Das Jüdische Bayreuth

Dieter David Scholz

 

 

Jüdisches Bayreuth

ca. 224 Seiten mit ca. 300 Abbildungen

Ellwanger Verlag 2010

Die diesjährigen Bayreuther Festspiele gehen am Samstag den 28. August mit einer Aufführung der „Meister-singer“ zu Ende. Vier Wochen lang standen Wagner und sein Werk wieder im Mittelpunkt des Interesses der Medien. Gerade die „Meistersinger“ sind immer wieder Anlass gewesen, über Wagners Antisemitismus nachzu-denken. Und den nationalsozialistisch-en Judenhass Bayreuths. Doch Bayreuth und die Juden ist ein viel älteres Kapitel Bayreuther Stadtgeschichte, das lange vor Richard Wagners Ankunft in Bayreuth begann. Kaum je wurde es zur Sprache gebracht. Jetzt, endlich, ist eben darüber im Ellwanger Verlag ein gewichtiges Buch erschienen, das die Bayreuther Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit initiierte, herausgegeben von Bernd Mayer und Frank Piontek.

 

 

Am 15. März 1760 wurde die heute noch existente Bayreuther Synagoge mit einer Sabbatfeier eingeweiht. Im Redouten- und Komödienhaus, direkt neben dem Markgräflichen Opernhaus. Moses Seckel, der Finanzberater und Kreditgeber des Bayreuther Markgrafen Friedrich, hatte das Haus gekauft und zur Synagoge umgebaut. Der judenfreundliche Markgraf, der auch pri­vat mit seinem jüdischen „Hofagenten“ oder auch „Hoffaktor“ Seckel verkehrte, erlaubte die dauerhafte Ansiedlung von zehn jüdischen Familien in Bayreuth. Schon Ende des 18. Jahr­hun­derts gab es 408 Bayreuther Juden. Eine stattliche Jüdische Gemeinde hatte sich gebildet. Das 250ste Jubiläum der Sanagoge war denn auch für die Publikation des Buches, wie Frank Piontek, einer der beiden Herausgeber, betont...

 

" ... das war der beste Anlass, den man sich vorstellen konnte."

 

Die ersten Bayreuther Juden sind schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts erwähnt. Es waren Schutzjuden des Grafen der Plessenburg oberhalb von Kulmbach. Zwischen Pogromen und Privilegien, Ausgrenzung, ja Vertreibung und Eingemeindung war das ganze Mittelelter hindurch das Leben der Bayreuther Juden bestimmt worden. Wie überall. Immerhin gab es im 14.Jahrhundert bereits eine Talmudschule in Bayreuth, eine im Herrschaftsbereich der Hohen­zollern einzigartige Vorzugsstellung. Der überwiegende Geschäftszweig der Bayreuther Juden war der Geld-, Landwaren- und Hausiererhandel. Doch Wirtschaftsneid und Fremdenhass setz­ten den Bayreuther Juden zu und führten immer wieder zu antijüdischen Aufständen, gera­de in Zeiten wirtschaftlicher Not.

 

1813 – im Geburtsjahr Richard Wagners, wurde das bayerische Judenedikt erlassen, das den Juden auch in Bayreuth Hausier- und Schacherhandel verbot. Sie sollten sich den christlichen Bürgern auch beruflich annähern. Aber erst 1869 waren die jüdischen Bürger im Königreich Bayern vollständig den christlichen gleichgestellt. Die Blütezeit der Juden in Bayreuth brach an.

