I. Kapsamer: Wieland Wagner

Dieter David Scholz

 

 

Erinnerung an die Zukunft

Ingrid Kapsamer: Wieland Wagner

Wegbereiter und Weltwirkung. Vorwort von Nike Wagner

 

Seitdem Wolfgang Wagner die Leitung seinen beiden Töchtern übergab, sind die Bayreuther Festspiele in ihre bedenklichste Krise seit der Wiedereröffnung 1951 geraten. Damals gelang Wieland Wagner (sein Bruder Wolfgang hielt ihm den Rücken frei, indem er sich ums Finanzielle und Organisatorische kümmerte) mit seiner Revolution des Inszenierungsstils, mit erstklassigen Sängern und Dirigenten noch einmal die Verwirklichung dessen, was Richard Wag-ner vorschwebte: modellhafte, mustergültige, maßstabsetzende Produktionen. Die österreichische Theaterwissenschaftlerin Ingrid Kapsamer hat jetzt eine erste, umfassende, wissenschaftliche Monographie über Wieland Wagner veröffentlicht: „Wieland Wagner.Wegbereiter und Weltwirkung." Es ist im Styria Verlag erschienen, hat 412 Seiten und kostet 24,95 Euro.

Am 30. Juli 1951 hob sich – zum ersten Mal seit 1944 – wieder der Vorhang im Bayreuther Festspielhaus, zur „Parsifal“-Eröffnungs-premiere der ersten Bayreuther Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Wagner-Enkel Wieland war für Regie und Bühnenbild verantwortlich. Es muß damals für die Konservativen unter den Wagnerianern eine Welt zusammengebrochen sein, denn man spielte auf nahezu leerer Bühne, fast ohne Requisiten und ohne jeden Bezug zu historischer Konkretheit und Realität. Dieser „Parsifal“ war der Auftakt einer neuen Epoche der Bayreuther Festspiele. Sie ist seit Wielands Tod 1966 beinahe vergessen wor-den. Es gibt zwar einige Publikationen über Wieland Wagner, doch erst Ingrid Kapsamer hat jetzt mit ihrem zu Beginn der diesjährigen Bayreuther Festspiele vorgestellten Buch angemessen und umfassend die theatergeschichtliche und ästhetische Bedeutung des Wagnerenkels aufgearbeitet. Indem sie Wieland Wagner im „Spannungsfeld von Kunst, Geschichte, Ideolo-gie, Politik und Gesellschaft“ theatergeschichtlich verortet, wie Nike Wagner, seine kluge Tochter, im Vorwort des Buches zurecht betont. - Es war eine szenische Revolution der Wagnerbühne, die Wieland initiierte. Und sie wurde im In- und Ausland als ein theatergeschichtliches Ereignis allerersten Ranges gefeiert. Nicht zuletzt auch, weil Wieland die Crème de la crème des damaligen Wagnergesangs nach Bayreuth verpflichtete, ein Modellensemble, das jahrzehntelang Maßstab wurde.

 

Martha Mödl erinnert sich einmal im Gespräch mit mit: "Er war ein guter Regisseur! Ein ausgesprochen guter. Menschlich war er für mich ein unbeschriebenes Blatt. Ich konnte Wieland nie ganz durchschauen... Es war bei ihm ähnlich in der Arbeit wie bei Furtwängler, er war nur ein ganz anderer Typ nicht wahr. Er hat nichts vormachen können, aber er hat seine Vorstellungen in Worte kleiden können, dass man sofort Bescheid gewusst hat. Ich ha-be von ihm gelernt, dass man etwas darstellen kann ohne irgendein Brimborium um sich herum zu machen, dass eine Haltung, eine einzige Haltung eine ganze Figur ausdrücken kann."

 

Neubayreuth war in der Ära Wieland Wagners, die führende Wagnerbühne der Welt. Was man vom heutigen Bayreuth weiß Gott nicht mehr sagen kann. Birgit Nilsson, auch sie war nach Martha Mödl eine der Säulen des Neubayreuther Ensembles, sagte mir einmal:

 

"Bayreuth ist nicht mehr so, wie es war, als ich dort sang. Heute kann ja jeder Anfänger in Bayreuth singen."

