Entführung in Gera

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Ronny Ristock

 

Lehrstück über die Kunst der Vergebens

als illusionärer Orienttraum

 

W.A. Mozart: Die Entführung aus dem Serail

Premiere Bühnen der Stadt Gera, 09. Februar 2018

 

 

Mozarts „Entführung aus dem Serail“, 1782 im Wiener Theater an der Burg uraufgeführt, gilt nicht nur als Gipfelpunkt der „Türkenmode“ auf dem Musiktheater jener Zeit, das Stück, das den Religions- und Kulturkonflikt zwischen Orient und Okzident zum Thema hat, ist immer wieder auch mit Lessings „Nathan der Weise“ verglichen worden als ein Stück, das für Toleranz und Gewaltlosigkeit plädiert.

Im Theater der Stadt Gera zeigt der Sänger und Regisseur Kobie van Rensburg die Türkenoper in dieser Neuinszenierungals illusionistische, zauberhafte Orientoper. Kobie van Rensburg hat diese Mädchentführung im türkischen Milieu - ein beliebter Stoff zur Mozartzeit - ins nicht eindeutig Orientalische ausgeweitet. Er zeigt das Stück im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Auch kostümlich. Belmonte kommt mit dem Propellerflugzeug über die Wüste geflogen, am Ende entschweben die aus dem Harem befreiten Frauen samt ihrer Liebhaber per Zeppelin gen Europa. Und der Orient der eigentlichen Handlung wird in all seiner architektonischen Pracht und Schönheit in immer neuen Räumen und Gärten gezeigt. Kein Orientklischee wird ausge-lassen, augenzwinkernd. Wer Bauchtanz mag, kommt auch auf seine Kosten. Die Aufführung har etwas von einem Traum, einem Orienttraum.

 

Er überzeugt nicht nur, er fasziniert und verblüfft, denn alles was man sieht auf der Geraer Bühne, ist Illusion. Es ist allerdings kein Kulissenzauber, sondern Videozauber, den Kobie van Rensburg entfaltet. Und der ist echter als die Wirklichkeit, so echt, so plastisch wie heutige Computeranimationen eben sein können. Da kommen Kamele herangetrabt, Krokodile reißen ihre Rachen auf, gewaltige Elefanten marschieren auf, Vögel fliegen über die Bühne, Palmen wiegen sich im Wind, immer neue historische wie phantastische orientalische Räume tun sich auf. Und das in einer Mischung aus Poesie, Ironie und quasi barocker Freude am Bühnen-zauber. In dieser illusionären Bilderwelt zeigt van Rensburg das Stück nicht so sehr als ein Stück über einen Kultur- oder Religionskonflikt, sondern als ein Stück über die conditio humana, die seelische Verfassung des Menschen, insbesondere über die Liebe. Kobie van Rensburg entfaltet mit seiner speziellen Optik und mit subtiler Personenführung vor dem Zuschauer ein Lehrstück über die Fähigkeit, zu verzeihen. Und das ist sehr anrührend.

 

Auch musikalisch ist die Aufführung unter dem Generalmusikdirektor des Hauses, Laurent Wagner fabelhaft! Er macht alles richtig bei Mozart. Er kennt das Stück sehr gut und animiert das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera zu wunderbar durchsichtigem, präzisem und klangschönem Spiel. Dieser Mozart ist ganz klar, höchst vital, beredt im Sinne von Klang-rede, wie die historische Aufführungspraxis sie versteht. Wagners "Entführung" ist energisch, rasant in den Tempi. Und doch auch verinnerlicht, beim Quartett beispielsweise, dem Höhe-punkt des Singspiels. Und da zeigt Laurent Wagner, der einfach ein begnadeter Kapellmeister ist, wie man Sänger führt und auf Händen trägt. Das hat etwas von Glück, Mozartglück

 

Auch sängerisch ist die Aufführung ein Glücksfall. Man hat fünf sehr überzeugend Sänger zur Verfügung, ein in sich rundes, geschlissenes Mozartensemble. Megan Marie Hart singt eine betörend schönstimmige und kultivierte Konstanze, János Ocsovai ist ihr fast ebenbürtiger Liebhaber Belmonte, Miriam Zubieta singt eine quirlige, lupenreine Blonde und Timo Rößner einen lausbübischen, erfrischen natürlichen Pedrillo. Auch der Osmin von Ulrich Burdack ist absolut rollendeckend besetzt, eine witzige singschauspielerische Leistung ohne allzu viel Parodie. Sehr nobel, ohne zu viel Pathos spricht und spielt Kai Wefer den Bassa Selim. Man glaubt ihm die bewegende menschliche Botschaft des Stücks. - Alles in allem eine beglücken-de Aufführung. Höchst empfehlenswert! Für diese Aufführung lohnt eine Reise nach Gera oder nach Altenburg, wo diese Produktion ja auch gezeigt wird

 

Rezension auch MDR Kultur