Zwei Debussy Editionen

Dieter David Scholz

 

 

Der ganze Debussy zweimal -Editionen bei Warner & DG

 

Am 25. März dieses Jahres jährt sich der Tod des Komponisten Claude Debussy zum 100sten Male. Sowohl Warner Classics, als auch die Deutsche Grammophon haben aus diesem Anlass je eine Edition „The Complete Works“ mit 33 bzw. 22 CDs (plus 2 DVDs) heraus gebracht.

 

Die zwischen 1903 und 1905 komponierten sinfonischen Skizzen „La Mer“ gehören heute zu den meistgespielten Werken Claude Debussys und längst zum impressionistischen Standard-Re-pertoire des Konzertlebens. Sie gelten als Ikone einer neuen formalen Konzeption der offenen musikalischen Form, die Debussy - der gleich weit von Schönberg wie von Strawinsky entfernt war – zum vielleicht ersten, modernen Komponisten machte. Nicht zuletzt der Komponist und Dirigent Pierre Boulez war es, der 1962 in der Zeitschrift „Melos“ schrieb. Seine Position an der Schwelle zur Neuen Musik gleicht einem Pfeil, der einsam in die Höhe schießt.“

 

Was für ein kompositorisches Ausnahmekaliber Claude Debussy war, lässt sich in den beiden gleichzeitig erschienenen Debussy-Editionen so eindrucksvoll und so vollständig wie nie zuvor erfassen. Das Repertoire und die Zahl der Einspielungen des Oeuvres Debussys ist enorm. Lied, Chormusik, Sinfonik, Oper und Kammermusik liegen in beiden Editionen mustergültig vor. Bei der Deutschen Grammophon gibt es beispielsweise eine wunderbare Einspielung des Streich-quartetts g-moll mit dem Emerson String Quartet. Bei Warner spielt das Nash Ensemble die Musique de scène pour les Cahnsons de Bilitis.

 

Am wenigsten hat Debussy im Bereich der Oper geschrieben. „Pelléas et Mélisande“ allerdings ist eines der intimsten Seelendramen des 20. Jahrhunderts, die impressionistische Oper schlecht-hin. Warner offeriert die wenig bekannte Aufnahme Armin Jordans mit dem Orchestre National de l´Opéra den Monte-Carlo. Die Deutsche Grammophon- Box enthält neben einem auf S DVDs festgehaltenen filmischen Mitschnitt einer Aufführung der Welsh National Opera unter Leitung von Pierre Boulez die wunderbare Gesamteinspielung die Claudio Abbado 1991 im großen Saal des Wiener Konzerthauses mit den Wiener Philharmonikern und einem handverlesenen Sänger-ensemble einspielte. Christa Ludwig, die vor wenigen Tagen ihren 90sten Geburtstag feierte, singt in dieser Aufnahme eine betörende Geneviève.

 

Im Gegensatz zur Grammophon Edition, die sich weitgehend auf Bewährtes und Bekanntes stützt, wartet die Edition des Labels Warner Classics mit Ersteinspielungen wie beispielsweise dem Fragment der Originalfassung der Oper „Der Untergangs des Hauses Usher“ in Klavier-fassung auf, aber auch mit den Bühnenmusiken zu Shakespeares „King Lear“, und zwar sowohl in Klavierfassung, als auch orchestriert von Jean-Roger Ducasse, eingespielt vom Orchestre National de l´ORTF unter Jean-Martinon.

 

Dass die Warner Box ganze elf CDs mehr aufzubieten hat als die Grammophon-Box liegt daran, dass sie neben allen bisher bekannten und auf Tonträger zugänglichen Werken Debussys eine beachtliche Reihe von erstmals eingespielten Werken verzeichnet. Beispielsweise die „Chanson des brises“ für Solosopran, Frauenchor und Klavier zu 4 Händen aus dem Jahre 1882. Das enor-me Klavierwerk für ein oder zwei Klaviere bzw. 4 Hände liegt in beiden Debussy-Editionen mustergültig eingespielt vor, freilich in unterschiedlicher individueller Parfümierung. Allerdings punktet die Warner-Edition mit einem Mehrwert an bisher nicht, oder nur selten Veröffentlich-tem wie etwa autorisierten Bearbeitungen von Werken Debussys aus der Hand von Komponisten, mit denen er freundschaftlich verbunden war, aber auch mit den Transkriptionen von Werken Joachim Raffs, Franz Schuberts und Richard Wagners, die Debussy anfertigte.

 

Zu den Raritäten der Warner Edition gehört neben vierzehn Klavierstücken, die Debussy 1913 auf Welte-Mignon-Walze aufnahm, die einzig bekannte Einspielung Debussys als Klavierbe-gleiter aus dem Jahre 1904, und zwar für Mary Garden, sie war die Sängerin der Mélisande bei der Pelléas-Uraufführung.

Bei den beiden auch optisch aufwendig gestalteten Debussy-Editionen, die der 100ste Todestag des Komponisten den Musikfreunden bescherte, hat man die Qual der Wahl, denn man muss sich zwischen so herausragenden Interpreten wie Pierre-Laurent Aimar, Martha Argerich, Jean Martinon, Neville Marriner, Mady Mesplé und Hervé Niquet, Kent Nagano, Manuel Rosenthal und Daniel Barenboim auf der Warner Seite und Leonard Bernstein, Maurizio Pollini, Pierre Boulez, Claudio Abbado, Ernest Ansermet, John Eliot Gardiner, Herbert von Karajan, Dino Gian und dem überragenden Debussy-Dirigenten Désiré-Emile Inghelbrecht auf der Grammophon-Seite entscheiden.

 

Die Warner Edition nimmt allerdings schon deshalb für sich ein, weil sie einfach alles enthält, was an Werken Debussys heute zugänglich ist. Wem es nicht nur um den bisher bekannten, son-dern um den „ganzen“ Debussy geht, einschließlich seiner weithin unbekannten, entlegenen, auch jugendlichen Werke, der ist mit der Warner Edition konkurrenzlos und bestens bedient.

 

 

Beitrag auch für MDR Kultur