Wagnerlexikon

Dieter David Scholz

 

 

Wagner Lexikon mit Fragezeichen

 

Die Wagnerliteratur feiert im Wagnerjahr 2013 Hochkonjunktur. Nun ist, für alle, die´s genauer wissen wollen, im Laaber Verlag ein opulentes Wagnerlexikon erschienen. Herausgegeben von den Musikwissenschaftlern Daniel Brandenburg und Rainer Franke im Auftrag des renommierten Forschungsinstitus für Musiktheater Schloß Thurnau. Knapp 1000 Seiten hat es. Gewichtig im wahrsten Sinne des Wortes. Aber bietet es wirklich das, was man von einem Lexikon erwartet?

 

 

Das erste Wagner Lexikon kam schon im Todesjahr Wagners, 1883, heraus. Carl Friedrich Glasenapp, der Redakteur der Bayreuther Hauszeitschrift, hatte es allerdings eher als Zitaten-Lexikon in Sachen Kunst und Weltanschauung Wagners, aus dessen Schriften zusammengestellt. Einhundert Jahre später gab es ein erstes, kritisches Hand­Lexikon, das den Interessen des bundesrepublikanischen Nach-Holocaust-Wagnerpublikums Rechnung trug und über Wagners Familiengeschichte, die Orte seines Lebens, sein Werk und seine fatale Wirkungsgeschichte bis ins Dritte Reich knapp, aber dezidiert informierte. Martin Gregor-Dellin, der die Cosima Tagebücher und seine maßstabsetzende Wagnerbiographie heraus gebracht hatte, und der Wagner-forscher Michael von Soden haben das kleine, aber feine Lexikon auf den Markt gebracht. Danach hat der Musikwissenschaftler Hans Joachim Bauer im Allein­gang ein etwas umfang-reicheres, aber weniger anspruchsvolles Wagner Lexikon geschrieben. Alle drei Lexika sind längst vergriffen und können allenfalls antiquarisch erworben werden.

 

Jetzt also gibt es, endlich, wieder ein Wagnerlexikon. Und was für eines. Nahezu tausend Seiten umfasst es, fast drei Kilo ist es schwer und an die 500 Artikel enthält es, von "Ada" - der Name einer Person in Wagners erster Oper "Die Feen" - bis "Zwischenaktmusik", geschrieben von nicht weniger als 74 Autoren. Die Summe der heutigen Wagnerforschung, so erwartet man, die seit 50 Jahren einen enormen Schritt gemacht, viele neue Quellen erschlossen, eine Menge entstehungs, werk- und wirkungsgeschichtliche Fragen beantwortet und wichtige familiengeschichtliche Zusammenhänge Wagners geklärt hat.

 

Während seines ersten Aufenthalts in Paris 1839-42, als noch ziemlich unbekannter Komponist und Hungerleider, hatte sich Richard Wagner vor allem mit Gelegenheitsarbeiten beim Musikverleger Schlesinger durchgeschlagen, der die "Revue Gazette musicale de Paris" herausgab. Dieser bedeutenden Musikzeitschrift ist ein großer Artikel gewidmet. Leider ist die Autorin des Artikels einer der schamlo-sesten Lügen Wagners auf den Leim gegangen, indem sie als Tatsache ausgibt, was Wagner nur als Druckmittel inszenierte, um bei Freunden und Bekannten neuerlich Geld zu erbetteln. Die Autorin behauptet auf S. 252, Wagner sei so wörtlich, "nach einem Aufenthalt im Schuldengefängnis" Mitarbeiter Schlesingers geworden. Nach allem, was die Wagnerforschung heute weiß, was aber schon Martin Gregor-Dellin 1976 wußte, ganz zu schweigen von den Kommentatoren der Edition Sämtlicher Briefe Wagners, gibt es dafür keinen einzigen Beweis, nicht einmal hinreichende Indizien. Es handelt sich mit an Sicherheit grenzender Wahr­scheinlichkeit um eine der vielen Legenden, die Wagner ins Leben setzte. Man hätte erwarten dürfen, dass das in einem wissenschaftlichen Lexikon gründlicher recherchiert und entsprechend differenziert dargestellt worden wäre. Ein bezeichnendes Beispiel für eine ganze Reihe ähnlicher Schlampereien, die sich beim genauen Lesen offenbaren. Auch in Sachen bibliographischer Querverweise. Beim Stichwort Antise-mitismus - nicht gerade das unwichtigste - das übrigens äußerst sachlich behandelt wird, fehlen wesentliche Litertaturhinweise. Und dass sich viele Hinweise auf dem Forschungsstand von vor zehn Jahren beschränken, darf schon als Manko des ansonsten sehr zu lobenden Lexikons betrachtet werden.

 

Jedes Lexikon hat seine Grenzen. Dass auf so manche Einträge verzichtet wird, mag man nachsehen. Auch, dass viele kaum bekannte, fachlich nicht eben prädestinierte Artikelautoren in diesem Lexikon schreiben. Aber dass man es nicht für nötig hielt, sie im Anhang wenigstens kurz vorzustellen, ist um so bedauerlicher, als man stattdessen (im Zeitalter von Google) eine völlig überflüssige Auflistung von Wagner Gesellschaften und Verbänden samt Internetadresse angehängt hat. Und es gibt Autoren, die Artikel über Institutionen schreiben, in die sie selbst per Amt verstrickt sind, was nicht eben die beste Voraussetzung für eine unbefangene, kritische, wissen-schaftliche Darstellung ist. Aber auch eine Lexikonredaktion kocht eben nur mit Wasser. Und eine Hand wäscht die andere...

 

 

Beitrag in MDR Figaro