Oliver Hilmes - Herrin des Hügels

Dieter David Scholz

 

 

Wagner-Witwe mit Festspiel-Fortüne

Oliver Hilmes: Herrin des Hügels

Das Leben der Cosima Wagner. Siedler Verlag 2007. 494 S.; EUR 24,95

 

Mit dem „Parsifal“ und Richard Wagners Tod begann die Erfolgsgeschichte Bayreuths. Es war Cosima, die Wagnerwitwe, die die Bayreuther Festspiele, die Wagner nach der Uraufführung des „Rings“ für gescheitert hielt, und die acht Jahre später mit dem Parsifal wieder aufgenommen wurden, in ein fluktuierendes Unternehmen verwandelte, das Gewinn abwarf und in den gesellschaftlichen Mittelpunkt rückte. Man kann ihr gewiss viel vorwerfen. Aber man muß zugeben, dass Cosima, die Wagner um mehr als 40 Jahre überlebte, am Grünen Hügel mehr als 30 Jahre lang Erfolgsgeschichte geschrieben hat, wenn auch nicht eben im Geiste Richard Wagners: ­„Auf unserem Hügel ist nun die feste Burg. In diesem Gottes-Haus sind alle berufen, die nur wahrhaftig und not­gedrungen sind.“

 

Diese Äußerung Cosimas ist vor allem das Dokument einer Religionsgründung in Bayreuth, einer Religion, die sie gegründet hat und als deren Hohepriesterin sie sich empfand. Wie es dazu kam, schildert Oliver Hilmes in seiner Biographie, die zu einem Gutteil auch eine Wagnerbiographie ist, sehr detailliert. Nach Alma Mahler, der „Witwe in Wahn“, hat sich der stabreimlüsterne Autor nun der „Herrin des Hügels“ zugewandt. Das Ergebnis ist eine außerordentlich fundierte, gut lesbar (wenn auch nicht gerade animierend) geschriebene und hervorragend recherchierte, sich ganz auf Quellen stützende, absolut sachliche Biographie der zweiten Wagner-Gattin. Cosima schrieb Ideologie- und Gesellschaftsg-eschichte. Hilmes macht das verständlich, indem er den psychologischen, weltanschaulichen und biographischen Dispositionen der problematischen Persönlichkeit Cosimas nachgeht. Auf der Grundlage eines etwas breit angelegten Psychogramms schildert er ungeschminkt die unterwürfige Ehefrauenrolle und den pathetischen Tempel-dienst der Liszt-Tochter, deren Wagnerkult nach Wagners Tod Bayreuth zum Brennpunkt deutschnationalen (antisemitischen) Denkens machte und zur Voraussetzung Hitlerscher Wagner-Vereinnahmung und –Verfälschung wurde. Man hätte sich zwar etwas mehr psycho-logische Delikatesse und sprachliche Zuspitzung des Textes gewünscht. Es fehlt ihm an Attraktivität und Spannung, das Buch liest sich dröge. Aber dafür wartet Hilmes mit einer ersten umfassenden Cosima-Biographie auf, die ganz aus dem Geist wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit Wagners zweiter Gattin geschrieben ist, fern aller Anbetung, Verklärung oder Idealisierung, was fast allen bisherigen Cosima-Biographien vorzuwerfen ist. Insofern darf das Buch zweifellos als künftiges Standardwerk in Sachen Cosima gelten.

 

 

Veröffentlicht in "Das Orchester" Schott Verlag

 

Beitrag für SWR Baden Baden, "Musik Aktuell" am 14.3. 2003 zum

 

75. Geburtstag von Christa Ludwig

 

Produktion/Überspielung im ARD-Hauptsadtstudio Berlin, 13.3.2003, 9.45-10.45 Uhr

 

 

Anmoderation:

Sie war eine der führenden Sängerinnen ihres Fachs, stand fast ein halbes Jahrhundert auf der Bühne der Wiener Staatsoper, von der sie sich 1994 verabschiedete: die Mezzosopranistin Christa Ludwig. Übermorgen (16.3.) wird sie 75 Jahre alt. Ihren Geburtstag feiert sie im Kreise von Freunden gemeisam mit ihrem Ehemann, dem Regisseur und Schausspieler Paul Emile Deiber in ihrem Haus an der Côte d´Azur. Zu ihrem Geburstag ein Beitrag von Dieter David Scholz.

