E. Weissweiler: Friedelind-Biographie

Dieter David Scholz

 

 

Eva Weissweiler: Erbin des Feuers

Friedelind Wagner: Eine Spurensuche

Pantheon Verlag

Bayerns Finanzminister Konrad Pöhner war es, der 1968 mit Blick auf Friedelind Wagner, die sich wieder einmal respektlos über ihre Familie geäußert hatte, dem Anwalt der Wagner-familie schrieb: "Man weiß nicht, ob in der Familie die Dummheit oder die Gemeinheit größer ist." Wie auch immer: "In Friedelinds Leben spiegelt sich das Unglück, das ihrer Generation widerfuhr", behauptet Eva Rieger in ihrer im vergangenen Jahr erschienenen Friedelind-Biografie. Und betont, dass "diejenigen Frauen, die sich einen eigenen, selbständigen Weg durch das Leben" bahnen, "es besonders schwer" haben. Dabei ist Riegers 500seitige Friedelind-Biographie eigentlich der schlagende Beweis des Gegenteils! Friedelind war schon als Kind verwöhnt, sie lebte immer auf großem Fuß. Wo immer sie als Wagnerenkelin auftrat, wurden ihr rote Teppiche ausgelegt und sie hatte ein "Netzwerk" von Freunden und Förderern, auf das sie sich verlassen konnte. Eben deshalb enttäuscht die Friedelind-Biographie Eva Riegers, denn es mangelt der Biographin an sachlicher Distanz: Rieger stilisiert sie zur feministischen Ikone des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

 

 

Eva Weissweiler hat nun endlich die Friedelind-Biographie geschrieben, auf die man lange gewartet hat.

Eine „Spurensuche“ nennt sie das Buch. Sie hat mehr – und desillusionieren­deres gefunden, als sie suchte. Ihr Buch ist frei von aller Anbetung und Beweihräucherung. Eva Weissweiler räumt auf mit den vielen falschen Mythen und Legenden um Friedelind, das vermeintliche einzige nicht nazistisch angehauchte Familienmitglied in „brauner“ Zeit. Weissweilers detaillierte, vorurteilsfreie Darstellung der Vita Friedelinds, die in der Familie „Mausi“ genannt wurde und als vielgerühmtes „enfant terrible“ mit Ihrem offenen Widerstand gegen Mutter Winifred und Übervater Hitler die ganze Wagner-Familie brüskierte, kommt einer Enthüllung gleich. Denn auch die verwöhnt-verzickte Friedelind, so erfährt man, stand durchaus im Banne Adolf Hitlers und hat sich erst nach ihrer Emigration als Antinationalsozialistin der ersten Stunde stilisiert, vor allem in ihrem kolportagehaften Buch „Nacht über Bayreuth“.

 

Eva Weissweiler weist nach, dass viele Passagen in "Nacht über Bayreuth" - und zwar gerade die, die immer wieder zitiert werden - schlichtweg falsch bzw. frei erfunden sind. Ein beson­ders eklatantes Beispiel ist jne, in der Friedelind vom "Judenboykott" am 1. April 1933 berichtet. Tagsüber so liest man bei Friedelind, sei sie mit ihrer Mutter zu Besuch in der "Neuen Reichskanzlei" gewesen, (die zu dem Zeitpunkt noch gar nicht existierte), Goebbels und Ilse Heß seien ebenfalls zu Gast gewesen. Hitler habe einen Wutanfall bekommen, abends dann habe sie die Zauberflöte in der Staatsoper besucht, eine Aufführung mit dem Bassisten Alexander Kipnis und mit Leo Blech am Pult. In den Notizen des akribischen Tagebuchschreibers Goebbels findet sich kein Wort über diesen Tag in der Reichskanzlei. Goebbels konnte am 1. 4. auch gar nicht in der Reichskanzlei sein, weil er im Radio und an öffentlichen Orten Reden zum Judenboykott hielt, die filmisch und als Tonbänder erhalten sind. Ausserdem ist für den 1. 4. 1933 gar keine Zauberflöten-Aufführung nachzuweisen. Und Friedelinds Mutter Winifred war nachweislich erst einige Tage später in Berlin, allein.

 

Friedelind Wagner, so macht Eva Weissweiler in ihrem sorgfältig recherchierten und mit vielen nützlichen Anmerkungen versehenen Buch deutlich, hat das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte missbraucht, um eine Soap daraus zu machen mit sich selbst und Hitler als Hauptdarstellern. Selbstüberschätzung und Selbstinszenierung scheinen Charakteristika der Wagnerfamilienangehörigen zu sein. Friedelind, die sich zeitlebens als Regisseurin, Autorin und Pädagogin feiern ließ, obwohl sie eigentlich in allem, was sie anfing, scheiterte, erscheint fast als Hochstaplerin, mit dem nüchternen Blick nicht nur Eva Weissweilers betrachtet.

 

Fazit dieses Buches: Friedelind Wagner ist ebensowenig zu trauen, wie fast allen übrigen Angehörigen dieses "eigensüchtigen, erbedünkeligen, zinkennasigen und kinnlastigen" Atri­denclans, als den Nike Wagner einst ihre Familie charakterisierte.

 

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