Zingarellis Giulietta e Romeo in Schwetzingen

Photo © Annemone Take / OperTheater Heidelberg

Ein Werk des Übergangs

Wiederentdeckung Zingarellis in Schwetzingen

 

Seit 2011 unternimmt das Theater Heidelberg den Versuch, in einem auf sieben Jahre angelegten Projekt vergessene Meisterwerke der neapolitanischen Opernschule vorzustellen. In einem eigenen Festival "Winter in Schwetzingen" führt es diesen Zyklus im Rokokotheater des Schlosses auf. Er wird 2017 mit einer Oper von Porpora abgeschlossen werden. Nach Werken von Scarlatti, Porpora, Durante, Traetta, Vinci und Jommelli in den vergangenen Jahren grub man am 25. November 2016 Niccolò Antonio Zingarellis Oper "Giulietta e Romeo" aus. Nachdem man das Werk im Mai 2016 konzertant bei den Salzburger Pfingst-festspielen präsentierte, war es die erste szenische Wiederaufführung seit 1836.

Dieter David Scholz

 

 

Niccolò Antonio Zingarelli, drei Jahre vor Mozart geboren, überlebte diesen um sechsund-vierzig und Bellini, seinen berühmtesten Schüler, um zwei Jahre. Als Zingarelli 1837 starb, hatte sich Rossini bereits von der Bühne zurückgezogen und Donizetti mit „Lucia di Lammermoor“ eines der Meisterwerke der italienischen romantischen Oper geschrieben, deren Wahnsinnsarie als später Reflex der Ombra-Arie in Zingarellis "Giulietta e Romeo" verstanden werden darf. Zingarelli war zu seiner Zeit außerordentlich berühmt und er war sehr produktiv. Er hat nicht weniger als 38 Bühnenwerke geschrieben. Seine Oper "Giulietta e Romeo", uraufgeführt 1796 an der Mailänder Scala, war über 30 Jahre ein Erfolgsstück auf nahezu allen europäischen Opernbühnen, bis es von der Romeo und Julia-Vertonung seines Schülers Bellini verdrängt wurde. Die letzte Aufführung von Zingarellis Oper fand 1829 an der Münchner Hofoper statt. Das Theater Heidelberg hat sich 187 Jahre danach entschlossen, dieses Werk dem Vergessen zu entreissen. Zu Recht, denn Antonio Zingarelli (1753-1837) war der letzte Vertreter der neapolitanischen Barockoper und doch zugleich Visionär des Zukünftigen. Er wurzelte als Komponist unüberhörbar im neapoli-tanischen Barock, was seine Klangästhetik und sein Kompositionshandwerk betraf, aber er schlug eine Brücke über die Klassik bis zur Belkantooper des 19. Jahrhunderts. Man muss keineswegs die Ohren spitzen, um bei ihm bereits vorweggenommene Anklänge an Mozart, Rossini und Bellini zu hören.

Zingarelli und sein Librettist Giuseppe Maria Foppa halten sich frei an Shakespeares Handlung, wie sie auch von späteren Komponisten vertont wurde, aber die Besetzung der Gesangspartien entspricht noch ganz der Opera Seria der neapolitanischen Schule, auch wenn die Oper musikalisch mit der spätbarocken Seria, zumal dem metastaniasischen Opernmodell nicht mehr wirklich viel zu tun hat.

Neuartig ist vor allem die Aufwertung des Chors, den Zingarelli à la Gluck ins dramatische Geschehen einbindet. Die Musik mischt deklamatorische und lyrische Passagen. Da-capo- und liedhafte Arien wechseln sich ab. Accompagnato-Rezitative, aufwendige Ensemble- und Chorszenen sorgen für vorwärtstreibende Dramatik. Im letzten Akt gelingt Zingarelli mit Romeos berühmter Ombra-Arie in der Gruft der scheintoten Geliebten vor dem tragischen Doppelselbstmord ein Hit, der über drei Jahrzehnte das Opernpublikum Europas begeisterte.

Die Partie des Romeo wurde in dieser ersten italienischen Romeo und Julia-Oper ursprünglich für den Kastraten Girolamo Crescentini geschrieben. In späteren Bearbei-tungen brillierten darin Maria Malibran und Giuditta Pasta. Bellini hat diese Partie in seiner Vertonung des Stoffs, in „I Capuleti e I Montecchi“ schon als Hosenrolle für einen Mezzosopran geschrieben.

In Schwetzingen sang der koreanisch-amerikanische Countertenor Kangmin Justin Kim den Romeo. Er verfügt über eine enorm ausdrucksvolle Stimme und brilliert mit atemberaubenden Verzierungen. Aber nicht er, auch Emilie Renard als anrührende Giulietta, der Tenor Zachary Wilder und die übrigen Solisten der Produktion, ausnahmslos sehr junge Sänger, zumeist Spezialisten der Alten Musik, begeisterten das Premierenpublikum.

Zweifelhaft ist allerdings die arg eingestrichene Fassung, die man in Schwetzingen präsentierte. Felice Venanzoni, der die Rezitative selbst am Hammerflügel begleitete, animierte das Philharmonische Orchester Heidelberg zu lustvollem Musizieren auf modernen Instrumenten, aber durchaus historisch informiert. Der von Ines Kaun einstudierte Chor des Theaters Heidelberg sang und agierte engagiert. Man spielte eine Mischfassung aus Versionen der Oper, die in Archiven und Bibliotheken in Mailand, Bologna, Wien und Turin liegen. Der Musikwissenschaftler Aldo Salvagno hat für Schwetzingen eine eigene Fassung erarbeitet, da es keine Originalfassung, schon gar nicht letzter Hand gibt. Mehr als 30 verschiedene Fassungen existieren. Das Werk ist an verschiedenen Orten immer wieder und in immer neuen Bearbeitungen aufgeführt worden. Dirigent Felice Venanzoni sieht die Zeit noch nicht gekommen für einen puristischen Zingarelli, da die Musikwissenschaft jetzt erst anfange, sich für Zingarelli zu interessieren und bekannte, wie schwer es gewesen sei, eine eigene Fassung zu erarbeiten.

Weniger schwer tat sich das Regieteam von Nadja Loschky und Thomas Wilhelm mit der szenischen Realisierung von Zingarellis Oper. Ohne großen Aufwand und weitgehend ohne regieliche Mätzchen haben sie die Shakespearesche Liebestragödie erzählt, einleuchtend, wenn auch nicht spektakulär. Ausstatterin Daniela Kerck hat dem Prinzip Sparsamkeit folgend, eine schwarze Bühne gebaut, auf der es nur wenige Podeste, Tische und Stühle gibt. Der Einsatz schwarzer Schleier und Zwischenvorhänge, eine quirlige Personenführung und spektakuläre Fechtszenen, die an Straßenkämpfe verfeindeter Jugendgangs von heute erinnerten, verliehen der Aufführung große Lebendigkeit. Die Kostüme von Violaine Thel spannten einen Bogen von der Shakespearezeit zur Jeanskultur von heute. In der Schlussszene leuchtete über Allem der Neon-Schriftzug „And Peace Enters our Homes“. Eine sinnige Idee: Barock ist Vergangenheit. Kein Happy End. Jeder stirbt für sich. Das weist zurück auf romantische Tragik, die Zingarellis Werk schon vorausahnte. „Spurensuche“ also in jede Richtung. Eine überzeugende Inszenierung einer vergessenen, faszinierenden Oper des Übergangs.

 

 

Beiträge in SWR 2 Cluster und im Crescendo-Sonderheft der Deutschen Mozart Gesellschaft