Siegfried Wagner. Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste

Dieter David Scholz

 

 

Tabubruch: Der homosexuelle Siegfried Wagner

"Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste“

 

Siegfried Wagner war Richard Wagners einziger Sohn und er war Leiter der Bayreuther Festspiele von 1906 bis 1930, Komponist von 18 Opern, gefeierter Dirigent und Ehemann von Winifred Wagner, die Hitler in die Steigbügel half. Er war der Vater von Wieland und Wolfgang Wagner. Und er war der von Erpressern wegen Paragraph 175 immer wieder heimgesuchte „berühmteste Homosexuelle Deutschlands“. Das Schwule Museum in Berlin hat nun in Zusammenarbeit mit der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft eine erste Ausstellung über diesen bisher weitgehend ausgeblendeten Aspekt in Leben und Werk Siegfried Wagners veranstaltet, die am 17. 02. 2017 eröffnet wurde.

 

 

Siegfried Wagners letztes, unvollendetes Bühnenwerk, die Oper „Das Flüchlein, das jeder mitbekam“ aus dem Jahre 1929 kreist um einen Räuberhauptmann namens Wolf . Wolf war der Spitzname Hitlers im Haus Wagner. Das Stück kann als verschlüsselte Abrechnung mit Adolf Hitler verstanden werden, wie Peter Pachl, Biograph Siegfried Wagners und einer der Initiatoren der Ausstellung meint:

 

„ Dass er nach der Lektüre von „Mein Kampf wirklich hellsichtig wurde und eine Oper darüber geschrieben hat, wie es wäre, wenn diese Forderungen von Hitler in die Tat umgesetzt würden, „Das Flüchlein, das jeder mitbekam“. Er hat auch wirklich Zivilcourage besessen, denn er hat dieses Libretto jedem der Besucher zu seinem 60. Geburtstag auf den Teller gelegt. Und das waren natürlich sehr viel Rechte und Nationale und Konservative. Und allen hat er sozusagen gesagt: Hier nimm und friss! Es kann keiner sagen, dass er keine Position bezogen hat. Wir haben hier in der Ausstellung einen Brief, wo Winifred das bestätigt.“

 

Und doch war Siegfried Wagners politische Haltung keineswegs eindeutig, wie die Ausstellung im Schwulen Museum in Berlin dokumentiert. Er war homosexuell, Judenfreund und zugleich Hitleranhänger. Ein Antifaschist – zu dem ihn Manche reinwaschen wollen - war er keineswegs. Um so wichtiger ist es, in unseren Rechtsruckzeiten einen genauen Blick auf einen so prominenten homosexuellen Anhänger der Nazi Bewegung zu werfen, die über-lieferten Fakten und Tatsachen gründlich zu analysieren und zu fragen: warum und wie konn-te das geschehen? Die Berliner Ausstellung leistet da Pionierarbeit und bricht mit Tabus. Kevin Clarke vom Vorstand des Schwulen Museums:

 

„ Man kann schon sagen, dass Siegfried Wagner einer der bekanntesten Homosexuellen Deutschlands war am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Das heißt nicht, dass die allgemeine Öffentlichkeit wusste, dass er homosexuell war. Aber der engere Kreis der Musikschaffenden, Freunde, Familie usw. wusste es. Siegfried Wagner ist insofern typisch für seine Zeit, als dass er seine Homosexualität im privaten Kreis zwar einigermaßen offen ausgelebt, sich aber gleichzeitig bemüht hat, nach außen den Schein einer normalen bürgerlichen Existenz zu wahren. Er hat geheiratet und hat Kinder gezeugt. Das war eigentlich der typische Modus für schwule Männer damals, dass man versucht hat, die Homosexualität zu kaschieren, indem man sie quasi durch diese bürgerliche Fassade versteckte.“

 

Man darf nicht vergessen, dass Homosexualität bis 1969 in Deutschland strafbar war, danach gab es eine Altersbeschränkung. Erst 1994 wurde der Paragraph 175 vollständig gestrichen. Die Berliner Ausstellung, die erste ihrer Art, zeigt am Beispiel des Wagner-Sohnes, wie jemand zwischen 1890 und 1930 ein homosexuelles Leben führte und welche Gratwanderung es war, unter dem Damoklessschwert des Geoutetwerdens, mit dem Zwang zum Doppelleben, mit schwulen Freundeskreisen und mit Schein einer bürgerlichen Existenz und ständiger Angst vor Erpressung zu leben.

