Wim Wenders Opernregiedebüt mit Bizets Perlenfischern

Dieter David Scholz

 

 

Fotos: Donata Wenders

 

Wim Wenders anrührendes Opernregiedebüt

Zauberhaftes Werk, zauberhafte Inszenierung

 

Georges Bizets »Les pêcheurs de perles«

Premiere 24.6.2017

 

Wim Wenders zählt zu den einflussreichsten deutschen Filmregisseuren der Gegenwart. Mit Filmen wie »Paris, Texas«, »Der Himmel über Berlin«, »Buena Vista Social Club« und »Pina« hat sich Wim Wenders auch international einen Namen gemacht und wurde für sein Schaffen vielfach ausgezeichnet. Nun hat Wim Wenders in der Berliner Staatsoper im Schillertheater sein Opernregiedebüt gegeben.

 

 

„Je crois encore entendre“ beginnt die geradezu ohrwurmhafte Romanze des Nadir in den „Perlenfischern“ von Georges Bizet. In einer Bar namens „Tosca´s“ in San Francisco hat sie Wim Wenders in den Siebzigerjahren zum ersten Mal gehört: „Ich hab mich jeden Nacht gefreut darauf, den Nadir zu hören. Es war Liebe auf den ersten Blick. Die Arie des Nadir hat mir irgendwie das Leben gerettet. Ich hab mich nicht satt gehört an ihr.“ Wenders lebte zwei Jahre in San Francisco und ging täglich in diese Bar, in der er auch arbeitete und schrieb. „Ich war dort schon quasi der Hausgeist. Und die Jukebox war das einzige, das mir Musik gemacht hat, und in „Tosca´s“ gab es nur Opernarien in der Wurlitzer-Jukebox. Als ich nach zwei Jahren weggegangen bin, hat die Besitzerin mir die Single von den Perlenfischern geschenkt.“ Dann kam, vor drei Jahren, aus heiterem Himmel Daniel Barenboims Anruf, ob er sich vorstellen könne, an der Berliner Staatsoper eine Oper zu inszenieren. „Ich hab mich sehr gefreut, dass wir uns auf so was einlassen konnten, was Neuland war, auch für unsere Sänger.“ Sie sind allesamt Debütanten in dieser Oper, die in Berlin zuletzt in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts zu sehen war: Die großartige russische Koloratursopranistin Olga Peretyatko-Mariotti als virtuose Leïla im Schleierhabit, der aus Sardinien stammende Tenor Francesco Demuro als schmachtender Liebhaber Nadir und der ungarisch-rumänische Bariton Gyula Orendt als kraftvoll viriler Nebenbuhler Zurga. Wolfgang Schöne singt den Gemeinde-ältesten des Fischerdorfes, Nourabad, mit sonorem Bass. Montserrat Casanova hat die Sänger in zeitlose, elegante Kostüme gesteckt, die der ortlosen, mythischen Inszenierung Rechnung tragen eine Mischung aus Hare Krishna und Armani, wie eine Kollegin zurecht meinte.

 

Wim Wenders wollte als Debüt „so ungern etwas machen, was jeder schon zehn Mal gemacht hat oder hundert Mal, was auch das Publikum schon so oft gesehen hat. Aber als ich das Libretto gelesen habe, musste ich schon ein bisschen schlucken, denn was so einfach klang, war dann doch nicht so einfach und die Tatsache, dass diese Oper nicht so oft gespielt wird, liegt durchaus am Libretto. Es ist kompliziert, denn alles passiert so Holter di Polter schnell hintereinander und drei, vier Mal wird der Deus ex machina aus dem Sack gezogen. Dazwischen passiert nicht viel. Die Geschichte ist eigentlich einfach, aber sie wird erzählt, indem viel ausgespart wird.“ Es ist die Dreiecksgeschichte zweier befreundeter Perlenfischer, Nadir und Zurga, in einem exotisch phantastischen Ceylon. Beide sind in die Priesterin Leila verliebt. Um ihre Männerfreundschaft zu retten, entsagen sie dieser Frau. Doch als sie Jahre plötzlich wieder auftritt, werden aus Freunden Feinde. Am Ende gelingt zwar dem zum Tode verurteilten Liebespaar Leila und Nadir die Flucht, aber der Rivale Nadirs, Zurga wird von der aufgebrachten Menge geluncht. Doch Wim Wenders liebt keine tragischen Schlüsse, wie er bekennt, deshalb spielt man in seiner Berliner Inszenierung die Urfassung der Oper mit positivem Ausgang auch für Zurga. Bizet und seine Librettisten haben mehrfach das Ende der Oper umgearbeitet. „Es gibt ein paar Momente in dieser Geschichte, die man im Kino Flash-back nennen würde, in denen die Vergangenheit hoch kommt. Da habe ich als Filmregisseur ein wenig eingegriffen Aber ich wollte auf keinen Fall die singenden, spielenden Sänger filmen. Es kommt in dem Sinne also kein Video vor.“ In kurzen, wunderbar poetischen Filmsequenzen kittet Wenders diese Handlungssprünge und erzählt in seinem Metier, was in der Vergangenheit passierte. Seit Peter Greenaways grandioser Inszenierung von „Christophe Colombe“ hat man nie wieder so überzeugende Filmsequenzen auf der Opernbühne erlebt.

