Volker Klotz Operette

In diesem gut geschriebenen, leicht lesbaren Buch wird auch der hartnäckigste Operettenverächter eines Besseren belehrt. Und es gibt nichts an vergleichbarer Literatur, die so sachlich und gründlich mit dem Thema umgeht. Die Operette ist besser als ihr Ruf! Die Misere heutiger Operette ist vor allem die Misere heutiger Operetten­interpretation.

Volker Klotz: Operette
Porträt und Handbuch einer unerhörten Kunst. Erw. Neuauflage

Bärenreiter Verlag 2004, 869 Seiten

Es ist die Bibel aller Operettenliebhaber, Operettenspezialisten oder einfach nur an der Gattung ernsthaft Interessierten: Das Operettenbuch, das Volker Klotz, an sich renommierter Literaturwis-senschaftler, 1991 herausbrachte. Es schlug ein wie eine Bombe. Das öffentliche Interesse an Operette ist zweifellos gewachsen, dennoch  muß die Operette nach wie vor gegen ungerecht-fertigte Vorurteile ankämpfen. In einer erweiterten und aktualisierten Neuauflage ist Volker Klotz noch einmal in den Ring gestiegen, um an diesem Kampf für eine "unerhörte Kunst", wie er die Operette nennt, anzutreten. Ein Interview mit dem Autor.


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Wenn man historische Operettenaufnahmen wie etwa die mit Max Hansen aus der Urauffüh-rungsproduktion des "Weißen Rössl" von Ralph Benatzky hört, dann fällt einem auf, wie rebel-lisch, wie ironisch und alles andere als spießig das ist, was man so Operette nennt. Die Operette ist eine verkannte, eine "unerhörte" Gattung, wie Volker Klotz in seinem Operettenbuch zurecht pro-klamiert. Die Misere heutiger Operette ist vor allem die Misere heutiger Operetten­interpretation. Dir Operette ist besser als ihr Ruf! Das hat keiner bisher besser dargestellt als Volker Klotz, wes-halb sein Klassiker denn auch in anderem Verlag nunmehr in die zweite Auflage geht, die stark er-weitert ist. 123 Operetten und Zarzuelas, die spanische Variante der Operette, werden behandelt und dargestellt, also 23 Werke mehr als bisher, von mehr als 50 verschiedenen Komponisten, da-runter völlig unbekannte italienische, ungarische oder kroatische Paradiesvögel.


Im ersten Teil des Buches liefert Klotz eine Definition der Operette, als im besten Falle drama-turgisch wie musikalisch "aufsässiges Bühnenstück, das wider erstarrte und verhockte Lebens-haltungen" anrennt. Urvater und Ausgangspunkt aller Operetten ist für Klotz Jacques Offenbach.

Die Offenbachiade mit ihrem subversiven Potential, mit einer Mischung aus Unterhaltung und Ironie, Witz und Ernst, Zynismus und Traum, Gesellschaftskritik, ja Herrschaftskritik und Amü-sement, aus Zweideutigkeit und Attacke. Die Offenbachiade ist die realisierte Utopie dessen, was Operette im Besten Falle sein kann bzw. könnte (und doch immer etwas Anders) . Aber schon von Johann Strauss an, der das Offenbachsche Modell auf Wien übertrug, machte sich der Niedergang bemerkbar. Vollends nach dem zweiten Weltkrieg, wo die noch vorhanden Reste von "kritischer" Operettenkultur und profundem Operettenhandwerk in Berlin, Wien und  anderswo vernichtet waren, war der Niedergang der Operette besiegelt. Sie wurde spießig, wurde spießig aufgeführt und sie kam in Verruf.


"In erster Linie aus Unkenntnis. Die Unkenntnis beruht aber nicht notwendigerweise auf Ver-stocktheit oder Blindheit, sondern es wird ihnen ja oft nichts anderes geboten auf den Bühnen. Wo man den Eindruck hat, das ist wirklich eine spießige Musik, ... Da mßte man dreinfahren, da müß-te man sagen: Das ist die auf Abwege geratene Operette.  Und das hat schon relativ früh begon-nen." Für Volker Klotz ist denn auch der Zigeunerbaron von Johann Strauss  "der eigentliche Sün-denfall der Operette. Da ist alles das, was in der ursprünglichen Offenbachiade vorherrscht, nicht mehr, nämlich das Unterste zu oberst zukehren, daß man die Hölle auf die Bühne bringt, daß man die Soldaten und die Polizei lächerlich macht als Staatsgewalt, daß man gekrönte Häupter und Geistlichkeit ins Rutschen bringt, mittels dieser flotten Musik, und daß man dafür auf diejenigen Gruppen Sozietät setzt, die sonst außen sind, Zigeuner, Akrobaten, Piraten, Korsaren, u.s.w.. Deshalb nenne ich die Operette ja auch  eine rebellische Kunst und keine spießige, jedenfalls die gute Operette,  sprich denjenige, die das offenbachische Prinzip weiterverfolgt."



Wer´s nicht glaubt, der schlage nach bei Klotz. In diesem gut geschriebenen, leicht lesbaren Buch wird auch der hartnäckigste Operettenverächter eines Besseren belehrt. Und es gibt nichts an ver-gleichbarer Literatur, die so sachlich und gründlich mit dem Thema umgeht. Es bleibt nur zu wünschen, daß das Buch möglichst viele Leser findet, damit der Ruf der Operette rehabilitiert wird. Gerade heute wäre die Operette als heiter-ironische Gattung von Musiktheater mit ihrem Bezug zu Alltagswirklichkeit und Politik wie als Gegengewicht zur mehr und mehr unkritischen Spaßgesellschaft mit ihrer Zeitgeistanbetung, Eventfavorisierung und Verblödung (siehe Pisa-Studie) willkommen. Operette – ríchtig verstanden und realisiert –macht aufmerksam auf Mißstände, rüttelt wach, stachelt an und macht Laune!

 

Rezension im SDR "Journal"