sich selbst übertroffen. Chapeau!