Gounods Faust in Magdeburg

Dieter David Scholz



Photos: Andrea Lander



In Frankensteins Labor


Das Theater Magdeburg präsentiert zzur Saisoneröffnung eine faszinierende Neuproduktion von Gounods "Faust" und einen neuen 1. Kapellmeister.


Dieter David Scholz


Die britische  Regisseurin Olivia Fuchs, die in Magdeburg zuletzt mit einer bemerkenswerten  Inszenierung des "Rosenkavalier" Aufmerksamkeit erregte,  beweist  mit ihrer jüngsten Inszenierung von Gounods „Faust“, dass die viel gescholtene Oper, deren Libretto von Jules Barbier auf dem Boulevardstück «Faust et Marguerite» des Autors Michel Carré basiert, besser ist als ihr Ruf.

Zwar steht nicht wie bei Goethe das Ringen des ewigen Suchers mit den Mächten des Kosmos im Zentrum der Oper,  Gounods Faust strebt nicht nach Erkenntnis dessen, „was die Welt im Innersten zusammen¬hält“. Aber auf den Zwischenvorhängen der fünf Akte sind in Magdeburg die Kernsätze der Goetheschen Gelehrtentragödie zu lesen und die Verortung des Stücks in einer Mischung aus Laboratorium und anatomischer Asservatenkammer zeigt den Handlungsort eines Gelehrten. Rück- und Seitenwände der von Niki Turner entworfenen Ein¬heitsbühne bestehen aus Regalen, die vollgestopft sind mit konservierten menschlichen Körperteilen, Föten und Anoma¬litäten.  Man denkt an Frankensteins Gruselkabinett, in dem künstliche Menschen geschaffen werden. Faust, der zu Beginn der Oper am Rande des Selbstmords steht, wird als alter, gebrechlicher, an Wissenschaft und Existenz verzweifelnder Anatom vorgeführt, der nur noch vom Wunsch nach Jugend und Eros besessen ist. Dieser Wunsch wird von einem Mephisto erfüllt, der in Dr. Fausts Laboratorium erschaffen zu sein scheint. Olivia Fuchs erzählt in ihrer eigenwilligen Inszenierung, ironisch gebrochen, Doktor Faustens Traum  von ewiger Jugend und Potenz. Doch sie entlarvt ihn als desillusionierende Altmännerobsession,  als Phantasie eines vermessenen, sich am Leben versündigenden Gelehrten, als scheiterndes Experiment. Zu Beginn des ersten Akts schleppt sich Faust mit einer Gehhilfe  über die Bühne, am Ende des fünften wird er von Mephisto im Rollstuhl von der Bühne geschoben. Olivia Fuchs entfaltet ihre Lesart der Oper in strenger Konsequenz. Nur beim Tanz ums Goldene Kalb und in der großen Walzerszene gibt sie, unterstützt von Falk Bauers aberwitzigen Kostümen, dem Affen Zucker und präsentiert ein groteskes, grelles, transvestitisches Panoptikum heutiger Wohlstands- und Partygesell¬schaft. Den martialischen Chor der Soldaten im dritten Akt verfremdet sie zu einer skurrilen Kriegsveteranenfarce.

Die "Gretchentragödie“, jenes im Vorderrund der Oper stehende Schicksal der von  Faust verführten, geschwängerten, von der Gesellschaft ausgestoßenen und zum Tode verurteilen Kinds-mörderin, findet ebenfalls nur unter  Laborbedingungen statt, in kalter, befremdlich-unwirklicher Atmosphäre eines Irrenhauses. Und doch gelingt es Olivia Fuchs überzeugend,  Marguerite als starke  Frau vorzuführen, die kraft ihrer Liebe die sie umgebenden gesellschaftlichen Konven¬tionen sprengt, die sich weder von Klinikpersonal noch von den sie umgebenden Dämonen einschüchtern lässt, ihrem Glauben nicht untreu wird und entschlossen in den Tod geht. Getragen wird die Inszenierung von einem hervorragenden, internationalen  Sängerensemble. Die junge israelische Sopranistin Noa Danon singt mit großer, warmer Stimme eine mädchenhafte Marguerite. Auch der Faust des jungen tschechischen Tenors Richard Samek ist ein Glücksfall und leiht dem zwischen Zynismus und  Emotion hin- und hergerissenen Faust seine Stimme, die mit lyrischen wie helden-haften Qualitäten punkten kann. Der Star des Abends ist der georgische, schwarzteuf¬lische Bass Shavleg Armasi als Mephistophélès.  Johannes Wollrab singt einen kultivierten Valentin. Aber auch alle übrigen Partien sind überzeugend besetzt.  Tadellos singt auch der von Martin Wagner einstudierte Opernchor des Magdeburger Theaters.

Der junge Dirigent Svetoslav Borisov gibt mit diesem „Faust“ seinen beeindruckenden Einstand  als neuer 1. Kapellmeister des Hauses.  Er weiß Bühne und Orchester  zusammen zu halten und begleitet die Sänger überaus achtsam.  Der charismatische junge Bulgare ver¬steht es, den langen Abend zu einem musikali¬schen Ereignis we¬rden zu lassen. Jenseits allen süßlichen Schwelgens beglaubigt er mit der immer wieder erstaunlich klangprächtigen Magdeburgischen Phil¬harmonie die dramatische wie lyrischen Qualitäten der Oper. 


Verschiedene Beiträge in MDR Kultur und in "Das Orchester"