Das sogenannte Populäre

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Rainer Würgau / Bild von Stefan Mart

 

 

Das sogenannte Populäre

Seit politische Reporter Musikchefs werden kön-nen und Programmsprecher Musikredakteure, seit Sozialhelfer und unbedarfte Hausfrauen selbst in renommierten Tageszeitungen zu Musikkritikern avancieren, seit Musik in den Radioprogrammen nur noch – unterbrochen von Gute-Laune-Jingles, Kooperations- und Selbstbewihräucherungs-Trailern – vorwiegend häppchenweise dargeboten wird, präsentiert von Moderatoren, die keine Ahnung haben von dem, worüber sie reden, eingesetzt von verantwortlichen Redakteuren, die das nicht einmal merken, sitzt den Komponisten, Musikern und Musikkennern die Angst im Nacken, Musik werde nicht mehr ernst genommen. Ganz zu schweigen vom Boulevard-Faktor in der Hochkultur....

 

 

Wenn Moderatoren von Musiksendungen die Elisabethserenade von Ronald Binge mit einer der Elisabeth-Arien aus Wagners Tannhäuser verwechseln und im frisch forschen, aber gänzlich unbedarften Plauderton Allgemeinplätze von sich geben, wenn Musikkritiker angesehener Zeitungen ungestraft die Berliner Philharmoniker mit den Berliner Sinfonikern verwechseln dürfen, der Begriff „Theorbe“ in einem Artikel über Alte Musik auf Anweisung von oben gestrichen wird, weil er die Leser überfordere, wenn führende Musik-journalisten selbst überregionaler Tageszeitungen sich beinahe täglich

durch Uninformiertheit disqualifizieren, ist allerdings Grund zur Besorgnis gegeben.

 

 

Seit auch in manchen Schallplattenfirmen, Presseagenturen und Dramaturgie-Etagen der Opern- und Konzerthäuser der Einzug der Ahnungslosen stattgefunden hat, sind publizistische Dummheiten, Informationsdefizite und Falschmeldungen an der Tagesordnung. Die vielen Absurditäten in Presseveröffentlichungen und Programmheftbeiträgen sprechen für sich. Vom mangelhaften Umgang mit Sprache zu schweigen. Nicht zu reden vom Thema Musik im Fernsehen.

 

Warum dieser leichtfertige Umgang mit Musik? Wird Musik nicht mehr ernst genommen? Werden Hörer und Leser absichtlich für dumm verkauft? Warum diese zunehmende Geringschätzung von Kompetenz und Fachwissen? Warum diese Favorisierung des Leichten bzw. Seichten? Ist Musik nur noch etwas für Dumme? Gottlob denken nicht alle Musikjournalisten so … aber immer mehr.

 

Man muß sich über die Ergebnisse der Pisa-Studien und die Verflachung der (Musik-) Kultur nicht wundern, wenn die Bildungspolitik - zumal in Sachen Musik - versagt hat und Kulturpolitiker das Populistische seit Jahren propagieren und favorisieren. Ob Bundesliga oder Philharmonikerkonzert: Kultur ist für alle da! Natürlich. Aber ist Musik nur noch Teil einer Freizeit- und Verkaufsindustrie, in der Musik-managern empfohlen wird, die Erfolgsrezepte der Teppichhändler zu beherzigen und Musikjournalisten angewiesen werden, wie Groschenheftautoren zu schreiben, so anspruchslos wie möglich, und möglichst nicht so viel über die Musik, dass auch der Dümmste sich angesprochen fühlt? Ist der viel beschworene Begriff Medienkooperation wirklich das Zauberwort heutigen Erfolgs. Damit schafft sich doch die ernstzunehmende Musikkritik selbst ab zugunsten zeitgeistiger Eventbewerbung nach dem Motto: Eine Hand wäscht die andere.

 

Noch nie haben sich so viele Unberufene bemüßigt gefühlt, über Musik zu äußern. Und noch nie haben so viele Betroffene, Musiker und Komponisten weitgehend aufgehört, Musikkritik und Musikjournaille ernst zu nehmen. Was wäre denn, wenn sie den Spieß umdrehten und nur noch für Dumme komponierten und nur noch miserabel hemdsärmelig musizierten? Aber gute Musiker haben eben ein Ehrgefühl!

 

Mozart schrieb seinem Vater, der ihn gelegentlich „wegen des sogenannten Populare“ ermahnt hatte, er schreibe „Musik für alle Gattungen von Leuten, – ausgenommen für lange Ohren nicht.“

 

(In der Zeitschrift "Partituren", Nr.4/2006, S. 69)