 

Die Ausstellung veranschaulicht dies durch eine Fülle von zum Teil nie zuvor veröffentlichter Exponate, darunter viele Briefe, Liebesbriefe auch an intime Liebhaber, Photos, Familien-, Festspiel- und Nazidokumente. Sie macht aber auch deutlich, wie sich die Homosexualität Siegfrieds in der Besetzung der Bayreuther Festspiele niederschlug und in seinem bis heute im Schatten seines Vaters unterschätzen musikdramatischen Werk. Peter Pachl:

 

„ Grundsätzlich findet sich sehr viel Biografisches, Autobiografisches im Werk. Und es wäre ein Unding, wenn man bei der Suche nicht auf Queer-Geschichten stoßen würde. Die gibt es auch, aber meistens sehr stark verschlüsselt oder in die weiblichen Personen gelegt, wie man das halt damals getan hat, das hat ja Tschaikowsky nicht anders gemacht.“

 

Durch die Zusammenarbeit der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft mit dem Schwulen Museum Berlin und dem Richard Wagner Museum in Bayreuth werden aufschlussreiche Querverbindungen hergestellt zwischen der Biographie des Wagnersohnes, seiner Tätigkeit bei den Bayreuther Festspielen und der Politik. Die Ausstellung zeigt den homosexuellen Wagnersohn in seiner schillernden Widersprüchlichkeit sachlich und differenziert.

 

„Siegfried Wagner ist anders gar nicht zu erklären. In diesen Zwängen in diesen Widersprüchen seiner Person, auch gerade politisch. Weil er eben sogar aus der eigenen Familie, und auch das belegen wir hier, erpresst wurde, Dinge zu sagen oder Dinge zu tun, die ihm gar nicht lagen. Deswegen ergriff er auch immer die Flucht weg von Bayreuth, nach Berlin und nach Italien, wo er mit zwei Malern zum Beispiel in einer sehr engen Wohngemeinschaft gelebt hat oder auch die Flucht in die Kunst.“ (Peter Pachl)

 

Wer diese Ausstellung gesehen hat, dem fallen Schuppen von den Augen und er versteht es eigentlich nicht, warum in der Siegfried Wagner-Forschung nicht schon längst die Dimension von Siegfrieds Homosexualität offen ausgesprochen und mit reflektiert wurde, denn nur sie ermöglicht ein angemessenes Verständnis von Person, Werk und Lebensleistung des Wagnererben „aus andersfarbiger Kiste“. Peter Pachl erklärt diesen Untertitel der Ausstellung:

 

„Aus andersfarbiger Kiste“ ist ein Zitat von Maximilian Harden, der ein bekannter Schwulenjäger war und gerade den Eulenburgprozess ausgelöst und Eulenburg zur Strecke gebracht hatte. 1914 hatte er sich als neues Angriffsziel Siegfried Wagner erwählt, den er als Sozialist oder Heiland aus andersfarbiger Kiste bezeichnet hat. „ (Peter Pachl)

 

Diese erste Ausstellung über den homosexuellen Siegfried Wagner im Schwulen Museum Berlin ist eine wichtige Ausstellung, die jeder, der sich für den Wagnerclan interessiert, gesehen haben sollte. Ein parallel zu ihr erschienener, äußerst informativer Band in der Schriftenreihe der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft dokumentiert die Erkenntnisse und Exponate der Ausstellung, die von Lesungen, Konzerten und Diskussionen begleitet wird.

