Salome in Berlin, Neuenfels und Guggeis

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Monika Rittershaus

 

Hans Neuenfels´ Abschied vom Berliner Opernleben:

Die große Chance für den Dirigenten Thomas Guggeis

 

Eine Parabel über Eros und Thanatos, die Amoralität der Sexualität und die Homosexualität Oscar Wildes. Salome Premiere an der Berliner Staatsoper am 4.3.2018

 

Salome war einer der größten Welterfolge der Oper seit ihrer Uraufführung in Dresden 1905. Schon ein Jahr später wurde das Werk auch in Berlin, an der Königlichen Hofoper Unter den Linden nachgespielt. Seither war das Werk in Berlin immer im Spielplan, sowohl an der heu-tigen Staatsoper Unter den Linden, als auch in der Deutschen Oper Berlin. Schon die vorletzte Produktion an der Deutschen Oper wurde von Manchem als regieliches Fiasko empfunden, Claus Guth hatte das Stück in einem Herrenkonfektionsgeschäft spielen lassen. Auch die neuste Produktion an der Staatsoper Unter den Linden stand unter keinem guten Stern. Erst fiel der ursprünglich vorgesehene Dirigent Zubin Mehta wegen Erkrankung aus, dann über-warf sich der für ihn eingesprungene Grandseigneur Christoph von Dohnányi mit dem Re-gisseur Hans Neuenfels und warf kurz vor der Premiere das Handtuch. Doch man hatte Glück im Unglück, denn kurzerhand sprang der 24-jährige Thomas Guggeis in die Bresche und rettete die Premiere.

 

„Es ist das natürlich erst mal eine Schocksituation, aber ich hatte ja das große Glück, in dieser Produktion die Sänger von Anfang an zu begleiten und auch in den Klavierproben viel dirigiert zu haben. Trotz allem ist es bei so einem Stück und mit so einem großen Orchester-apparat eine große Herausforderung." (Thomas Guggeis)

 

Sängerisch war die Aufführung Unter den Linden keine wirkliche Offenbarung. Die debütie-rende litauische Sopranistin Ausrine Stundyte bewältigte die Titelpartie überwiegend wort-unverständlich und stimmlich glanzlos, Gerhard Siegel legte den Herodes allzu heldisch an, Maria Prudenskaya sang immerhin eine sehr solide Herodias und Thomas Mayer einen ehren-werten Propheten Joachanaan. Allerdings sang er nicht aus einer Zisterne, wie die Partitur es verlangt, sondern aus einer Art phallischer Rakete, die vom Bühnenhimmel herabschwebte. Regisseur Hans Neuenfels und sein Ausstatter Reinhard von der Thannen lassen das morbide altbiblisch-exotische Orientstück in einem an ein Kino erinnernden, modernen Saal spielen als Stück über die Erotik des Librettisten Oscar Wilde. Der tritt auch auf wie ein Satyr im Smo-king mit großem, freihängendem, versilbertem Gemächt. Mit Salome darf er beim „Tanz der sieben Schleier“ einen Todes-Pas de deux tanzen.

 

 

Am Ende bekommt Salomé in der Inszenierung von Hans Neuenfals statt des abgeschlagenen Hauptes Jochanaans, der übrigens in Frauenkleidern auftritt, 42 abgeschlagene Männerköpfe präsentiert. Es ist die Exekution des Mannes an sich. Auf einem Bühnenwagen werden die 6 x 7 Gipsköpfe herangefahren. Der Altmister des sogenannten Regietheaters hat in dieser, wie er verlautbaren ließ, seiner wohl letzten Inszenierung in Berlin eine Parabel über Eros und Tha-natos, die Amoralität der Sexualität und die Homosexualität Oscar Wildes gezeigt, der Salome "zu seinem kämpferischen Alter Ego" bestimmt habe. Ausryne Stundyte tritt denn auch wie ein androgyner Vampyr in Männerkleidern auf. Gelegentlich spielt sie Königin der Nacht im Tutu mit glitzernder Mondsichel auf dem Haar, aber auch Oscar Wilde schlüpft in diese Rolle.

 

Diese neue Berliner Salome-Inszenierung wird gewiss für Kontroversen sorgen. Nicht jedoch das Dirigat des Einspringers Thomas Guggeis. Er hat die Staatskapelle Berlin ohne Fehl und Tadel zu einer klug disponierten, spannenden, farben- und kontrastreichen Interpretation der Oper angehalten, souverän auf Transparenz der flirrenden Musik bedacht, energisch und auf der Basis des Konzepts, das er mit Christoph von Dohnányi erarbeitet hat.

 

„Dadurch, dass wir gemeinsam sehr eng am Stück gearbeitet haben, und das empfinde ich als große Ehre, dass wir das in gegenseitigem Austausch gemacht haben, war es nicht eine reine Chef-Assistent-Beziehung, sondern wir haben uns wirklich ausgetauscht.“ (Thomas Guggeis)

 

Ab der nächsten Spielzeit wird Thomas Guggeis, der seit gut einem Jahr Assistent von Daniel Barenboim ist, die Berliner Staatsoper verlassen und Kapellmeister an der Oper des Staats-theaters Stuttgart werden.

 

„Ich freue mich sehr auf die Aufgaben in Stuttgart. Natürlich ist es mit einer Träne des Ab-schieds verbunden, wenn man so ein Welthaus wie die Staatsoper Berlin verlassen muss, mit Daniel Barenboim als Mentor und als unglaublichem Menschen und Musiker. Das ist schwer, so etwas hinter sich zu lassen.“ (Thomas Guggeis)

 

Nach Berlin wird der frischgebackene Dirigent, der derzeit an der Kammeroper des Theaters an der Wien auch die musikalische n einer Neuproduktion von Debussys „Pelléas et Melisande“ innehat, aber künftig als Gast ans Pult zurückkehren.

 

„Ich glaube, dass ich noch viel zu lernen habe. Und deshalb werde ich in Stuttgart viel Reper-toire dirigieren: Bohème, Butterfly, Barbiere, was halt ansteht, und das sind die Sachen, die schwer sind dirigentisch und wo man wahnsinnig viele Erfahrungen sammeln kann.“ (Thomas Guggeis)

Man darf gespannt sein auf den neuen Kapellmeister an der Stuttgarter Oper. Sein erfolgrei-ches Einspringen für Christoph von Dohnanyi in Berlin war eine große Chance, ein überzeu-gender und sicherlich weithin beachteter Beweis seiner dirigentischen Qualifikation und viel-leicht sein großer Durchbruch. In jedem Fall aber ein glänzender Abgang von Berlin - er wird alle 5 Vorstellungen von Salome bis zum Ende der Saison dirigieren - und ein vielversprechen-der Vorwurf auf seine neue Wirkungsstätte. Zu Recht wurde Thomas Guggeis vom Premierenpublikum frenetisch gefeiert.

 

 

Beitrag auch für SWR 2 Cluster 5.3.2018