Aquagranda UA in Venedig

Dieter David Scholz

 

 

Hochwasser als Oper in Venedig

Die Uraufführung von "Aquagranda" im La Fenice

„Aqua alta“ nennen die Venezianer das „Hochwasser“. Seit Gründung der Stadt sind Überschwemmungen in Venedig ein ständiges Problem. 1966 gab es das verheerendste Hochwasser, das Venedig seit Aufzeichnungsbeginn heimsuchte. Daran zu erinnern hat das traditionsreiche Teatro La Fenice in Venedig eine Oper in Auftrag gegeben, mit der sie am Freitagabend ihre neue Stagione eröffnete. Der Titel des Stücks: „Aquagranda“. Das Wort meint die Steigerung von Hochwasser. Komponiert hat das Werk der junge Komponist Filippo Perocco auf ein Libretto, das auf dem Roman „Aquagranda“ von Roberto Bianchin basiert, der auch einer der beiden Librettisten ist.

Photos © Michele Crosera / Teatro La Fenice

Mit einem Paukenschlag hat das altehrwürdige Teatro La Fenice seine neue Opernsaison eröffnet, auf den Tag genau 50 Jahre nach dem Jahrtausendhoch-wasser, das damals die Lagune von Venedig samt vorgelagerter Inseln auf verheerende Weise heimsuchte, während gleichzeitig auch Florenz vom Arno-Fluss überflutet wurde wie nie zuvor in seiner Geschichte. Fortunato Ortombina, künstlerischer Leiter des Teatro la Fenice:

 

„Wir haben dieses Thema ausgewählt, weil es ein zeitgenössisches ist. Es geht nicht nur um das Hochwasser im Speziellen, sondern um das Verhältnis des Menschen zur Natur im Allgemeinen. Traurigerweise ist das Stück aktueller denn je angesichts der Erdbeben, die in diesen Tagen Italien erschüttern“

 

Filippo Perocco nennt sein Werk ein „dramma per musica“. Doch das nicht einmal anderthalbstündige, einaktige Stück changiert zwischen Oper, Oratorium, Vokalsinfonie und „Seapicture“, um den Titel Benjamin Brittens zu zitieren, mit dem er seine sinfonischen Meeresbilder aus der Oper „Peter Grimes“ überschrieb. Peroccos Musik gluckst und gurgelt, wispert und donnert, singt und schreit so unbändig wie das Meer. Der Chor spielt die Hautrolle in diesem Stück, er leiht dem Meer seine Stimme. Daneben dominieren Bläser, Perkussionsinstrumente und Klavier. Es ist eine atmosphärisch dichte, klangsinnliche, Musik, die das janusköpfige Element Wasser zum Klingen bringt. Eindeutig einordnen lässt sie sich nicht und wer genau hinhört, kann in ihr bei aller Eigenständigkeit auch subtile Erinnerungen, etwa an Monteverdi oder auch an Prokofiev durchhören.

 

Der junge venezianische Komponist Filippo Perocco ist Mitbegründer des venezianischen Ensembles für zeitgenössische Musik „L'arsenale“, aber er gilt inzwischen nicht nur bei der Biennale in Venedig, sondern auch in Salzburg, Dresden, New York und London als einer der interessantesten zeitgenössischen Komponisten Italiens.

 

„Man könnte sagen, er ist stark geprägt worden von einer spezifisch venezianischen Avantgarde, allerdings wohl weniger von Luigi Nono als von Bruno Maderna. Ich würde Perocco keinen Avantgardisten nennen, eher einen Postanvantgardisten, aber ohne jeden Romantizismus. Die strenge venezia-nische Schule hat ihn befähigt, eine Musik zu komponieren, die die Natur beschreibt und damit das Hauptthema der Oper.“ (Fortunato Ortombina)

 

Handlung der Oper „Aquagrande“ ist die fiktive Darstellung der Erfahrungen eines jungen Mannes namens Ernesto Ballarin. Er stammt aus Pellestrina, einem der schmalen Landstreifen, der Venedig vor dem Meer schützt und bei der Jahrtausendflut beinahe vom Meer verschlungen wurde. Er will ein neues Leben, weit weg von Venedig und Pellestrina beginnen. Doch die horrible Naturkata-strophe stimmt ihn um. Er bleibt bei seinem Vater und bei den Fischern von Pellestrina bis die Winde nachzulassen und das Wasser zurück-weicht. - Doch für Fortunato Ortombina geht es in dieser Oper um mehr als nur ein Einzelschicksal:

 

“Ich glaube, die Menschen würden besser daran tun, ihre reale Beziehung zur Natur zu überdenken. Eben deshalb haben wir ein Stück in Auftrag gegeben, in dem die Beziehung des Menschen zur Natur das Hauptthema ist."

 

Damiano Michieletto, einer der faszinierendsten Regisseure des gegenwärtigen italienischen Musiktheaters, hat die musikalische Überflutung optisch ins Bild gesetzt mit einer gigantischen Wasserinstallation von Paolo Fantin und eingeblendeten Meeres-, vor allem Aqua alta-Videos einschließlich solcher der Jahrtausendflut von 1966. Die Choreografin Chiara Vecchi hat der realistischen Personen-führung des eher statischen als drama-tischen Stücks eine zweite, symbolische Tanztheaterebene hinzugefügt: Ein großer Abend, der vom Publikum stürmisch gefeiert wurde, zumal auch das junge Solistenensemble, der beeindruckende Chor, der in einer Art Chorgestühl auf beiden Seiten der Bühne postiert wurde und das von Claudio Marino Moretti so einfühlsam wie energisch geleitete Orchester des Teatro La Fenice überzeugten und führten diese erste Oper von Filippo Perocco – die erste Hochwasseroper überhaupt - zu einem großem, unerwartetem Erfol. Mit „Aquagranda“ knüpft das Teatro La Fenice an seine bedeutende Urauffüh-rungstradition an und beweist einmal mehr, dass Oper heute neben aller musikalischen Nostalgie auch Erinnerungsort von aktueller Bedeutung sein kann.

 

Beitrag auch in SWR 2 "Cluster"