 

Das Wielandsche „Neubayreuth“ kam der ursprünglichen Idee von Wagners „Utopie der Alternative“ (Oswald Georg Bauer ) sehr nahe, indem es auf höchstem sängerischen Niveau unverwechselbar wurde und mit ganz neuen szenischen Mitteln bewies, dass Wagners Ideen-dramen zeitlos sind. Um das zu belegen hat Ingrid Kapsamer in respektgebietender Fleißarbeit alles, was es an Literatur über Wieland-Wagner gibt gesichtet, hat viele bisher unausgewertete Quellen und Materialien gesammelt, Archive und Theater durchsucht und hat Gespräche, Interviews, Filme und andere Dokumente ausgewertet. Sie korrigiert in ihrem klugen, kenntnisreichen und detailgenauen Buch die bisherige Einordnung von Wieland Wagners Moderne, indem sie darauf aufmerksam macht, dass nicht nur die Vorstöße Adolphe Appias in den Zwanziger Jahren und Gordon Craigs Wielands ästhetische Neubesinnung prägten, sondern vor allem auch der Wiener Bühnenbildner Alfred Roller, wie sie dem Briefwechsel zwischen Wieland Wagner und dem Sohn Alfred Rollers entnahm. Diese Wiener Schule der „ästhetischen Moderne“ wurde bisher ignoriert. Da hat Nike Wagner völlig recht, wenn sie bestätigt: Wieland fand durch sie zum räumlichen Denken, zum Material sowohl in Kostüm als auch am Bühnenboden, zur Farbe, zum Licht und zum plastischen, zum handwerklichen Arbeiten, was den Begriff der „Werkstatt Bayreuth“ neu und anders definiert.

 

Wieland Wagner spielte meist auf einer kreisförmigen Spielfläche, einer „Weltenscheibe“, Sie wurde ironisch „Wielands Kochplatte genannt. Auf dieser, das Universum symbolisierenden Bühne transformierte er die Charaktere der dramatischen Per­onen Wagners zu Symbolträgern. Ingrid Kapsamer macht deutlich, dass Wieland Wagners tiefenpsychologisch-abstrakte Inszenierungen, deren Körpersprache auf dem Ausdruckstanz bzw. dem freien Tanz des Impressionismus aufbauten und archetypische Körperhaltungen benutzten, um aus dem Zeit-Raum-Kontinuum herauszutreten und für den dionysischen Untergrund des Wagnerschen Theaters adäquate Ausdrucksformen zu gewinnen. Dabei knüpfte Wieland nicht nur an die Kunst Pablo Picassos, Piet Mondrians und Henry Moores an, sondern auch an die Tradition des Brechtschen Anti-Illusionismus, was dem bürgerlichen Publikum der Wirtschaftswunderzeit der Bundesrepublik zuweilen heftig missfiel.

 

In einem Interview bekannte Wieland Wagner einmal: „Ich suche eine musikalische Abstraktion. Daß ich Bayreuth als Werkstatt betrachte, in der unermüdlich gearbeitet wird, hat den Grundcharakter Bayreuths verändert. Früher war jeder auf dem Standpunkt gestanden: Was Bayreuth macht, ist sakrosankt. Ich betrachte uns lediglich als einen Teil der Bühnen der ganzen Welt, die die Aufgabe an bevorzugter Stelle haben, und damit die größere Verpflichtung, bessere Wagneraufführungen zu machen, wie anderswo."

 

Was für eine Haltung! Ingrid Kapsamers Buch schließt nicht nur eine theatergeschichtliche Lücke. Es ist – gerade in Zeiten, in denen Bayreuth weiter denn je von dem entfernt ist, was Richard Wagner einmal vorschwebte - ein wichtiges, ja notwendiges Buch, der Erinnerung an das, was Bayreuth sein könnte und zu Zeiten Wieland Wagners noch einmal war.