 

Wim Wenders hält übrigens gar nichts von sogenanntem Regietheater auf der Opernbühne: „Man spielt als Regisseurin der Oper nicht die erste Geige, ist nicht die Hauptperson und das ist für einen, der eigentlich sein ganzes Leben lang sowohl Produzent, als auch Autor und Regis-seur war, Autorenkino gemacht hat, eine ganz neuartige, wunderschöne Sache. Aber was man da inszenatorisch macht, muss von der Musik getragen sein. Wenn man dagegen inszeniert, geht es nicht und Jeder wird es sehen.“ Er hat nicht gegen die Musik inszeniert. Im Gegenteil: Ein stilisierter Sandstrand ist alles, was man In Wenders Inszenierung sieht. David Regehr hat ihn zwischen den windbewegten, schwarzen Soffitten der Schillertheaterbühne ausgebreitet. Wenders überblendet ihn immer wieder mit Meeresfilmen, die mal sanft, mal stürmisch die Bühne in eine Traumlandschaft verwandeln. Nur wenige Male deutet eine schwarzweiße Filmprojektion mit wehenden Palmen im Wind diskret Südseezauber an. Gelegentlich zieht eine Wolke aus Bühnenqualm vorbei. Olaf Freeses stimmungsvoll bewegte Lichtregie ist beeindruckend. Immer wieder denkt man an Wieland Wagner-Inszenierungen. So muss es wohl gewesen sein, damals. Auch Gemälde Caspar David Friedrichs kommen einem in den Sinn. Eine minimalistische, außerordentlich poetische Inszenierung von subtiler Ausbalanciertheit und großer Ruhe. Die Regie enthält sich jeden Kommentars. Kein Trash, keine Geschmack-losigkeiten, keine Regisseurs-Eitelkeiten und Befindlichkeiten, die einen sowieso nicht interessieren. Das Stück ist bei sich. Ein Göück.

 

Entgegen vieler seiner Kollegen hält Wenders von Aktualisierung auf der Opernbühne denn auch nichts. „Ich wollte nicht den politischen Bezug zu heute herstellen. Ich wollte bloß die Geschichte der Oper erzählen. Nicht historisch und nicht, indem ich dem Zuschauer versuche, klar zu machen, dass man sie auch in Ibiza sehen könnte, mit Liegestühlen am Strand. Die kommen nicht vor, auch keine Handys, keine Aktentaschen. Es kommen keine Männer mit Mänteln und Koffer auf die Bühne. Es gibt überhaupt kein Requisit.“ Nachdem 2011 sein Vorhaben, den „Ring“ in Bayreuth zu inszenieren, scheiterte, wünscht man sich nach seinem Berliner Operndebüt, dass er den nächsten „Ring“ an der Berliner Staatsoper inszeniert. Zwar ist Oper für ihn Neuland, aber er beeindruckt auf Anhieb mit seinem Zugang zu der ihm fremden Gattung. „Was ich vor allem gelernt habe, dass Ideen gut sind, aber sobald sie gegen die Musik laufen, sind sie nicht mehr gut.“ In keiner Sekunde inszeniert Wenders gegen die Musik. Der Eine oder Andere mag vielleicht die Inszenierung konventionell finden. Aber sie überzeugt durch Demut eines großen Regisseurs gegenüber der Gattung Oper, wie sie heute selten anzutreffen ist. Wenders ist seinem Bekenntnis treu geblieben: „In der Oper zählt nur die Musik!“ Für die ist Daniel Barenboim am Pult der Staatskapelle Berlin zuständig. Barenboim dient dem verkannten, erstaunlichen Werk des 25 jährigen Komponisten, das bis heute zu Unrecht im Schatten seiner „Carmen“ steht, mit großem Engagement. Was für ein zauberhaftes Werk! Vor allem im zweiten und dritten Akt zieht Barenboim die Zügel dramatisch an. Der von Martin Wright einstudierte große Chor wird von Wenders so sängerfreundlich geführt und arrangiert, dass die prachtvollen Chortableaus Bizets zu voller Wirkung kommen. Ein anrührender, großer Abend.

 

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