Giorgio Strehlers "Cosi fan Tutte" in Neapel

Kolorierte Lithographie des Teatro San Carlo zu Napoli (Im Besitz von Dieter David Scholz)

Photos: Teatro San Carlo di Napoli

Giogrio Strehlers "Cosi fan tutte"

Grandiose Reanimierung, Premiere 8.4.2011

Sternstunde im Teatro San Carlo in Neapel

Dieter David Scholz

 

 

Der weiße Vorhang im weißen Kasten, den man in die große barocke Vorbühne des altehrwürdigen Teatro San Carlo hineingebaut hat, hebt sich und man sieht auf einen Theatervorhang, auf den die Außenansicht des Teatro San Carlo gemalt ist. Theater auf dem Theater also. Und eine Hommage an dieses Haus. Der legendäre Regisseur Giorgio Strehler hat sie vor 14 Jahren kreiert. Es war seine letzte Arbeit, diese „Cosi fan tutte“. Mitten in den Proben verstarb er. Seine Mitarbeiter haben die Inszenierung vollendet. Unter ihnen Rosanna Purchia, die heutige Intendantin des Teatro San Carlo in Neapel. Angesichts der gegenwärtigen Finanznot in Italiens Theatern hat sie diese Inszenierung nun als preiswerte Übernahme vom Piccolo Teatro in Mailand – der Hauptwirkungsstätte Strehlers - nach Neapel geholt.

 

"Das ist schon wahr, in dieser schwierigen Situation. Aber es ist nicht der einzige Grund. Ich erlebte die Geburt dieser Produktion mit, ihre Entstehungsgeschichte. Nach Giorgio Strehlers Tod arbeitete ich am Piccolo Teatro. Als ich nach Neapel kam, und wir über Cosi fan tutte sprachen, wußte ich, es gibt nur eine Inszenierung, die hier hergehört und ich bat das Piccolo Teatro: Bitte gebt mir dieses Produktion."

 

Strehlers Inszenierung verzichtet auf großen Dekorationen und teure Ausstattung. Es ist eine schlichte, transparente, klare und einleuchtende Inszenierung. Zwei weiße Architekturfragmente, barocke, durchbrochene Wände, fahren hin und her und deuten damit Innen und Außenräume an, ein weißer Horizont. Zwei Bäume, Betten, Stühle, eine Doppelliege und türkische Kissen sind fast alles, was an Requisiten benötigt wird. Historische Kostüme der Mozartzeit, schöne Stoffe, magische Lichtstimmungen und scherenschnitthafte Pantomimen während der Umbauten fügen sich zu einer bezaubernden Einheit. Strehlers „Cosi fan tutte“-Inszenierung ist eine „Schule der Liebenden“ als szenische Poesie in Weiß. Skeptisch, aber ohne deprimierendes Ende. Und ohne alles Regietheater. Eine Mischung aus ernstgenommener Psychologie, Comedia dell´ Arte und zartem Zaubertheater mit Kerzen, Theaterschiffen und türkischen Verklei-dungsritualen. Und im Finale treten beide überkreuz geprüften Liebespaare samt Strippenzieher und Intrigantin wieder vor den Fassa-denvorhang des Teatro San Carlo. Es war nur ein Spiel. Aber es gilt dem wirklichen Leben. Neben der von Patrice Chéreau die berührendste „Cosi fan tutte“-Inszenierung, die ich je sah.

 

Die reanimierte „Cosi“-Produktion Giorgio Strehlers ist ein Glücksfall, nicht nur wegen der szenischen Bezugnahme auf das Haus der Aufführung, auch die sängerische Besetzung mit sechs jungen Solisten, die allesamt vorzüglich genannt werden dürfen, überrascht. Alle haben sie bereits mit den Großen der Historischen Aufführungspraxis gearbeitet: Sofia Soloviy als Fiordiligi, Marina Comparato als Dorabella, Nicola Ulivieri als Guglielmo, Edgardo Rocha als Ferrando, Marilena Laurenza als Despina und Giulio Mastrototaro als Don Alfonso.

 

Auch das Dirigat von Jonathan Webb, der die Einstudierung vom ursprünglich verpflichteten Alan Curtis übernahm, überrascht durch historisch informiertes, lebendiges, markantes und intelligentes Musizieren. Eine Sternstunde im neapolitanischen Teatro San Carlo, diese „Cosi“. Und ein Abend, der deutlich macht, dass dieses Theater, eines der größten und schönsten Barocktheater Italiens, an dem Uraufführungen von Rossini, Bellini und Donizetti stattfanden, aus seinem Dornröschenschlaf erwacht ist und zu neuer Blüte aufstrebt. Dank Rosanna Puchia und dem Generalmanager Salvatore Nastasi. Das San Carlo in Neapel ist nicht nur hervorragend restauriert worden, es punktet auch mit immerhin zehn Produktionen pro Saison, plus Konzerte und vielfältige Angebote für den Publikums-nachwuchs, trotz aller finanziellen Schwierigkeiten. Auch wenn der neue Kulturminister vor kurzem die jüngsten Sparauflagen des Operntotsparers Berlusconi zurücknahm:

 

"Das ist nicht genug. Jedes Jahr fragen wir uns, wie geht es mit dem Geld weiter? Es ist für uns sehr schwer, zu planen und Engagements für die Zukunft zu tätigen." (Rosanna Purchia)

 

Das Teatro San Carlo, direkt am Golf von Neapel mit Blick auf Capri gelegen, in der traditionsreichsten Opernstadt neben Venedig, ist im Aufwind und dabei, der Mailänder Scala, die gegenwärtig vor allem durch Koproduktionen und Halbherzigkeiten glänzt, das Wasser abzugraben, künstlerisch und von seiner Attraktivität her. Und das Publikum, das durchweg sehr viel jünger ist als unseres hierzulande, weiß das zu schätzen. Der Jubel war groß, einhellig und langanhaltend.

 

 

Beitrag für MDR Figaro, 9.04.2011