Saint-Saens 100. Todestag

Photo: Palazetto Bru Zane

Dem verkannten Komponisten und Weltenbummler

Camille Saint-Saëns zum 100. Todestag

 

Jeder kennt die Orientoper „Samson et Dalila“, die große, an Stilparodien reiche zoologische Fantasie, den „Karneval der Tiere“ (Le Carnaval des Animaux) und die Sinfonie Nr. 3 in c-moll, die Orgelsinfonie. Darüber hinaus ist Camille Saint-Saëns aber ein noch immer „berühmter Unbekannter“, dessen Werke zum Teil weltberühmt, überwiegend aber in Vergessenheit geraten sind.


Angesichts des riesigen Werkkatalogs von Saint-Saëns werden viele musikalische Schätze heute nicht mehr aufgeführt. Wer kennt schon seine Streichquartette und sein Klavierquintett? Sein englisches Oratorium „The Promised Land, seine Opern „Phryné“, „Frédégonde“ oder „Déjanire“?


Dabei gehört Saint-Saëns, dessen Todestag sich am 16. Dezember 2021 zum 100sten Male jährt, heute zu den herausragenden Persönlichkeiten des französischen Musiklebens, als Komponist, Professor und Organist. Neben Berlioz gilt er als bedeutendster Komponist Frankreichs. 20 Jahre lang wirkte er an der Église de la Madeleine, die mit ihrer Cavaillé-Coll-Orgel zu den bedeutendsten Kirchen von Paris zählt. „Liszt nannte ihn den „besten Organisten der Welt“. Und doch hat Saint-Saëns für die Kirchenorgel noch weniger Kompositionen als für das Klavier hinterlassen.


Sein musikalisches Schaffen war nahezu ausschließlich auf Kammermusik, Sinfonik und Oper gerichtet. Er hat der Musikwelt fünf Sinfonien und vier Sinfonische Dichtungen sowie mehrere Konzertouvertüren geschenkt. Im Bereich der Kammermusik schuf er eine stattliche Anzahl von Sonaten, Trios, Quartetten und Quintetten aller Art, aber auch eine große Auswahl an außergewöhnlichen musikalischen Perlen, darunter ein Septett für Trompete, Streicher und Klavier, eine Fantasie für Violine und Harfe sowie eine Caprice „sur des airs danois et russes“ für Flöte, Klarinette, Oboe und Klavier. Diese Vielfalt macht deutlich, dass Saint-Saëns in der Lage war, seine musikalische Inspiration in unterschiedliche Richtungen zu lenken und die üblichen musikalischen Pfade zu verlassen. Auch sein Liedschaffen bringt dies eindrucksvoll zum Ausdruck.


Ein paar Jahre leitete Saint-Saëns die Klavierklasse an der renommierten Pariser École Niedermeyer. Er war ein Klaviervirtuose, der nach den Grundsätzen der klassischen französischen Klavierschule ausgebildet wurde und Zeit seines Lebens ein Verfechter des „Jeu perlé“, das sich durch eine gleichmäßige Artikulation, einen sparsamen Einsatz des Pedals und ein anschlagstechnisch ausgesprochen differenziertes Spiel auszeichnet. Es ist erstaunlich, dass sich in seinem Werkverzeichnis lediglich 34 Stücke für sein Hauptinstrument finden und dass keines dieser Stücke zu seinen wichtigsten Werken gezählt werden kann. Allerdings sei daran erinnert, dass seine fünf Klavierkonzerte (insbesondere die Klavierkonzerte Nr. 2 und Nr. 5) stets fester Bestandteil des Repertoires geblieben sind und ihren musikalischen Stellenwert auch gegen die Konkurrenz behaupten konnten, die im Bereich der Klaviermusik von den Werken eines Schumann, Chopin, Liszt oder Rachmaninow ausging.


Saint-Saëns nutzte das Klavierspiel in erster Linie als persönliches Bekenntnis- und Experimentierfeld. Das Klavier diente ihm für spieltechnische Studien (Saint-Saëns hinterließ drei Übungshefte mit jeweils sechs Etüden) und zugleich als Medium, dem er seine geheimsten Leidenschaften anvertraute: von der Rückkehr in die Vergangenheit (Sechs Fugen, Suite in F-Dur), über Entdeckungsreisen in fremde Welten („Afrika“, „Ägyptisches Konzert“, „Souvenir d’Ismaïlia“, „Die Glocken von Las Palmas“) bis hin zu klavieristischen Studien im Bereich der Transkription (Bearbeitungen der Sonate in h-Moll von Liszt und der Sonate in B-Dur von Chopin für zwei Klaviere).  Er schuf Paraphrasen über „La Mort de Thaïs“ von Massenet, zahlreiche Bearbeitungen von Werken von Beethoven, Haydn, Mendelssohn, Reber, Gounod, Berlioz . Schließlich setzte Saint-Saëns das Instrument als Mittel ein, um Werke bekannter zu machen, und zwar nicht nur seine eigenen Werke (die er selbst für vier Hände oder zwei Klaviere arrangierte, um ihre Verbreitung zu fördern), sondern auch Werke von Schumann, Beethoven, Mozart sowie der jungen Generation französischer Komponisten wie beispielsweise Alexis de Castillon, die er finanziell wie propagandistisch unterstützte.“


