Lucia di Lammermoor Katharina Thalbach Oper Leipzig

Dieter David Scholz



Katharina Thalbachs schaurig schöner Schottentraum


Gegen allen Opernregiezeitgeist: "Lucia di Lammermoor" an der Oper Leipzig


Die dreiaktige Oper "Lucia di Lammermoor" von Gaetano Donizetti ist ein Schlüsselwerk der italienischen Opernromantik. Lange war das Stück in Leipzig nicht auf dem Spielplan. Am 26. 11. 2016 kam es im Opernhaus der Messestadt wieder auf die Bühne. Regie führte Katharina Thalbach. Man durfte gespannt darauf sein, wie die Erzkomödiantin die tragische Oper inszenieren würde,  die auf dem Schauerroman "Die Braut von Lammermoor" von Sir Walter Scott basiert, der um 1700 in Schottland spielt.

Photo  © Kirsten Nijhoff  / Oper Leipzig

Es ist fast eine  Sensation! Katherina Thalbach beläßt das Stück ganz bei sich selbst und in der Zeit, in der es bei Scott angesiedelt ist, in einem romantisch empfundenen, realisch gezeigten Schottland. Momme Röhrbein hat grandiose schottische Bergmassive auf die Leipziger Bühne gezaubert. Eine hölzerne Terrasse mit Türen und Öffnungen erlaubt vielfältige Auftritte für Chor und Solisten, erlaubt aber auch zauberische Überraschungen,  Durchblicke und Verwandlungen. Die Inszenierung huldigt good old Scotland.  Die Männer tragen Schottenrock. Es gibt Anspielungen auf Shakespeares "Macbeth"-Hexen, drei alte Frauen, die schon bei Scott auftreten. Die  Thalbach läßt sie immer Mal über die Bühne schlurfen. Sie spart nicht mit Blut und Qualm, Blitz und Donner. Sie läßt es ordentlich krachen und spielt genüsslich und augenzwinkernd mit Naturwundern, mit Heidnischem und Magischen. Es darf durchaus hin und wieder gelacht werden in ihrer prallsinnlichen Lesart des tragischen Stücks über Schuld und Zwang, das an Shakespeares „Romeo und Julia“ erinnert und ebenso tragisch ausgeht. Mit  besonders eindrucksvollem Pomp funèbre endet es in der Inszenierung von Katharina Thalbach.


Die Inszenierung ist in ihrer tableauhaften Bildhaftigkeit grandios, denn sie wagt allem Opernregiezeitgeist zum Trotz Oper als Wunder und Illusion jenseits unserer heutigen  Alltagsrealität. Das ist gewagt. Und wohltuend als Alternative zum heute Üblichen. Die Anwälte des Regietheaters werden entsetzt sein. Natürlich liefert die Thalbach keine tiefschürfende Ausleuchtung des Stücks,  sie sich ihre ganz private romantisch-traumhafte Schottland-phantasie, wozu sie sich in diversen Interviews bekannte. Sie spielt humor- und lustvoll mit der blutigen Schauer- und Seelengeschichte aus Schottland. Dass die Sängerin der Titelpartie sich vor der Premiere verletzte und nur im Rollstuhl auftreten konnte, hat die Vollbluttheaterpraktikerin Katharina Thalbach animiert, selbst in Gestalt der toten Mutter Lucias deren Rollstuhl über die Bühne zu schieben. Ein Einfall, der die Premiere rettete und der Thalbach einen dankbareren Bühnenaufttitt ermöglichte. Obwohl schwarz verschleiert, ist die Thalbach doch unverkennbar die Thalbach und sorgt für einiges Schmunzeln als Muttergeist mit Mutterwitz.  Es ist wohl die einzige Gelegenheit, Katharina Thalbach in Donizettis Oper auf der Bühne zu erleben, wenn auch nur als stumme Rolle. Aber immerhin! Das Premierenpublikum war begeistert von diesem Einfall wie von der ganzen Inszenierung. Die Produktion ist zeitlos. Sie wird jede Inszenierungsmode überdauern. Gut möglich, dass die Produktion der Renner der Saison, wenn nich gar des Leipziger Opernrepertoires wird: Großes, schaurig schönes Ausstattungstheater. Es überfordert und ärgert keinen Zuschauer und nimmt viel Rücksicht auf die Sänger, die durchweg vorzüglich zu nennen sind.


Die Lucia von Anna Virovlansky ist phänomenal, man hat lange nicht mehr so eine großartige Luciainterpretin gehört. Sie kann es mit ihren berühmtesten Vorgängerinnen aufnehmen. Aber auch der Edgardo von Antonio Poli, ihr Bühnen-Liebhaber, ist ein Tenor, der nichts schuldig bleibtt in seiner Partie. Mathias Hausmanns Ashton, sein Gegenspieler, ist ebenso fabelhaft. Alle Partien der Produktion sind bestens besetzt, bis hin zur kleinen Partie des Normanno, aus dem Dan Karlström noch eine sängerische Charakterstudie macht. Zu diesem Belcanto-Sängerfest an der Pleiße  trägt aber auch, und nicht unwesentlich, der präzise Chor der Oper Leipzig bei und  das bestens disponierte Gewandhauorchester.


Der britische Dirigent Anthony Bramall, stellvertretender Generalmusikdirektor der Oper Leipzig, hat ihm ordentlich Beine gemacht. Wohl weil er kein Italiener ist, nähert er sich dem Stück unsentimental. Doch der Witz und die Durchsichtigkeit seines Dirigats, der feurig freche Schwung, mit dem er diese italienische Opernromantik angeht, sind so ungewöhnlich wie wohltuend. Er vermeidet alle verkrusteten Konventionen. Selten hört man Donizetti so analytisch und scharf ausgeleuchtet, so ganz unsüßlich, aber dafür dramatisch mitreißend. Ein großer Abend!



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