 

 

 

Beitrag beginnt mit Musik:

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CDR. Wagner:LC 00542, EMI 567037 2

Tr. 8Vorfahren bis 0´11Schmerzen, aus: Wesendonck-Lieder

Christa Ludwig, Philadelphia Orchestra

Ltg.: Otto Klemperer

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Sie hatte eine de schönsten Stimmen ohne Frage, und sie war eine der vielseitigsten Sängerinnen ihrer Gneeration, ihre Karriere erstreckte sich auf alle großen, um nicht zu agen ersten Bühnen der Neuen und der Alten Welt, sie war bei den internationalen Opernfestspielen ebenso gefragt wie auf den Podien der berühmten Konzerthäuser, sie hatte mit den großen Dirigenten gearbeitet, mit Otto Klemperer und Karl Böhm, Herbert von Karajan, Georg Solti und Leonard Bernstein, sie wurde umjubelt und feierte einen Triumph nach dem anderen. Und doch blieb sie immer ganz "normal", eine "Primadonna" ist sie nie geworden, auch wenn der ironische Titel ihrer 1994 erschienenen Autobiographie den Wunsch danach suggeriert.

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Band 10´36

 

"Ah... ja, das is mir viel zu viel Arbeit, ich bin ja von Hause aus faul ... furchtbare Anstrengung."

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Berufliche Anstrengungen hat Christa Ludwig allerdings nie gescheut. Schon mit Siebzehn trat sie ihr erstes Engagement in Gießen an. Nach Frankfurt, Darmstadt und Hannover wurde sie 1955 an der Wiener Staatsoper engagiert, und von dort aus eroberte sie die internationale Opernwelt, sowohl als Mozart-, wie als Verdi-, als Wagner- und als Richard Strauss-Sängerin, aber auch als gefragte Konzert- und Liedinterpretin. Als sie sich von 1994 an von der Opernbühne zurückzuziehen begann, noch im Vollbesitz ihrer Stimme, ist ihr – im Gegensatz zu ihrem Publikum - das Abschiednehmen nicht schwerer gefallen.

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Band 21´49

"Nein gar nicht...ich hab ja fast fünfzig Jahre gesungen ... Angst hinter mich gebracht ... stehen bleiben, nach vorn schauen ... man kann nicht mehr."

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CD 2V. Bellini:LC 00542, EMI 7630002

Tr. 11Norma, (Duett Adalgisa/Norma) Maria Callas, Christa Ludwig

Ausblenden auf Handzeichen unter Text! Orch. d. Mailänder Scala, Ltg.: Tullio Serafin

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Christa Ludwig, die gerade in der legendären Norma-Aufnahme mit Maria Callas ihre überragenden Qualitäten belcantohaft "schönen" Singens zum Ausdruck brachte, die aber auch als reife, charakterisierungsfähige Interpretin und raffinierte Sängerdarstellerin Eindruck machte, jeder der sie auf der Bühne erlebte, wird dies nie vergessen, Christa Ludwig hatte alles, was man von einer Sängerin verlangt und sie bekam es von zuhause mit: eine kerngesunde, große, schöne und ausdrucksfähige Stimme, die Chuzpe, sich schon sehr jung auf die Bühne zu stellen, enorme Bereitschaft zu Fließ, den festen Willen, keine Anstrengung zu scheuen, sich nie unterkriegen zu lassen, immer Neues zu wagen und auszuprobieren und sich zu nichts ihrer Stimme Abträglichem überreden zu lassen. Auch hatte sie Charisma und Witz, Humor und sie war und ist eine unkomplizierte, sampythische Zeitgenössin. Auch wenn sie Maria Callas wegen ihres Ausdrucks bewunderte, noch mehr allerdings Zinka Milanov wegen ihrer schönen Töne: ihre wichtigste Lehrerin war ihre eigene Mutter:

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Band 30´43

"Die war meine einzige Lehrerin ... Zweifel ob Sopran oder Altistin ... also blieb ich Mezzo-sopran...na ja, ich hab das genetisch mit in die Wiege gelegt bekommen ... Es war ganz selbst-verständlich, daß ich singe, ne."

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Christa Ludwig hatte nur sehr kurze Zeit Gesangsunterricht. Sie ist gleich ins kalte Wasser gesprungen und hat sich schon Anfang Zwanzig ein enormes Repertoire erarbeitet, mit dem sie, als sie Mitte Zwanzig an die Wiener Staatsoper kam und den Schritt in eine Weltkarriere wagte, reüssieren konnte. Jung mit dem Singen zu kommen, war für ihre Generation ein Pfund, mit dem man wuchern konnte. Das ist denn auch der Vorwurf, den die gewissenhafte und gefragte Gesangslehrerin Christa Ludwig heute in ihren Meisterklassen vielen Sängern und Gesangs¬pädagogen macht: vor lauter Theorie die Praxis zu vernachlässigen und zu spät mit dem Singen zu beginnen:

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Band 41´39

"Zu mir kommen oft Sängerinnen, die sind nicht mehr so jung ... meine Generation ... mit 27 Jahren ... (zählt alle auf) Wir waren alle viel jünger.... ich glaube, es wird zu bürgerlich ... verkehrte Sache... "verintellektualisiert" ... die Praxis ist immer noch das beste, jung an eine Oper, dann kann man nebenher noch lernen."