Das Land des Lächelns Montavon Erfurt

Dieter David Scholz

 

 

Photos: L. Edelhoff

Theater Erfurt

Aktualität ohne Aktualisierung

Franz Lehàrs "Land des Lächelns" in Erfurt

 

Es war einer größten Operettenerfolge, "Das Land des Lächelns", das 1929 (als überarbeitete Neufassung der "Gelben Jacke" von 1923) in Berlin uraufgeführt wurde. Der Komponist, Franz Lehàr hat das Werk als sein Lieblingsstück bezeichnet und zog es wegen seiner Bühnenwirksamkeit sogar der "Lustigen Witwe" vor. Guy Montavon, Intendant am Theater Erfurt, hat das Stück im Mai dieses Jahres in Hongkong herausgebracht. Jetzt zeigt er diese Produktion - es ist seine zweite Operetteninszenierung nach einer überwältigenden "Gräfin Maritza" - auch an seinem Thüringer Haus. Premiere war am 10. Oktober 2015.

 

Wer glaubt, es handele sich um einen billigen China-Import, der irrt! Die Produktion ist alles andere als billig. Kulissen und Kostüme wurden teils in Hong Kong, teils in Erfurt angefertigt, alles Europäische des ersten Aktes kommt aus Thüringen, alles Exotische der beiden letzten Akte aus China. Da prallen schon im Bildhaften zwei Welten, zwei grundverschiedene Kulturen aufeinander. Aber das trifft genau den Kern des Stücks, die Unvereinbarkeit verschiedener Kulturen. Sie sind nicht kompatibel. Am Ende des Stücks bricht ja auch auseinander, was nicht zusammengehört. Die Tochter des österreichischen Grafen Lichtenfels, Lisa, die ihrem Traumprinzen Sou-Chong nach China gefolgt ist und ihn geheiratet hat, stellt im letzten Akt fest, dass Traditionen, Mentalitäten und Landessitten zu verschieden sind. Sie verlässtSou-Chong und China. Der chinesische Herrscher bleibt allein zurück, gebrochenen Herzens. Es ist eine tragische Operette, in der das Exotische in die bekannte Welt, in diesem Fall Österreich, hereinbricht, und eine Österreicherin, weil sie das Gewohnte leid ist, ausbricht in eine exotische Lebensalternative. Das geht schief. Das Land des Lächelns wird zum Tal der Tränen. Aber beide Protagonisten haben etwas dazugelernt: Dass es alles andere als einfach ist, zwei einander so fremde Kulturen zusammenbringen zu wollen nach dem Motto "Wir schaffen das".

 

Es ist ein aktuelles Thema. Und doch haben Hausherr Guy Montavon und die aus Taiwan stammende Ausstatterin Hsiu-Chin Tsai den Ball nicht aufgegriffen und beispielsweise die aktuelle Flüchtlingsdebatte, in der es ja auch um einen Kulturkonflikt geht, in ihr Inszenierungskonzept integriert. Sie sind so klug, oder sagen wir, so sensibel, nicht in diesem Sinne zu aktualisieren. Sie lassen ja auch die zur Zeit der Uraufführung angesagte Aktualität außen vor: den Untergang der K&K Monarchie und die prekäre Situation des Reichs der Mitte am Ende des Ersten Weltkriegs. Es gelingt ihnen, das Stück für sich sprechen zu lassen. Es ist stark genug. Die Texte von Ludwig Herzer und Fritz Beda-Löhner sind eindeutig und lassen keine Fragen offen. Und durch das Aufeinanderprallen europäischer und chinesischer Bühnenästhetik, was Ausstattung und Kostüme angeht, man hat nicht an Aufwand und Pracht gespart, wird deutlich genug, worum es geht. Da muss man nicht mehr mit Zaunpfählen des sogenannten Regietheaters winken. Wiener Stadtpalais und Kaiserpalast in Peking sind Kontrast genug, zu begreifen, worum es geht. Das Premierenpublikum hats begriffen und hat die Inszenierung enthusiastisch gefeiert.

 

Alle großen Tenöre von Richard Tauber bis Nicolai Gedda habend die Partie des Prinzen Souchong gern gesungen. "Dein ist mein ganzes Herz" oder "Immer nur lächeln, niemals vergnügt" sind Evergreens geworden. Den Prinzen Souchong singt In Erfurt derselbe Sänger wie in Hongkong, der junge Koreaner Won Whi Choi, der über eine bemerkenswerte Tenorstimme verfügt. Er singt einen eher intimen, zerbrechlichen chinesischen Prinzen. Die litauische Sopranistin Jamanté Slezaite ist nicht nur eine bildschöne Frau, singt die Wiener Gräfin Lisa auch mit betörend schöner Stimme. Den meisten Applaus sahnt allerdings die chinesische Koloratursopranistin Lin Lin Fan als Mi ab, die Schwester des Prinzen Sou-Chong. Sie ist eine temperamentvolle und bezaubernde Sängerdarstellerin. Und ihre Partie ist die einzig Komische inmitten von im Grunde traurigen Gestalten. Aber auch alle übrigen Partien sind glaubwürdig besetzt. Insgesamt also sehr erfreulich die Sängerleistungen, noch erfreulicher wäre es gewesen, wenn die Sänger noch mehr auf Textverständlichkeit gesetzt hätten. Textverständlichkeit ist das A und O des Operettengesangs.

 

Samuel Bächli ist ein Idealfall am Pult, weil er Lehàr nicht billig, nicht ranschmeißerisch dirigiert, sondern äußerst feinsinnig und subtil. Der Spagat zwischen Wiener Dreivierteltakt und quasi chinesischer Pentatonik gelingt ihm bestens. Und vor allem hat er ein Gehör für die tragischen und modernen Untertöne dieser hochintelligenten, raffiniert instrumentierten Musik. Er lässt sie ohne Pathos und süßlichen Kitsch spielen, irgendwo zwischen Puccini und Schönberg. Franz Lehàr ist einfach ein großartiger Komponist. Sein „Das Land des Lächelns“ in Erfurt ist eine großartige Produktion.

 

 

Rezension in MDR Figaro, 11.10. 2015