Mozarts Il Sogno di Scipione in Venedig

Dieter David Scholz

 

 

 

Photos: Michele Crosera

 

Alptraum eines Vaterkonflikts

Am 8.02.2019 hat in Venedig das Teatro La Fenice in seiner zweiten Spielstätte, dem Teatro Malibran, die sehr selten aufgeführte dramatische „azione teatrale“ "Il Sogno di Scipione" - Der Traum des Scipio – des 16-jährigen W.A. Mozart herausgebracht. Intendant Fortunato Ortombina ist stolz darauf: “Das Theater Malibran ist ein Juwel. Und es ist viel älter als das La Fenice. Es wurde schon in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts eröffnet. Als Georg Friedrich Händel nach Italien kam, um das Opern-handwerk zu lernen und sich zu einem der größten Opernkomponisten zu entwickeln, hat er in diesem Theater seine Oper „Agrippina“ aufgeführt. Für uns heute ist dieses Theater der Ort, an dem wir Barockes spielen und Experimente machen. Die szenische Aufführung von „Il Sogno di Scipione“ ist schließlich auch ein Experiment, denn es ist ja keine Oper, sondern eine dramatische Serenade.“

 

Der erst 16-jährige Wolfgang Amadeus Mozart vertonte das ursprünglich für den Ge-burtstag Kaiser Karls VI. geschaffene Huldigungsgedicht eines der berühmtesten Librettisten seiner Zeit, Pietro Metastasios (das seinerzeit Luca Antonio Predieri in Töne gesetzt hatte) zum fünfzigsten Jahrestages der Priesterweihe des damaligen Salzburger Fürstbischofs Sigismund Graf Schrattenbach, der jedoch kurz vor diesem Jubiläum starb. Die Serenata wurde schließlich seinem Nachfolger gewidmet, Hie-ronymus Joseph Franz v. Paula, Graf von Colloredo Bischof von Gurk. „Zum allgem-einen Erstaunen und Kummer der Bevölkerung, die von ihm wenig Heil hoffte“, von einem „Fürsten, der sich in der Geschichte der Musik eine traurige Berühmtheit durch die unwürdige Behandlung Mozarts gesichert hat.“ (Otto Jahn: W. A. Mozart.)

 

"Il Sogno di Scipione" wurde zu Mozarts Lebzeiten nie in ganzer Länge aufgeführt. Bei der Uraufführung des Werks am 1. Mai 1772 im Fürstbischöflichen Palast in Salzburg begnügte man sich wohl mit der finalen Huldigungsarie des Stücks. Erst 1979 wurde das anderthalb-stündige Werk (mit Ouvertüre, zehn Arien, 2 Chören und langen Seccorezitativen) kon-zertant, dann nach einer nichtprofessionellen Aufführung beim Bayreuther Jugendfestspiel-treffen 1982 erstmals professionell 1984 von Christopher Hogwood in Vicenza aus der Taufe gehoben. Nun kommt es erstmals in Venedig auf die Opernbühne, nicht des Teatro La Fenice, sondern des Teatro Malibran, des ur-sprünglichen Teatro San Giovanni Grisostomo, das zu Unrecht im Schatten des be-rühmteren Hauses weniger beachtet wird als es verdient. Seit der Wiedereröffung des neuen alten Teatro La Fenice ist ein wesentlicher Teil der Spielplan-Konzeption des Teatro Malibran, wie Intendant Fortunato Ortombina betont: „Musik jugendlicher Komponisten mit jungen Leuten zu machen.“

 

Es sind ausgewählte Absolventen verschiedener Regie-, Kostüm- und Bühnenbild-klassen der Accademia di Belle Arti di Venezia, die an der Ausgrabung von Mozarts „Il Sogno di Scipione“ wesentlich mitwirken.

 

Der Dirigent Federico Maria Sardelli hat das Jugendwerk mit Elan und Verve ein-studiert und Chor und Orchester des Teatro La Fenice zu historisch informiertem, vitalem, wie beseeltem Spiel angehalten: “Diese Musik ist ein Wunder, denn der erst 16-jährige Mozart zeigt bereits eine erstaunlich profunde Kenntnis der Instrumen-tierung und Orchesterbehandlung. Er weiß schon sehr genau, wie man für Hörner oder Fagotte komponiert. Die zweiten Violinen haben so viele Noten zu spielen! Dieser junge Mozart ist schon ein perfekter Beherrscher der Musik.“ (Federico Maria Sardelli)

 

 

