Meyerbeers Hugenotten von John Dew und Gottfried Pilz, 1987, WA 1991

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Kranichphoto / Deutsche Oper Berlin

Meyerbeers "Die Hugenotten" von John Dew und Gottfried Pilz

Wiederaufnahme eines „Klassikers“ an der Deutschen Oper Berlin

Am 27.08.1991. Gespräch in „Klassik zum Frühstück“ in SFB 3 am nächsten Morgen

 

 

Moderator: Gestern abend ist an der Deutschen Oper die Spielzeit mit der Wiederaufnahme der John-Dew-Inszenierung von Meyerbeers "Hugenotten" eröffnet worden. Ein großer Auftakt, oder nicht?

 

Dieter David Scholz: Ja und Nein. Also natürlich ist die Inszenierung von John Dew, die - noch zu Mauerzeiten - im Mai 1987 herauskam und damals geradezu triumphal gefeiert wurde, eine der bemerkenswertesten Inszenierungen der Deutschen Oper Berlin. Und es bietet sich ja geradezu an, aus Anlass des bevorstehenden zweihundertsten Geburtstages Meyerbeers die Oper wieder in den Spielplan aufzunehmen. Zumal Meyerbeer immer noch - zu unrecht, wie ich finde – unterrepräsentiert ist in den Spielplänen der meisten Opern-häuser. Also die Tatsache, dass diese „Hugenotten“-Inszenierung, die vor vier Jahren Furore machte, wiederaufgenommen worden ist, halte ich schon für sehr richtig, aber die Art und Weise wie sie wiederaufbereitet wurde, vor allem in musikalischer Hinsicht, das ist schlicht gesagt, ein Desaster. Man muss mittlerweile leider sagen, daß das für die Deutsche Oper Berlin und ihren Umgang mit Wieder-aufnahmen, mit Dirigenten vor allem und für ihre Besetzungspolitik sehr bezeichnend ist. Als Spielzeitauftakt ist das natürlich schon beschämend. - Daß ausgerechnet diese Vorstellung auch noch mit neuster Technik - für die eifrig Werbung betrieben wurde - fürs Fernsehen aufgezeichnet wurde, das ist allerdings peinlich.

 

Moderator: Was unterscheidet denn die musikalische Qualität dieser Wiederaufnahme von der bei der Premiere 1987 ?

 

Dieter David Scholz: Also um es auf den Punkt zu bringen: Man hat dieses teure Ausstattungsstück musikalisch als Billiglösung aufgewärmt. Und das hat der Oper enorm geschadet. Das fängt schon an bei der Dirigentenwahl. Die Hugenotten sind ja 1987 von Jesus Lopez Cobos wunderbar subtil einstudiert worden. Cobos hat mit den effektvollen Mitteln dieser doch keineswegs anspruchslosen Musik angemessen umzugehen verstanden, er hat sie geradezu begeisternd zu Gehör gebracht. Aber das kann man nun wirklich von Stefan Soltesz nicht gerade sagen, der dieses Werk jetzt an der Deutschen Oper Berlin dirigiert. Was Soltesz da im Orchestergraben vollbrachte, das war schlicht gesagt, eine mittlere Katastrophe. Er hat die Musik Meyerbeers trivialisiert und ohne jede Inspiration herunterdirigiert, ich muß gestehen, ich empfand das schon fast als Desavouierung Meyerbeers. Aber es stimmte auch in der Koordination von Orches-tergraben und Bühne so manches nicht, auch der Chor war nicht ganz auf der Höhe. Man mußte den Eindruck haben, daß diese Aufbe-reitung einfach schlampig vorgenommen wurde, und Schlamperei - übrigens auch im bühnentechnischen Bereich - ist inzwischen leider schon fast so etwas wie ein Markenzeichen der Deutschen Oper Berlin geworden.

 

Moderator: Ein Wort noch zur Besetzung

 

Dieter David Scholz: Auch da ist von der großartigen Premierenbesetzung nicht viel mehr übriggeblieben als Richard Leech, der auch gestern abend wieder einen Raoul allererster Klasse gesungen hat, er war wirklich der musikalische Lichtblick der aufführung. Auch Angela Denning, die schon 1987 die Königin sang, konnte man, obwohl sie inzwischen Stimmprobleme hat, noch als wohltuend empfinden, aber was sonst an Umbesetzungen vorgenommen wurde, das war doch ein ziemliches Trauerspiel, von der Überraschung der Camille Capasso, die den Pagen sang, einmal abgesehen. Vor allem die zentrale Partie der Valentine, die bei der Premiere immerhin von Pilar Lorengar sehr nobel gesungen wurde, die Valentine gestern abend war mit der völlig überanstrengten und - ich finde auch - recht ausdruckslos singenden Lucy Peacock absolut unterbesetzt, zumal bei einem Partner wie Richard Leech. Da hätte man einen stimmlich adäquaten Gast für diese Partie engagieren müssen. Aber auch über die Besetzungspolitik an diesem Haus kann man sich ja in zunehmendem Maße immer wieder nur wundern. Leider.

 

Moderator: Und wie bewährt sich die Inszenierung John Dews mit den spektakulären Bühnenbildnern von Gottfried Pilz nach vier Jahren?

 

Dieter David Scholz: Also ich finde, die mit - mittlerweile historischen - Berlin-Symbolen, also der Mauer, operierende Inszenierung von John Dew hat nichts an Faszination eingebüßt. Die Bühnenbilder und Kostüme von Gottfried Pilz sind einfach überwältigend. Auch wie John Dew bei allen diskret-beklemmenden Anspielungen aufs Dritte Reich und die Judenproblematik doch immer auch augenzwinkernd-parodistisch mit Opernklischees spielt, wie er Revueelemente und eine köstliche Bilder- und Bewegungssprache einbezieht, das unterhält, fasziniert und berührt noch immer, auch wenn, wie ich meine, gestern abend die szenische Spannung durch die mangelhafte musikalische Qualität sichtlich in Mitleidenschaft gezogen wurde.

 

Aber die Inszenierung ist immer noch eine der herausragensten der Deutschen Oper Berlin und ich denke, man sollte sie sich unbedingt ansehen, es ist natürlich mehr als nur schade, daß man diese - ich gestatte mir das Wort - Jahrhundert-Inszenierung mittlerweile nur zum Preis großer musikalischer Enttäuschung erleben kann.

 

 

Photo: Kranichphoto / Deutsche Oper Berlin