In seiner Eigenschaft als Virtuose und Dirigent ging er auf Reisen nach Südostasien, Süd- und Nordamerika sowie Nordafrika, das er besonders liebte, und erntete Erfolge in der ganzen Welt, wenn auch nicht unbedingt und von Anfang an in seiner Heimat Frankreich. Er hatte viele Schüler, unter ihnen Gabriel Fauré, Eugène Gigout und André Messager. Seine Anerkennung kam spät. Doch seit den 1880er Jahren galt er als größter Musiker des Landes, wurde 1881 in die Akademie der schönen Künste  gewählt und 1884 zum Offizier der Ehrenlegion, dessen Großkreuz er 1913 erhielt. 

 

Die letzten Jahre seines erfüllten und langen Lebens verbrachte er in seinem besonders geliebten Algier. Im hohen Alter von 86 Jahren verstarb der Hochdekorierte und Hochgeehrte ebendort 1921 und wurde nach Paris überführt und dort auf dem Friedhof Montparnasse beigesetzt.


Zweifellos muss Camille Saint-Saëns zu den Wunderkindern der Musikgeschichte gezählt werden. Er wurde am 9. Oktober 1835 in Paris geboren, wuchs aber als Einzelkind in der Obhut seiner Mutter Clémence und seiner Großtante Charlotte Masson (einer ausgebildeten Pianistin) auf, da sein Vater, ein Beamter im Innenministerium, bereits wenige Monate später starb. Schon früh zeigte sich die außerordentliche Begabung des Jungen, die man als universell bezeichnen kann. Sie umfasste Musik und Kunst genauso wie Naturwissenschaften, Mathematik oder Fremdsprachen. So lernte er sehr früh lesen und übersetzte bereits als Siebenjähriger Texte aus dem Lateinischen und Griechischen, löste aber genauso mühelos schwierige Aufgaben aus Algebra und Physik.

Schon mit sechs Jahren spielte er beachtlich Klavier, komponierte Lieder und kleine Klavierstücke. Die ersten Schritte auf diesem Instrument zeigten ihm die Mutter und die Großtante. Bereits mit elf Jahren gab er sein erstes Konzert im Salle Pleyel in Paris und wurde er als „neuer Mozart“ gefeiert. Zwei Jahre später wurde er in das Pariser Konservatorium aufgenommen. Dort unterrichteten ihn die Pianistin Camille Stamaty, der Organist François Benoit und Fromental Halévy in Komposition.


Saint-Saëns hinterließ 300 Werke in nahezu allen Gattungen. Etwa die Hälfte des Œuvres entfällt auf nahezu gänzlich vergessene Vokalwerke wie Chöre, Kantaten, Klavierlieder und Opern.  Er stellte sich mit ihnen gegen die Trends seiner Zeit, ja war ihr voraus, was bis heute nicht angemessen gewürdigt wird. Er war ein unzeitgemäßer Romantiker, der sich an klassischen Formen der Musik orientierte. Er setzte sich für eine progressive französische Sinfonik ein und zeigte eine bemerkenswerte stilistische Vielfalt und Variabilität. Immer wieder wagte er Formexperimente, befleißigte sich einer avancierten Harmonik und hatte ein ausgesprochenes Faible für Couleur locale, Folklorismus und Exotismus.


Er war mit Gabriel Fauré und Franz Liszt (der in Weimar die Oper „Samson et Dalila“ uraufführte) eng befreundet, kannte Wagner persönlich, er schätzte ihn sehr, aber er bekämpfte die starken Einflüsse der deutschen Musik, speziell den Kult um Wagner, den Wagnérisme.  Nicht zuletzt die Gründung der „Société nationale de musique“ brachte ihm den Vorwurf des Nationalismus ein, obwohl es ihm doch nur um ein Aufführungsforum für zeitgenössische französische Musik ging, um eine „ars gallica“.


Saint-Saëns war auch mit Charles Gounod und der Sängerin Pauline Viardot befreundet, in deren Salon er sich gern als Diven-Imitator produzierte. Auch mit Peter Tschaikowsky, der ihm nah verbunden war, tanzte er, von Nikolai Rubinstein am Klavier begleitet, in einem Saal des Moskauer Konservatoriums ein Zwei-Personen-Ballett, in dem der vollbärtige Saint-Saëns als Galatea agierte. Es ist eine wenig bekannte Seite des „eingefleischten Junggesellens“. Erst spät heiratete Saint-Saëns eine 20 Jahre jüngere Frau, die Ehe war unglücklich und seine beiden Söhne starben jung. Saint-Saëns zog sich daraufhin mehr und mehr nach Algerien zurück, „das Eldorado europaflüchtiger schwuler Künstler“ (so Rainer Falk und Sven Limbeck in ihrem „Schwulen Opernführer“). Wie auch immer…


