UA Gutenberg V. D. Kirchner Erfurt

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Theater Erfurt / L. Edelhoff

 

Von Gutenberg zu Steve Jobs

Abrechnung mit der Bücher weitgehend ignorierenden Internet- und Smartphone-Gesellschaft

 

"Gutenberg" Oper in einem Akt (9 Szenen) von Volker David Kirchner

 

Johannes Gutenberg ist eine der bedeutendsten Erfindung seiner Zeit gelungen. Ihm verdankt die Nachwelt den Buchdruck mit beweglichen Lettern. Volker David Kirchner, 1942 in der Gutenberg-Stadt Mainz geboren, gehört seit über vier Jahrzehnten zu den führenden Komponisten der Gegenwart. Nach dem vor 5 Jahren mit großem Erfolg in Kiel uraufgeführten "Savonarola" sucht Kirchner in Gutenberg erneut die Auseinandersetzung mit einer ebenso visionären wie widersprüchlichen Persönlichkeit des europäischen Spätmittelalters. Die Oper wurde am 24. März im Theater Erfurt uraufgeführt.

 

 

„Digitale Revolution“ ist der der eigentlichen Uraufführung von Volker David Kirchners „Gutenberg“ vorangestellte erste Teil des Abends betitelt, in dem eine Mischung aus Stücken der Johannespassion und der h-moll-Messe von Johann Sebastian Bach vorgetragen wird. Die junge Regisseurin Martina Veh rechnet darin mit den fragwürdigen technischen Segnungen unserer Zeit ab: Handy, Smart-phone, Internet und World Wide Web. Kartonberge, Schablonen, stereotype Verhaltensweisen, ein wahres Buchstabenfeuerwerk, über die Bühne laufende Scannerleuchtstreifen deuten an, worum es geht: die Masse Mensch, sie wird vom Chor in Konzertkostümen verkörpert, und die Masse Ware. Und es geht um Erfindungen, die die Welt veränderten. Aber auch um Leben und Tod, neue Medien und den Umgang mit ihnen. Flapsig zeitgemäß moderiert wird dieser erste Teil des Abends von Mark Pohl. Elektronische Musik von Gunnar Geisse wird Bach gegenübergestellt. Ein großes Thema wird szenisch angerissen im Cyber-Himmel und nimmt damit Bezug auf die Schlussszene, den Epilog der neunteiligen Oper von Volker David Kirchner.

 

Volker David Kirchners „Gutenberg“ ist der dritte Teil einer Trilogie, die mit „Ahasver“ be-gann, in Bielefeld uraufgeführt, mit „Savonarola“ in Kiel fortgesetzt und nun in Erfurt abgeschlossen wurde. Worum es in dieser „Renaissance“ betitelten Trilogie geht, erläutert der Komponist:

 

„In Ahasver geht es um die Betrachtung eines Zeitalters, im Savonarola um religiösen Fanatismus, das ist ja hochbrisant im Moment, und in Gutenberg um neue Technologien. Die drei Stücke gehören zusammen. Sie sollten eigentlich auch zusammen auf die Bühne gebracht werden.“

 

In Erfurt hatte man den Mut dazu nicht. Dass man neben der Uraufführung des „Gutenberg“ Bach spielt, mag auch der Verpflichtung gegenüber den gerade stattfindenden Thüringer Bachwochen geschuldet sein, wohl auch dem Osterfest, an dem die Johannespassion traditionell aufgeführt wird. Die Regisseurin Martina Veh lässt den Musikelektroniker Gunnar Geisse denn auch kurzerhand als Osterhasen auftreten. Den Moderator des ersten Teils quasi als Internet-Guru Steve Jobs . Das macht Sinn, denn Kirchners Oper spannt den Bogen von der mittelalterlichen Lebenswirklichkeit Gutenbergs bis in unsere Gegenwart, um mit einem „Epilog im Himmel“ zu enden, wo der alte Johannes Gensfleisch Gutenberg nach seinem Tod im Cyber-Himmel auf Apple-Gründer und Internet-Ikone Steve Jobs trifft, um mit ihm zu fachsimpeln.

 

 

Kirchners Musik lässt sich kaum in begriffliche Raster wie Neue Musik oder Avantgarde einordnen. Kirchner hat eine sinnliche, ja süffige Musik geschrieben, voller großer melodischer Bögen, es gibt ariosen aber auch Sprechgesang, er zieht orchestral alle Register, das Stück ist voller Kontraste und Leidenschaften. Diese Oper des 74jährigen Komponisten über den alten Gutenberg ist das ganze Gegenteil eines Alterswerks. Und Kirchner scheut sich nicht, aus dem Vollen der musikalischen Tradition zu schöpfen.

 

„ Das tue ich eigentlich immer, in den letzten Jahren zumindest. Man hat mir ja manches Mal vorgeworfen, dass ich einen zu starken Bezug zur Tradition habe, aber für mich bedeutet Tradition so etwas wie ein Filter. Es gibt bei mir Klangsymbole, das sind nie oder selten direkte Zitate, sind Annäherungen an etwas, … was aber immer einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem hat, was geschieht“

 

 

„Musikalisch spüre ich vor allem eine intensive Beschäftigung mit der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts“, so Samuel Bächli, der für die musikalische Einstudierung und Leitung der Uraufführung verantwortlich ist. „Wir hören sehr viele Zitate vom späten Mahler, von Wozzeck, Sancta Susanna, vom frühen Schostakowitsch, und doch ist es eine sehr roman-tische Musik, und es macht unheimlich Spaß, das zu dirigieren.“

 

Und es macht nicht nur Spaß, diese – von allen Mitwirkenden sehr engagiert realisierte Uraufführung zu hören, es ist auch ein vergnügliches Schaustück, denn Christl Wein-Engel und die beiden Videokünstler Momme Hinrichs und Torge Møller lassen parallel antiquiertes Film- und modernes Bühnengeschehen ineinanderlaufen, intelligent und ironisch-gewitzt.

 

Es geht um Tradition und Innovation im neusten Werk des Komponisten Volker David Kirchner, um den Umgang mit dem Neuen vor dem Hintergrund des Alten. Das digitale Zeitalter mit seinem grenzenlosen Potenzial hat das analoge Zeitalter beendet, die Galaxis Gutenberg hinter sich gelassen, die Welt zu einem Dorf gemacht, unseren Horizont ins Endlose erweitert. Und doch fragt Gutenberg in der Schlussszene: „Und? Ist er ein besserer Mensch geworden, ein klügerer? Missbraucht er nicht viel mehr wie eh und je allen Fortschritt?“ Steve Jobs antwortet: „Jeder Fehler wird irgendwann behoben“. Gutenbergs Schlusswort: „Behoben? Der Mensch ist keine fehlerhafte Technologie, sondern eine bedürftige Kreatur, ausgeliefert dem Bewusstsein seiner Vergänglichkeit…armselig und zerbrechlich.“ Kirchner nimmt in dem von ihm selbst verfassten Libretto kein Blatt vor den Mund. Sein Stück ist eine deutliche Abrechnung mit der Bücher weitgehend ignorierenden Internet- und Smartphone-Gesellschaft, so wie auch die Inszenierung sich lustig macht über das inzwischen selbstverständlich auch in Erfurt handybenutzende Opernpublikum.

 

 

Beitrag für DLF Musikjournal 29.03.2016