Lortzings Casanova in Leipzig

Dieter David Scholz

 

 

Photos Tom Schulze

 

 

Albert Lortzings „Casanova" in Leipzig

 

Hübsche Verharmlosung eines Stücks mit doppeltem (politischem) Boden

 

 

Albert Lortzing ist heute vor allem mit seinen Stücken "Zar und Zimmermann", "Der Wildschütz" und "Der Waffenschmied" auf den Bühnen präsent. Elf weitere Opern und vier Singspiele sind in Vergessenheit geraten. Darunter auch seine Komische Oper "Casanova", die 1841 in Leipzig uraufgeführt wurde. Gestern Abend (2.6.2018) wurde sie an der Leipziger Musikalischen Komödie wieder ausgegraben.

 

Casanova, die geradezu mythische Figur der erotischen Verführung, wird in Lortzings Oper

nicht als unwiderstehlicher, draufgängerischer Frauenheld vorgeführt, wie beispielsweise in den vielen zum Teil recht rebelluschen Casanova-Operetten, die es ja gibt. In erster Linie wird Casanova bei Lortzing als Freiheitsheld vorgestellt. Was in Zeiten Lortzings, und das heisst in Zeiten eines zersplitterten, biedermeierlichen, von der Zensur beherrschten Deutschland dem Stück eine politische Bedeutung gab, die sich dem heutigen Zuschauer nicht ohne Weiteres erschliesst. Natürlich wird in den drei Akten der Oper eine Ausbruchs-geschichte des wegen eines unerlaubten Duells einglochten Casanova erzählt, verquickt mit einer Verkleidungskomödie, in der Casanova nicht sich selbst befreit, sondern auch eine schöne Dame befreit aus dem Zugriff eines von ihr ungeliebten Mannes. Aber Casanova verführt keine einzige Frau in diesem Stück. Es geht ihm nicht um sexuelle Freiheit, sondern um politische. Er besingt immer wieder die Freiheit, auch die Republik wird immer wieder besungen, auch übrigens von der subversiven Gestalt des Kerkermeisters Rocco. Überhaupt fallen da viele Sätze, die in Zeiten der Vormärzzeit und der Zensur vom Publikum Lortzings als subversiv empfunden werden mussten: Frei sein ist erst wahres Leben, heisst es da, oder Tugend und Unschuld findet man nur hinter Schloss und Riegel. Das waren zu Lortzings Zeiten politische Sprengsätze, die nur deshalb von der Zensur nicht beanstandet wurden, weil das Stück im Venedig des 18. Jahrhunderts spielt. Nur deshalb durfte ja auch in diesem Stück immer wieder das Wort Republik so enthusiastisch besungen werden. In dieser Komischen Oper, die eigentlich gar nicht so komisch ist und zum Teil sehr ernste Sätze fallen, wird Casanova anders als üblich dargestellt: Hinter der Maske seiner Erotik wird er in erster Linie als Sprachrohr politischer, gesellschaftskritischer Bekenntnisse benutzt.

 

Cush Jung hat das Stück inszeniert als vitales, karnevaleskes, buntes Maskenspiel inszeniert. Beate Zoff hat ihm dafür ein realistisches Postkartenvenedig auf die Bühne gestellt und das Personal des Stücks prachtvoll barock kostümiert. Lagunenwasser plätschert aus den Laut-sprechern. Eine Gondel fährt über einen angedeuteten Kanal vor Piazetta-Kulisse, die berühmte Blendfassade des Dogenpalastes wurde nachgebaut. Das ist alles recht hübsch, auch hübsch arrangiert, geht aber leider nie über harmlose Konventionalität hinaus. Dadurch wird das Stück harmloser, als es gemeint ist. Ich finde, die Regie hätte das tiefere Anliegen des Stücks aufgreifen können und vielleicht auch müssen, um es fürs Hier und Heute zu retten, will sagen interessant zu machen. Auch die endlos geschwätzigen Dialoge hätte man bearbeiten und kürzen müssen. Das hätte dem Stück sicher gut getan, denn die drei Stunden der Aufführungsdauer wurden einem gestern Abend sehr lang, zumal einem das feuchtheisse Tropenklima der MuKo arg zusetzte. Eine Klimanlage wäre dringend nötig!

 

Acht Gesangspartien hat die Oper. Sie werden in der Musikalischen Komödie angemessen besetzt. Der schöne, sportive Adam Sanchez hat mit seinem schmetterndem Operettentor einen agilen und atteaktiven Casanova verkörpert, Michael Raschle machte aus dem Fes-tungskommandeur eine tolle alte Rokokotype, er sah aus wie der alte Casanova in zeitge-nössischen Karikaturen, die hübsche Lili Wünscher spielte und sang eine bezaubernde Rosaura, Milko Malev hatte die dankarste Partie, die des komisch-trotteligen Kerkermeisters, die er als prachtvolle Buffopartie gestaltete. Entzückend seine Tochter Bettina in der Ver-körperung von Magdalena Hinterdobler und Hinrich Horn als Gambetto mit rosaroter Perücke gab dem Affen Zucker, um nur die wichtigsten Partien zu nennen.

Stefan Klingele stand am Pult. Er hat sehr transparent und stimmungsvoll dirigiert, sehr akkurat, ohne Frage, aber auch nicht mehr. Es fehlte an Frechheit, an Spannung und an Drive, die Aufführung hatte keinen rechten Biss. Die Musik Lortzings - gerade in diesem Werk - ist an sich von einer beeindruckenden Gediegenheit der Machart. Es gibt herrliche Arien und vor allem wunderbare Ensembles von fast mozartischer Qualität. Lortzing ver-bindet ja Mozartisches Kompositionshandwerk mit Rossinischem Buffastil, Mendelssohn-schem Zauber und gelegentlich sogar mit quasi offenbachischen Vorgriffen. Das macht diese Musik so interessant, aber auch so schwer in der Realisierung. Auch wenn Klingele gute Figur macht, man hätte auch musikalisch - vor allem natürlich inszenatorisch - dem Stück eine schärfere Kontur geben können. Ob es in solch harmlos hübscher, wohlig klingender Realisierung sich auf der Bühne wird behaupten können oder gar ein Revival erlebt, darf bezweifelt werden. Aber ich finde es erfreulich, dass man das Stück in Leipzig, wo es ja vor 177 Jahren das Licht der Welt erblickte, einmal wieder erleben kann.

 

Rezension auch in MDR-Kultur