Alceste Venezia Pizzi 2015

Dieter David Scholz

 

 

Fondazione Teatro La Fenice

Photos: Michele Crosera

Aus dem Geist der Antike

Pier Luigi Pizzi inszeniert Glucks „Alceste“ im Teatro La Fenice, Venedig

 

Abend der Extraklasse

 

 

Ein Gespräch nach der Premiere am 20. 03. 2015

 

 

Das Gluck-Jahr liegt zwar hinter uns, aber manchmal sind ja die „Nachschläge“ nicht uninte-ressant. So auch in Venedig. Im traditionsreichen Gran Teatro La Fenice in Venedig hatte gestern abend Glucks „Alceste“ Premiere, in der Inszenierung und Ausstattung des – man darf schon sagen legendären - Pier Luigi Pizzi. Dieter David Scholz war für uns dabei. Herr Scholz, Pier Luigi Pizzi gilt als der Altmeister unter den italienischen Operninszenatoren. Da war die Erwartung groß. Hat sich die Reise nach Venedig gelohnt?

 

Ja in jedem Falle, denn Pizzi wird demnächst 85 Jahre alt und jede Inszenierung, die er heraus-bringt, könnte die letzte sein. Man will sie nicht verpasst haben, denn nach dem Tod von Luca Ranconi vor wenigen Wochenist er der letzte Dinosaurier des italienischen Operntheaters alter Schule. Nachdem er seit Amtsübernahme des Künstlerischen Direktors des Hauses, Fortunato Ortombina vor allem modernes und neoklassisches Repertoire inszenierte, war man sehr gespannt auf seine Realisierung der Gluckschen „Alceste“. Wie vielleicht kein anderer Regisseur und Ausstatter kennt er diese Oper, denn er hat sie jetzt bereits zum vierten mal inszeniert, nach seinen Produktionen in Brüssel, Genf und Florenz. In Venedig hat er gestern abend eine neue Version herausgebracht, auch in neuer Optik. Und es war die erste „Alceste“ überhaupt, die im Teatro La Fenice gezeigt wurde. Alle anderen wichtigen Opern Glucks haben natürlich den Weg nach Venedig immer wieder gefunden, nicht die „Alceste“, die eigentlich viel radikalere Reformoper als „Orfeo ed Euridice“, zumal in der Wiener italienischen Erstfassung. Sie wurde in denn letzten hundert Jahren fast nie gespielt. Meist wird ja die ganz andere, spätere Pariser Fassung aufgeführt. Insofern also dürfte man doppelt gespannt sein auf das, wie Pizzi das Werk auf die Bühne bringen würde .

 

Die „Alceste“ in der Fassung Glucks und seines Librettisten Calzabigi gilt ja als opernhaftes Sinnbild der Aufopferung der Frau für ihren Mann. Eine hohe, eine radikale Hymne an die Gattenliebe. Was hat Pizzi mit diesem Stück gemacht?

 

Nun, er hat es eigentlich antikisiert. Er hat es aus der Operntradition des 18. Jahrhunderts heraus-genommen und es eher in der Renaissance als der Wiedergeburt der Antike und der Selbst-Bewußt-werdung des Menschen gespiegelt. Mit gutem Grund. Einmal geht das Stück ja auf Euripides zurück, wo es allerdings eher eine Apotheose der Gastfreundschaft war. Andererseits ist es die vielleicht entscheidende Oper, mit der der Gluck die Oper reformieren wollte, befreien wollte von den Konventionen der Barockoper, also gewissermaßen seine Renaissance der Oper angehen wollte.

