O.G. Bauer R. Wagner in Würzburg

Dieter David Scholz

 

 

In Würzburg wurden die Weichen für Wagners theatralische Sendung gestellt

 

Oswald Georg Bauer hat eine Lücke der bisherigen Wagnerforschung geschlossen

 

 

Es gibt tatsächlich noch immer weiße Flecken auf der Landkarte der Wagner-biographik. Eine solche „terra incognita“ ist die Stadt Würzburg. Zwischen Januar 1833 und Januar 1834 versah Wagner die Stelle des schlechtbezahlten Chordirektors am dortigen Theater. Wagner plagte schon in Würzburg Existenzangst. Die zehn Gulden monatlich, die er als Gage erhielt, reichten für kaum mehr als die Miete eines bescheidenen Zimmers in der Unteren Kapuzi-nerstraße Nr. 40, gegenüber dem Hofgarten. Seinem Freund Theodor Apel vertraute er es in einem Brief vom 14. März 1833 an: „Meine Zukunft drückt mich jetzt schwer.“ Kaum ein Biograph hat der Würzburger Episode in Wagners Leben viel Aufmerksamkeit gezollt, obwohl Wagner in Würzburg das Tor zu seiner künstlerischen Zukunft öffnete.

 

Wagners älterer Bruder Albert, selbst Sänger, Schauspieler und Regisseur in Würzburg, vermittelte Richard die vakant gewordene, zeitlich befristete Stelle als Chordirektor am Würzburger Theater, obwohl er weder für das Dirigieren von Konzerten noch das Einstudieren von Chören ausgebildet war. Keine einträgliche Stelle, aber immerhin für den abgebrochenen Studenten ein erster Schritt in die Selbständigkeit und der erste praktische Kontakt mit dem Theaterleben. In Würzburg lernte Richard den Theateralltag kennen, konnte seine Fähigkeiten erproben und zeigen, was in ihm steckte. Oswald Georg Bauer hat in seinem Buch exemplarisch veranschaulicht, daß die politische Situation Würzburgs und seines Theaters zu Wagners Jugendzeit als symptomatisch für die deutsche Gesamtsituation angesehen werden darf:

 

"Die Revolutionskriege und die Feldzüge Napoleons, die das deutsche Reich beendeten; die Befreiungskriege mit der großen Beteiligung der Studenten; die Restaurationspolitik des Vormärz; die unterschwellige Unzufriedenheit der studentischen Jugend und der Intellektuellen mit Zensur und Bespitzelung und die Forderung nach Liberalisierung, die schließlich zur Revolution von 1848 geführt haben; die Neugründung des Theaters als neuer Ausdruck einer, vom Hof unabhängigen Bürgerkultur; der Wunsch, endlich die Idee eines deutschen Nationaltheaters zu verwirklichen.“

 

Auch der Spielplan des Würzburger Theaters war ein Spiegelbild der allge-meinen Situation des Theaters: der Verfall des deutschen klassischen Dramas nach Goethe und Schiller und der Erfolg von Iffland und August von Kotzebue, in der Oper ebenfalls das Ende der Klassik mit Mozart und Beethoven, dann der kurze Aufstieg der deutschen romantischen Oper mit Carl Maria von Weber als Ausdruck einer neuen nationalen Kultur nach den Befreiungskriegen, der Niedergang der deutschen romantischen Oper mit Marschner und schließlich die Dominanz der französischen Oper mit dem neuen Zentrum Paris, von dem die internationalen Erfolge von Auber und Meyerbeer ausgingen, und das neue, erfolgreiche romantische Melodram italienischer Prägung mit dem Hauptvertreter Vincenzo Bellini.

 

„Wie in einem Brennspiegel läßt sich hier der Prozeß verfolgen, in dem Richard Wagners eigene politische und künstlerische Prägung ihre Formung gewinnt. In Würzburg wurden die Weichen für seine theatralische Sendung gestellt“

Neben der Probenarbeit an dem umfangreichen Repertoire - auf dem Programm standen Herolds „Zampa“, Cherubinis „Wasserträger“, Webers „Freischütz“, Beethovens „Fidelio“, Aubers „Frau Diavolo“ und „Die Stumme von Portici“ sowie Rossinis „Tancredi“, Marschners „Vampyr“ und Meyerbers „Robert le Diable“ - komponierte Wagner an seiner (ersten vollständig erhaltenen) Oper, „Die Feen“, die er in Würzburg auch abschloß.

 

Oswald Georg Bauer hat das gründlich recherchiert und mit vielen Abbil-dungen und beigefügten Dokumenten eindrucksvoll dargestellt. Eine Lücke der bisherigen Wagnerforschung ist geschlossen worden.

 

Beitrag u.a. in SWR2, 2005

 

Oswald Georg Bauer: Richard Wagner in Würzburg, 168 S., Michael Imhof Verlag, 2004