Festival Pergolesi Spontin- in Jesi 2009

Dieter David Scholz

 

 

© Fondazione Pergolesi Spontini / Foto Binci

„Prigionieri e Fughe“

Das Festival Pergolesi Spontini in Jesi 2009

 

In der touristisch noch am wenigsten überfluteten italienischen Provinz der „Marche“ fand in diesem Jahr vom 9.-13. September zum neunten Mal das Festival Pergolesi Spontini" statt. Unter dem Titel "Prigonieri e Fughe", was soviel heißt wie "Gefangene und Fugen" (auch Fluchten). Unter diesem doppelsinnigen Motto gab es in diesem viel zu wenig bekannten Festival im Geburtsort Pergolesis und übrigens auch Kaiser Friedrichs II. von Hohenstaufen, in der Nachbarschaft (Majolati) wurde Spontini geboren, ein hochinteressantes Programm, dessen Höhepunkt die Ausgrabung und Aufführung der Oper "Il Prigioner Superbo" von G.B. Pergolesi war.

 

 

"Il prigionier Superbo“ – der hochmütige Gefangene - jeder kennt den Titel der Oper, aber nur weil in ihr das zweiteilige Zwischenspiel „La Serva Padrona“ aufgeführt wurde. Die eigentliche dreiaktige Opera seria war gewissermaßen vergessen, ja schien verschollen, nicht einmal die gängigen Opernlexika verzeichnen das Stück. Wer hat es je gehört und gesehen? So Mancher bezweifelte, ob die Oper überhaupt je existierte. Beim Pergolesi-Spontini Festival durfte man nun einer Ausgrabung und Aufführung dieser Oper beiwohnen, die 1732, nachdem das Teatro San Carlo in Neapel wegen mehrerer Erdbeben geschlossen worden war, zur Wiedereröffnung uraufgeführt wurde . Anlass war der Geburtstag der Habsburger Kaiserin Elisabeth Christina. Neapel war damals österreichisch regiert.

 

Thematisch soll das Festival Spontini und Pergolesi jedes Jahr neu beleuchten. “Il pri-gionier superbo” gab uns die Möglichkeit, uns einen Spaß zu erlauben, oder sagen wir eine Reflexion über die Gefangenen (in) der Musik. (V. de Vivo)

 

Vincenzo de Vivo, der die wissenschaftliche und die künstlerische Konzeption des Festivals wesentlich mitverantwortet, hat ein Repertoire zusammengestellt, das von den gefangenen Juden in Babylon, als Thema gregorianischen Gesangs bis zu zeitgenössischer Musik reichte, von Gabrieli und Scarlatti über Haydn und Beethoven bis zu zu Spontini und Brahms. Gefangene der Liebe und Gefangene der Ideologien wurden vorgeführt. Man spielte Präludien und Fugen von Schostakowitsch, geschrieben im Russland Stalins, aber auch Ton-Dichtungen von Umberto Sada, komponiert im Italien Mussolinis. Und so perspektivenreich das Programm, so unterschiedlich waren die Aufführungsorte: Die Tropfstein-Höhlen von Frasassi, Kirchen, Paläste, herrliche alte Theater und Klöster. Die Marken sind reich an exotischen Aufführungsorten.

 

Es ist schwarzer Humor, aber es war eine gute Gelegenheit, einen Blick auf unsere Gefängnisse zu werfen, über die Gefängnisse der Medien als auch der Vorurteile und mit der Freiheit der Fuge zu scherzen. Fuge heißt in Italien auch Flucht. Für die großen Kompo-nisten ist die Fuge eine Architekturform, die Welt zu verlassen, um in der Dimension der Planeten und ihrer Musik anzukommen, wie in Platos Philosophie. (V. de Vivo)

 

Im Mittelpunkt des Festivals stand, wie gesagt, die halbmythologische, pseudohistorische Oper “Il Prigonier Superbo”, eine so intri-gante, wie galante Staatsaktion um Überkreuz-Amouren und Machtwechsel, in der sich der norwegische König und seine Tochter, der Gotenkönig, die Tochter des ehemaligen norwegischen Königs und die Prinzen von Böhmen und Dänemark ein höchst kompliziertes Stelldichein geben.