Und so verlegt Pizzi die Geschichte der Königin von Thessalien, die sich für ihren Mann opfert, um sein Leben zu erhalten, in wunderschöne Renaissance- Bilder von „schlichter Grüße und edler Einfalt“. Kollonaden, Treppenaufgänge, Durchblicke und museale Statuen sind zu sehen. Alles in Schwarzweiß-Ästhetik. Dazu strenge, antikische Kostüme. Das „Reinmenschlich“, um Wagner zu zitieren, der sich ja immer auf Gluck berief und die „Alceste“ besonders schätze, wird pathetisch, aber streng zelebriert in dieser Inszenierung. Nichts Opernhaftes ist da zu sehen. Nicht einmal Gott Apollon darf auftreten, der ja als deus ex machina zu erscheinen hat am Ende der Oper, um die tote Alceste wieder ins Leben zurückzuholen. Glucks „Alceste“ ist bei Pizzi eine Oper über die „conditio humana“, über ein aufgeklärtes Menschenbild, in dem Götter keinen Platz mehr haben.

 

Hat denn diese Inszenierung auchdas Publikum überzeugt und begeistert?

 

Ja, es war ein großer, stürmisch gefeierter Erfolg. Natürlich schon, weil die Venezianer noch nie die „Alceste“ sahen. Und dann natürlich, weil Pizzi, der so etwas wie Kultstatus hat, die Oper inszenierte. Und man muß schon sagen, egal, was man von Opernregie erwartet: Pizzi ist vielleicht der letzte Altmeister, der Oper noch aus dem Geist antiker Tragödie inszeniert und ausstattet. Bei ihm ist Oper immer ein Fest, ein Ritual, zelebrierte Schönheit und vollendeter Geschmack in der Bühnen-Ästhetik. Er ist kein Vertreter des sogenannten Regietheaters, auch wenn er alles andere als realistisches oder konventionelles Operntheater macht. Seine Inszenierungen atmen Klassizität. Das betrifft auch und ganz besonders diese „Alceste“. Pizzi ist ganz nah am Stück, wenn auch eigenwillig und immer aus dem souveränen Blick des Kenners der Kunst- und Kulturgeschichte. Viele museale Anspielungen und Zitate sind auch in dieser wirklich prachtvoll schlichten „Alceste“ zu erkennen. Aber es hat nichts mit Bildungshuberei ober kulturbeflissenem Assoziationstheater zu tun. Pizzi ist der Grandseigneur unter den italienischen Oprnregisseuren und Bühnenbildnern. Er ist gewissermaßen ein Opernkönig. Und als solcher ließ er sich gestern abend auch feiern. Nicht wie ein gewöhnlicher Regisseur vor dem Vorhang, nein, er erhob sich in der für ihn reservierten Loge des Teatro La Fenice. Königlich dankend winkte er dem begeisterten Publikum zu, das ihn mit Lob überschüttete, und das ihn liebt. Es war ein großer Abend.

 

War´s denn auch dirigentisch und sängerisch ein großer Abend?

 

Das würde ich schon sagen, natürlich ist die aufstrebende Pavarotti-Schülerin Carmela Remigio keine Janet Baker oder Anne Sofie von Otter. Aber sie hat die Titelpartie doch sehr bewegend und nobel gesungen und gespielt. Auch der junge amerikanische Tenor Marlin Miller, den Marc Minkowski unter seine Fittiche nahm, war als Alcestes Gatte Admeto fabelhaft. Die übrigen Partien sind alle gut besetzt. Man muß überhaupt sagen, dass am Teatro La Fenice meist überdurchschnittlich gut gesungen wird. Man entdeckt dort immer wieder neue Stimmen. Vorzüglich wie immer ist auch der Chor des Teatro La Fenice, der ja in der Alceste eine tragende Rolle spielt. Und der junge französische Dirigent Guillaue Tourniaire, der am Beginn einer internationalen Karriere steht, leistet Erstaunliches darin, wie er einem modernen Orchester historisch informierte Töne beizubringen versteht, und er verfügt über genügend Elan und Temperament, die lange Gluck-Oper ohne Langatmigkeit zu Gehör zu bringen. Also alles in allem ein Abend der Extraklasse in Sachen Gluck.

 

Rezension in MDR Figaro, Opernjournal 21.3.2015