 

 

Verschiedene Beiträge auch in DLF Musikjournal, SWR 2 Cluster und MDR Kultur

 

Die Ausstellung belegt das eindrucksvoll, indem sie auf Bachs theologische Bibliothek verweist, aus der repräsentative Werke ausgestellt sind, vor allem seine Ausgabe der Schrift „Von den Jüden und ihren Lügen“ aus dem Jahre 1543. Bach besaß 52 Titel in 81 Bänden, darunter ein Viertel Werke Martin Luthers und neben allerhand Predigt- und Erbauungsliteratur auch die toleranzfeindlichen antijüdischen Bücher des Hamburger Pastors Johannes Müller. Offenbar teilte Bach Luthers Geschichtstheologie, die im 1500-jährigen „Exil und Elend“ der Juden einen Beweis für den eigenen Glauben sah (Gottes ewige Strafe für die verstockten Juden sei die Kehrseite seiner Gnade für die Gläubigen). So legen es jedenfalls Bachs eigenhändige Bibelkommentare nahe. Die Eisenacher Ausstellung lässt keinen Zweifel daran: Bach war lutherisch geprägter Antijudaist.

Umso erstaunlicher, dass die Wiederentdeckung Bachs im frühen neunzehnten Jahrhundert, der der zweite Teil der Ausstellung gewidmet ist, ausgerechnet jüdischen Salondamen zu verdanken ist. Sie spielten in ihren Berliner und Wiener Salons Bachsche Instrumentalmusik und legten damit den Grundstein der Bachrenaissance.

 

„Die Familie Itzig mit ihren Salonieren Sarah Levy, Fanny von Arnstein, Cäcilie von Eskeles, Bella von Salomon, die Großmutter Mendelssohns, die ihm dieses großartige Geschenk, die Partitur der Matthäuspassion zum 14. Lebensjahr machte und ohne dieses Geschenk hätte es die Wiederaufführung der Matthäuspassion, damit vielleicht die Popularisierung von Bachs Musik im 19. Jahrhundert, keine Bachgesellschaft und auch kein Bachhaus gegeben.“

 

Erstaunlicherweise nahmen die jüdischen Pioniere der Bachwiederentdeckung an den antijüdischen Stellen in Bachs Passionen und Kantaten keinerlei Anstoß.

 

„Dass die plötzlich sich die Sache Bach zu ihrer eigenen gemacht haben. Es war dieses Streben nach Bildung, Teilhabe an der Emanzipation und hier hat man eine Sache, die plötzlich diese Teilhabe ermöglicht. D.h. da weht wirklich dieser Wind der jüdischen Aufklärung durch die Musikgeschichte."

Auf museumsdidaktisch übersichtlich aufbereiteten Texttafeln lassen sich sowohl die Geschichte der jüdische Bachwiederentdeckung als auch Bachs Vertonungen antijüdischer Luthertexte nachverfolgen. Auf Hörstationen kann man die entsprechenden Musiken Bachs anhören. Es sind in dieser Ausstellung aber auch viele Porträts, Bücher und anderer Schriften von der Zeit Luthers bis ins 20. Jahrhundert ausgestellt, die das Beschriebene illustrieren.

 

„Besonders perfide ist das Heftchen von Martin Sasse, thüringischer Landesbischof, führender Kopf der "Deutschen Christen" in Deutschland, der 1938 die Reichskristallnacht als Geburtstagsgeschenk an Martin Luther gedeutet hat, der ja bekanntlich am 10. November Geburtstag hat, und der sagt: In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der der größte Antisemit seiner Zeit gewesen ist.“

 

Damit wird die Brücke der Rezeption Luthers über Bach bis ins Dritte Reich geschlagen.

Ein heikler Zusammenhang und ein brisantes Thema, dem bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit zuteilwurde. Der bedeutendste deutsche Kirchenmusiker, das „Alpha und Omega aller Musik“, wie er oft gepriesen wurde, muss nach dieser Eisenacher Ausstellung neu überdacht werden. Es ist die erste zu diesem Thema. Eine wichtige Ausstellung, die mit einem Tabu bricht, die Denkanstöße gibt und in der man viel dazulernen kann.

 

Beitrag auch in SWR 2 Cluster am 27.06.2016