Zunächst in Frankreich durch seine Fokussierung auf Symphonik, Konzerte und Kammermusik als Revolutionär verschrien, führte die Begeisterung im Ausland mit zeitlichem Abstand zur Anerkennung auch im Heimatland bis hin zur Bewunderung um 1890 als einer der Klassiker der französischen Musik. Nach 1900 geriet seine Musik angesichts der Avantgarde eines Debussy, Ravel oder Strawinsky zusehends ins Abseits. Doch das Bonmot „als Revolutionär begonnen, als Reaktionär geendet“ greift zu kurz. Saint-Saëns war weder das eine noch das andere, sondern nahm aktiv und hellwach, er nahm Teil am Musikgeschehen seiner Zeit, allerdings ohne jeden Dogmatismus. Seine Unabhängigkeit belegen auch seine zahlreichen Artikel und Essays, in denen er sich immer wieder für verkannte Werke und Komponisten oder gegen übertriebene Moden aussprach.


Als Komponist hat Saint-Saëns unglaublich viel geschaffen: Neben zahlreichen Konzerten, Symphonien, Kammermusik, Programmmusik, Kirchen- und Ballettmusiken, Liedern und sogar einer Filmmusik hat er 13 Opern komponiert.  Seltsamerweise ist Saint-Saëns‘ Werk editorisch kaum erschlossen, viele Stücke blieben unbekannt oder in unseren Zeiten unaufgeführt, darunter eben auch seine Opern. 


Schon der Opernkenner Julius Kapp hat Saint-Saëns‘ in seinem Buch „Die Oper der Gegenwart (Berlin 1922) unter die „Eklektiker“ der Wagner-Nachfolge eingeordnet. „Auch im Ausland griffen zunächst fortschrittlich gesinnte Musiker gierig nach den Errungenschaften des Wagnerschen Orchesters. … In Frankreich ragt vor allem der erst kürzlich verstorbene Camille Saint-Saëns‘ hervor.“ Bei dieser Bewertung ist es im Wesentlichen bis heute geblieben: Ein Vorurteil!


Saint-Saëns‘ Bühnenwerke verfolgen zwei spezifisch französische Ausprägungen, zum einen die Tradition der Opéra comique („La Princesse jaune“, „Phyné“), zum anderen die Verbindung von Grand Opéra mit dem zeitgenössischen Drame lyrique auf der Grundlage historischer („Etienne Marcel“, „Henri VIII“, „Ascanio“, „Les Barbares“), oder antik-mythologischer Stoffe („Proserpin“, „Héléne“, „Déjanire“). Er wollte nicht das Wagnerschen Musikdrama nachahmen, sondern einen eigenen Weg einschlagen mit transparenter Instrumentation, Wahrung des Nummern-Prinzips und ausgeprägtem, auch historisierendem Lokalkolorit.

Eine Sonderstellung nimmt „Samson et Dalila“ ein. Es ist das einzige Bühnenwerk, das sich im Repertoire der Opernspielpläne bis heute halten konnte. Doch auch seine anderen Opern wären es Wert, auf ihre heutige Bühnentauglichkeit hin überprüft zu werden Es gibt noch Einiges zu entdecken. Die meisten Theater wagen es nicht, Saint-Saens-Opern auszugraben. Auch für sein Liedschaffen gilt das. Saint-Saëns komponierte etwa dreißig Lieder mit Orchesterbegleitung (die meisten dieser Lieder wurden durch den Palazzetto Bru Zane (das „Centre de musique romantique française“. Die Organisation hat sich der Förderung der Musik vergessener bzw. weniger bekannter französischer Komponisten aus der Zeit zwischen etwa 1780 und 1920 verschrieben) im Jahr 2017 anlässlich wiederentdeckt und veröffentlicht. Auch hat diese Instition einen Vorstoß in Sachen seiner Opern unternimmt. Eine Initiative, die Aufmerksamkeit und Zuspruch verdient.


Immerhin hat das „Centre de musique romantique française“ die Opern „Phryné“, „La Princesse jaune“, „Les Barbares“, „Proserpine“ und „Le Timbre d’argent“ eingespielt. Es setzt sich auch für szenische Aufführungen dieser Opern ein und macht neugierig auf einen verkannten, ungewöhnlichen Opernkomponisten und Weltenbummler. Es ist zu wünschen, dass Impulse von den genannten Aktivitäten ausgehen. 


Darüber hinaus hat Palazetto Bru Zane einen Teil der Briefe von Camille Saint-Saëns, ein Buch über seine Reisen in den Orient veröffentlicht und seine Kantaten eingespielt, mit denen er sich für den Prix de Rome bewarb, sowie Verschiedene CD-Einspielungen mit Liedern.  Gerade diese Lider offenbaren wie seine Opern eine sehr feinsinnige Seite des Komponisten, der sich immer wieder neu erfunden hat.