Mozart hatte die Azione teatrale (oder auch Serenata drammatica) Metastasios zwi-schen seinen Opern „Ascanio in Alba“ und „Lucio Silla“, die er für Mailand kompo-nierte, in kürzester Zeit geschrieben, angetrieben und begleitet auf seinen Italienreisen vom ehrgeizigen Vater Leopold. Das Stück ist Allegorie, Fürstenlob und philoso-phischer Traktat gleichermaßen, eine »dramatische« Version von Ciceros »Somnium Scipionis«: Der römische Feldherr Scipio der Jüngere ist eingeschlafen; da erscheinen ihm im Traum die Göttinnen der Beständigkeit (Costanza) und des Glücks (Fortuna) und verlangen von ihm eine sofortige Entscheidung, welcher von ihnen er im Leben folgen wolle. Sie haben ihn in den unermesslichen Himmelstempel gebracht, wo die Sterne erstrahlen und die Sphärenharmonien zu hören sind. Und wo er den Helden begegnet, die für Roms Ruhm kämpften und starben, darunter seinem Vater Aemilius (dem er leidend nicht wirklich nahekommen kann) und seinem Adoptivgroßvater Publius. Sie lassen ihn die Nichtigkeit der Welt erkennen, den Wahn und das Irren der Menschen, die dem Glück anhängen, das doch nur ein kurzer Traum ist. So wählt Scipio die Beständigkeit zu seiner Begleiterin – aber es ist, so verkündet die alle-gorische Figur der Huldigung in der Schlussapotheose des Stückes, nicht Scipio, dem dieser Traum huldigt, sondern es ist der neu gewählte Salzburger Fürsterzbischof Colloredo. In der venezianischen Produktion wird am Ende sinnigerweise dem Römer Scipio erst ein moderner Generalsmantel und schließlich ein barockes Bischofsornat übergeworfen, Anspielungen auf die Biographie Mozarts (die in der Inszenierung reflektiert wird) sowie die Aktualität des Vater- und Machtkonflikts im Stücks.

 

 

Der junge Tenor Valentino Buzza leiht Scipione seine gleichermaßen kultivierte wie virtuose, kraftvolle Stimme. Er ragt aus einer sängerisch beglückenden Aufführung heraus, deren weitere fünf Solisten (darunter noch zwei außerordentliche Tenöre (Emanuele D´Agu-anno und Luca Cervoni in den Partien der römischen Vater- bzw. Großvaterhelden) an Stimmschönheit, Stilsicherheit und Verzierungskunst ebenfalls kaum einen Wunsch offen lassen. Beeindruckend sind auch die Interpretinnen der um Scipio ringenden Göttinnen: Bernarda Bobro als Fortuna und Francesca Boncompagni als Costanza, beide „geläufige Gurgeln“ der Extraklasse.

 

Die Venezianerin Elena Barbalich, angesehene Opernregisseurin Italiens, hat Mozarts „Traum des Scipio“ mit Studenten der Accademia di Belle Arti Venezia, wo sie als Dozentin wirkt, als ein elegisches Traumspiel über Macht und Mächtige inszeniert, zwischen Engeln und realen modernen Menschen, antikem Rom, Mozartzeit und Heute hat sie das Stück angesiedelt. Die Studenten schufen dafür einen abstrakten, von Neonröhren gerahmten Bühnenraum, in dem sich schwarze Vorhänge heben und senken, transparente Plastiklamellen überlagern, Lichtstrahlen überkreuzen und Nebel kriechen. Man wohnt einem berührenden Theater der Symbole bei, einer Art Fried-hofsszene des Vaterkonflikts Scipiones, einer Choreographie verführbarer Menschen, einem Ballett um die Sonne kreisender Planeten (goldener Kugeln) und zartem Auf-scheinen himmlischer Sphärenmusik, die Mozart in Töne gefasst hat. Am Ende löst sich der poetische Traum in desillusionierende, ernüchternde Hinterbühnenwirklichkeit bei Probenlicht auf. Doch die Inszenierung ist mehr als nur philosophische oder poli-tische Parabel, sie reflektiert am Beispiel des Vaterkonflikts Scipiones auch den des knabenhaften Komponisten Mozart mit seinem Vater Leopold, wie Regisseurin Elena Barbalich erläutert:

 

“ Ich glaube, er fühlte sich bevormundet von seinem Vater, der auf guten Beziehungen zum Salzburger Erzbischof insistierte. Mozart mochte diese Komposition deshalb wohl nicht sehr, weil er sich zu ihr verpflichtet, ja gedrängt fühlte. Was für ein Zufall, dass es einen zentralen Vaterkonflikt in diesem Stück gibt. In den Charakteren von Emilio und Publio kann man gewissermaßen die zwei Gesichter von Mozarts Vater Leopold wieder erkennen. Meine Studenten und ich haben das versucht, wie in einem Alptraum vorzuführen.”

 

Die venezianische Aufführung des selten gespielten Jugendwerks Mozarts ist nicht nur eine musikalisch-sängerisch wie inszenatorisch geschmackvolle Produktion des Teatro La Fenice, sie darf auch als vorweggenommene Anspielung auf den Geburtstag von Mozarts Vater Leopold verstanden werden, der sich im November dieses Jahres zum dreihundertsten Male jährt.

 

 

Beiträge auch im Deutschlandfunk „Musikjournal“ und in der Zeitschrift „Crescendo“ (Sonderausgabe der DMG)