Cileas Adriana Lecouvreur Halle

Dieter David Scholz

 

 

© Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Fotos: Anna Kolata

 

 

Cileas Opernorchidee blüht in der Oper Halle auf

Romelia Lichtenstein begeistert als Adriana Lecouvreur

 

 

Premiere 30.01. 2016

 

Die heute nur noch selten aufgeführte Oper wird nicht selten als "Schmachtfetze" und "Opernschinken" beeichnet. Und doch ist das 1902 uraufgeführte Werk eine der am stärksten duftenden Opernorchideen. Die Handlung: Eine Dreipersonenkonstellation um die legendäre Schauspielerin der Comédie Française, Adriana Lecouvreur, die ein Liebesverhältnis mit Maurizio, dem Grafen von Sachsen unterhält. Den liebt aber auch die Fürstin von Bouillon. Am Ende ermordet die Nebenbuhlerin Adriana, und zwar mit einem vergifteten Veilchen-strauss. Es ist einer der skurrilsten Operntode der Opernliteratur. Zugegeben, die Handlung des Stücks, das immerhin auf einem Theaterstück des renommierten Eugène Scribe basiert, ist nicht sehr hochgeistig. Aber was heißt das schon? Das Stück verschafft immerhin fünf Sängern großartige Auftrittsmöglichkeiten, ist eines der dankbarsten Primadonnenstücke und bietet dem Publikum zwei Stunden mitreißende Musik voller Duette und Arien, von denen eine schöner als die andere ist.

 

Der erfahrene Theatermann und Regisseur Ulrich Peters ist klug genug, um zu wissen, dass man mit Aktualisierung bei dieser Oper keinen Blumentopf gewinnen kann. Deshalb geht er das Stück realistisch an. Er zeigt die Tragödie der Schauspielerin Adriana Lecouvreur als ein Stück über Sein und Schein, als Kampf zwischen Kunst und Wirklicheit, Theater und realem Leben. Der Tod ist in dieser Inszenierung personifiziert allgegenwärtig. Bei Peters ist Adriana Lecouvreur von Anfang an eine Todgeweihte. Wie Tosca lebt sie nur für die Kunst und für die Liebe. "Vissi d'arte, vissi d'amore"... Fürs Leben ist sie nicht gemacht. Daher ist der Tod ihr ständiger Begleiter. Am Ende gibt er ihr den Todeskuss. Peters inszeniert das einleuchtend. Seine Personenführung ist souverän. Er hat keine Angst vor suggestivem, prächtigem Dekor. Auf der Bühne von Christian Floeren durchdringen sich Theater, Hinterbühne mit Künstlergarderoben und Adelspalast. Es gibt opulente Bilder voller Anspielungen und liebevoller Ironie. Auch kostümlich ist das ein durchaus gelungener, prchtvoller Spagat zwischen 18. Jahrhundert, der Handlungszeit, und der Entstehungszeit um 1900. Eine kulinarische Inszenierung, bei der das Publikum, das die Nase voll hat von naseweisem Regisseurstheater, auf seine Kosten kommt, und eine Inszenierung, die der Interpretin der Titelpartie eine großartige Bühne bereitet.

 

Bei der Uraufführung in Mailand, zwei Jahre nach Puccinis "Tosca", hat kein Geringerer als Enrico Caruso die männliche Hauptrolle gesungen. In der Titelpartie haben praktisch alle großen Primadonnen des letzten Jahrhunderts geglänzt. Am strahlendsten Magda Olivero, die unvergleichliche Lieblings-Adriana Cileas..

 

Nun hat man mit der langjährigen Primadonna assoluta des Hauses, Romelia Lichtenstein eine denkbar bestgeeignete Interpretin der Adriana zur Verfügung. Sie zieht alle Register ihrer subtilen Gesangs- und Ausdruckskunst, vom ariosen Espressivo bis hin zum gehauchten Flüstern. Es ist sehr eindrucksvoll, wie sie sich mit kontrollierter Emotionalität und Stimme in die Rolle wirft. Aber auch alle übrigen Hauptpartien sind mehr als nur rollendeckend besetzt. Mit dem jungen portugiesischen Tenor Bruno Ribeiro hat man ein fabelhaftes, viriles Mannsbild von Maurizio zur Verfügung. Er schmettert fast so unbeschwert und kraftvoll drauflos wie einst Mario del Monaco. Die rumänische Mezzosopranistin Svitlana Slyvia orgelt die böse Fürstin Boullion mit angsteinflößend schöner Bruststimme. Hervorragend sind auch die Baritonisten Ki-Hyun Park als Fürst Bouillon und Kwang-Keun-Lee als Theaterfaktotum Michonnet. Eine Sängerbesetzung, die nichts zu Wünschen übrig lässt, auch in den vielen kleinen Nebenrollen nicht.

 

 

Generalmusikdirektor Josep Caballé-Domenach, der Musikchef des Hauses persönlich, stand am Pult der Staatskapelle Halle. Er hat die Oper, wie auch die Sänger auf Händen getragen, Es war ihm wohl ein Anliegen, das dem breiten Opernpublikum unbekannte Werk mit seiner reizvollen, französisch-italienisch schillernden Musik in fast narkotisierender Sinnlichkeit und Emotionalität zu beglaubigen. Er kostet Cileas Musik in ihrer ganzen Klangsinnlichkeit, Farbigkeit und theatralischen Wucht geradezu draufgängerisch aus. So dirigiert, ist sie unwiderstehlich. Das Hallenser Premierenpublikum war außer Rand und Band vor Begeisterung. Überzeugender könnte man das Werk wohl auch an keinem hauptstädtischen Opernhaus erleben. Chapeau! Eine der überzeugendsten Produktionen der Oper Halle seit Jahren. Opernfreunde sollten sich diese "Adriana Lecouvreur" in Halle auf keinen Fall entgehen lassen!

 

Rezension in MDR Figaro, 31.01.2016