 

Jede dieser Figuren hat eine Beziehung mit Jemandem gehabt oder will eine haben, Metalce der Hauptdarsteller, verliebt sich, obwohl er Ericlea heiraten will, in Rosmene. Ericlea hat eine Liebesgeschichte mit Mecista gehabt, Mecista versucht es wieder aufzufrischen und Ericlea benutzt das auch. Viridate war zusammen mit Rosmene. Also es geht alles überkreuz. Es hat etwas von einer Soap Opera, wie Dallas oder so... (H. Brockhaus)

 

Der Regisseur Henning Brockhaus hat gar nicht erst versucht, diese Oper realistisch oder historisch nachzuerzählen. In einer Mischung aus Traum und symbolischem Theater zeigt er in einem stillgelegten Steinbruch, in dessen Felswände numinose Zeichen, Symbole und Architekturfragmente wie Abdrücke von alten Zeiten künden, eine verrückte Schickeria-Partygesellschaft von heute. Plötzlich entdecken die Menschen Puppen, die ähnlich dem japanischen Bunraku Theater geführt werden. Die Puppen erzählen gewissermaßen die Rezitative, die Arien werden in der modernen Kostüm- und Personen-Sprache erzählt. (Giancarlo Coils hat sehr geschmackvolle Kostüme beigesteuert!) Diese Sprünge von einer Realität in die andere und die Gleichzeitigkeit von Barock und Gegenwart bringen phantastische Bezüge. Und die überrealistische szenische Sprache, in der Brockhaus die emotionalen Vorgänge vorführt, macht die Aktualität der Oper sinnfällig.

 

Ja ich denke, dass die emotionalen Probleme, die jeder von uns hat, im Barock besonders im Vordergrund stehen. Und ich bin auch der Meinung, dass der Realismus im Musiktheater ein völlig falscher Weg ist. (H. Brockhaus)

 

Die Inszenierung des „Prigionier Superbo“ von Henning Brockhaus im schönen Teatro Pergolesi, einem der noch völlig erhaltenen, großen italienischen Theater aus dem achtzehnten Jahrhundert, war ein starkes und schönes Stück Musiktheater. Allerdings ist die Oper selbst mit ihren 19 Arien, den Chören und Duetten ein Juwel an ungeschwätziger Barockoper. Pergolesi, der zum Zeitpunkt der Komposition 23 Jahre alt war, hat eine prägnante, harmonisch kühne, und reizvoll instrumentierte Musiknummer auf die Andere folgen lassen.

 

Die Oper ist ein Meisterwerk, sie ist eine der besten Opern im frühen 18. Jahrhundert. Pergolesi gelingt in den Arien jede Charakterdarstellung und -Entwicklung. Es ist seltsam, aber was Mozart in den Ensembles, gelang Pergolesi in den Arien. (V. de Vivo)

 

Auch die musikalische Seite der Aufführung dieser in unseren Zeiten nie gehörten Oper war hervorragend. Corrado Rovaris war mit der „Accademia Barocca de I Virtuosi Italiani“ ein zuverlässiger und höchst animierter Anwalt Pergolesis. Die Sängerbesetzung mit fünf Frauenstimmen, eine besser als die Andere, und alle nahezu unbekannte Damen (Marina Rodriguez Cusi, Marina de Liso, Annamaria dell´ Oste, Marina Comparato, Giacinta Nicotra) plus einem Tenor, auch er keine bekannte Grüße (Antonio Lozano), war erstklassig. Und da man die Kastratenrollen nicht mit Countern ersetzte, war die stimmliche Balance völlig ausgeglichen. Fast so etwas wie eine Sternstunde, diese Aufführung!

 

 

 

 

Beitrag im DLF