Wagners 200ster Geburtstag. Ein Kommentar aus Paris

Dieter David Scholz

 

 

Büste von Jean-Louis Bozzi (Opéra de Paris) / Photo: Dieter David Scholz

 

Richard Wagners 200ster Geburtstag

 

Ein Kommentar aus Paris

DLF "Aktuelle Kultur" 22. Mai 2013

 

 

Es ist der bisher zügelloseste und umfassendstee « Wagnerhype » aller Zeiten, der aus Anlass seines 200sten Gebrtstags veranstaltet wurde. Ein gigantischer Wagner-Marathon in Theatern, Konzertsälen, Museen und Medien. Noch nie wurde so viel Wagner gespielt, so viel über Wagner geredet und geschrieben. Das multimediale Hojotoho und Wagalaweia erreicht heute seinen Höhepunkt mit Wagnerfeiern und –Konzerten in Leipzig, der Geburtsstadt des Komponisten, in Dresden, wo Wagner als Hofkapellmeister seine ersten überragenden Erfolge feierte, in Bayreuth, wo er sein Festspielhaus errichtete und Festspiele ins Leben rief, die noch heute zu den gefragtesten überhaupt zählen, ganz zu schweigen von den Wagnerfeiern in Paris, der Stadt seiner Träume, in Venedig, wo der europäische Nomade Wagner den zweiten Akt seines "Tristan" schrieb oder in Zürich, wo der steckbrieflich gesuchte Revolutionär Wagner einst 10 Jahre im Exil verbrachte. Wenn dieses sogenante Wagner-Jahr (worüber oft vergessen wird, dass auch Giuseppe Verdi vor 200 Jahren geboren wurde) etwas brachte, ist es zumindest die Einsicht, dass Wagner immer noch ein grosser Verführer, ein Hypnotiseur ist, dessen Musik, dessen Musikdrama sich bis heute massenwirksam vermarkten lässt und an Attraktivität, an Brisanz und Faszination seit dem Tod des Komponisten 1883 offenbar nichts eingebüsst zu haben scheint.

 

Und alle verdienen noch immer gut an Wagner: Verlage, Schallplattenfirmen, Musikindustrie, Konzert- und Opernhäuser. Unmengen an neuer Wagnerliteratur sind erschienen, obwohl über Wagner bereits so viel geschrieben wurde wie sonst nur über Jesus, Freud, Marx und Napoleon. Dabei sind alle Fragen in Sachen Wagner doch eigentlich längst beantwortet. Auch die heiklen, zu Wagners fataler Wirkungs-geschichte im 20. Jahrhundert, zu seinem Antisemitismus etwa oder zu Hitlers Wagnervereinahmung.

 

Doch zur scheinbar unumstösslichen Kontinuität der Wagnerwahrnehmung gehört die Tatsache, dass Wagnerverehrer wie Wagnererächter alle Ergebnisse der Wagnerforschung beharrlich ignorieren und an ihren Vorurteilen in Sachen Wager festhalten. Noch immer ist Richard Wagner ein «deutsches Missverständnis» auf das schon sein Zeitgenosse Friedrich Nietzsche hinwies, und die Probleme der heutigen Deutschen mit Richard Wagner sind vor allem die unbewältigten Probleme der Deutsc hen mit ihrer Geschichte, wie es der Wagerbiograph Martin Gregor-Dellin einmal formulierte. Recht hat er!

Daran wird auch der 200ste Geburtstag des Komponisten nichts ändern.