 

"Es ist sicherlich das Bürgertum des späten 19. Jahrhunderts, das diese Stadt geprägt hat. " (Piontek)

 

Die Erfolgsgeschichte etwa des jüdischen Metzgersohnes Luitpold Kurzmann, der zum Hoflieferanten, Großunternehmer und hochgeachteten Wohltäter der Stadt wurde, später auch 9 Zimmer seines Hauses zur Unterbringung gehobener Festspielgäste zur Verfügung stellte, wird in einem der 20 Kapitel des Buches ausführlich dargestellt als typischer Fall geglückter Emanzipation und Integration der Juden in Bayreuth. Unter den Bayreuther Juden waren private Bankiers, Hop­fen­händler, Ärzte, Kaufleute, Anwälte, Künstler und Kunstmäzene. Selbst der aufkommende Antisemitismus des späten 19. Jahrhunderts hatte die deutsch-jüdische Symbiose in Bayreuth nicht stoppen können. Alles änderte sich im Dritten Reich. Dabei verhielt sich Bayreuth, wie Frank Piontek betont, ...

 

"... opportunistisch, wie überall. Es ist eine traurige Geschichte, die so wie an allen anderen Orten auch verlaufen ist: Ausbeutung, Ermordung, Verschleppung."

 

Dass Wagners Hauspianist Joseph Rubinstein, dass auch Richard Wagner und sein Parsifal-Dirigent Hermann Levi nicht ausgespart werden in dem wichtigen Buch über die Juden in Bayreuth, versteht sich von selbst. Aber den Schwerpunkt bilden doch porträthafte Schlag-lichter, die geworfen werden auf andere Bayreuther Persönlichkeiten wie etwa wie den Bayreuther Rabbiner Joseph Aub, einen der fortschrittlichsten ganz Bayerns, den Bankier und Freund Jean Pauls, Emanuel Osmund, den jüdischen Advokaten und Bayerischen Landtagsab-geordneten Dr. Fischel Arnheim, den Chirurgen Jakob Herz, den ersten jüdische Ordinarius in Bayern oder den markgräflich ansbachischen und bayreuthischer Hofminiaturmaler Juda Löw Pinhas, dem Frank Piontek ein besonders interessantes Kapitel gewidmet hat.

 

"Wenn man jeden dieser einzelnen Beiträge studiert, sieht man: Es sind große Mosaiksteine eines Bildes." (Piontek)

 

Abgerundet wird dieses anschauliche Bild Bayreuther Jüdischer Geschichte durch einen Blick auf die Zeit nach 1945.

 

"Bayreuth hat nach dem 2. Weltkrieg lange gebraucht, um in ein relativ normales Zusammenleben mit den Juden zu kommen. Es gibt auch heute noch Antisemitismus in Bayreuth. Das muss man leider sagen." (Piontek)

 

„Vom frostigen Nebeneinander zum versöhnten Miteinander“ überschreibt der zweite Herausgeber des Buches, Bernd Mayer sein Kapitel über Bayreuths jüdische Gemeinde in der Stadtgesellschaft von 1945 bis 2010. Und informiert über die Entwicklung eines neuen Gemeindelebens, der Aufarbeitung der Nazivergangenheit, der Instandsetzung zerstörter jüdischer Bauten, aber auch das ganz alltägliche jüdische Leben im heutigen Bayreuth, das durch russische Zuwanderer erstarkt ist. Mitherausgeber Frank Piontek gibt allerdings zu bedenken:

 

"Ich habe den Eindruck, dass das Jüdische Leben hier leider immer noch ein bisschen im Verdeckten stattfindet."

 

Das Buch des Ellwanger Verlags trägt sicher zur Aufhellung jüdischen Lebens im Bayreuth bei. Ein wichtiges, weil sehr informatives, an Dokumenten und Illustrationen reiches Buch, das eine Lücke in der Geschichtsschreibung Bayreuths schließt und daran erinnert, dass Bayreuth in seiner langen Geschichte immer dann in „hoher Blüte“ stand, „wenn die Jüdische Gemeinde und die Stadt im Einklang miteinander lebten“, wie es der Vorsitzende der heutigen israelitischen Kultusgemeinde, Felix Gotthart formuliert.

 

 

 

MDR Figaro und SWR 2, Musik aktuell am 27.08. 2010: