Wagners Antisemitismus

Dieter David Scholz

 

 

Richard Wagners Antisemitismus

Jahrhundertgenie im Zwielicht. Eine Korrektur

Erweiterte, aktualisierte Neuauflage 2013

224 S., WBG Darmstadt

 

2013. 224 S. mit 1 Abb., Bibliogr. und Reg., 14,5 x 22 cm, Fadenh., geb.

 

Programmlinie: Wissen Fachbuch

 

Bis heute löst Richard Wagner heftige Kontroversen aus. Doch nicht seine Musik ist umstritten, sondern seine politische Haltung. Sachlich stellt Dieter David Scholz das heutige Wagnerbild auf den Prüfstand. Wer sich mit Wagner und dessen Antisemitismus auseinandersetzt, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

 

ISBN: 9783534258024

Seitenzahl: 224

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 24. Nov. 2013

"Mit den besten Empfehlungen. Sachbuch"

"Judenhass ist keine Metapher: alle Fakten zum Fall"

(Eleonore Büning)

 

 

Rezensionen der früheren Ausgaben:

 

Es kommt auf anderes an als auf Racenstärke

Freispruch für Richard Wagner - vom Vorwurf des Antisemitismus

(Albert von Schirnding, Süddeutsche Zeitung vom 31. Juli 1993)

DIETER DAVID SCHOLZ: Richard Wagners Antisemitismus - Epistemata (Würzburger Wissenschaftliche Schriften, Reihe Literaturwissenschaft, Band 95), Verlag Königshausen und Neumann. Würzburg 1993, 218 S., DM 44 Mark

Nicht der Welteroberer, sondern der Weltüberwinder sei die größte Erscheinung der Weltgeschichte, sagte Schopenhauer. Wagners Parsifal, sein am tiefsten vom Philo-sophen des Mitleids und der Verneinung des Willens zum Leben geprägtes Werk, ist eine doppelte Zurücknahme: Parsifal überwindet den Drachentöter Siegfried, aber auch den an seiner Liebeswunde sterbenden Tristan. Der Anti-Held des „Weltabschieds-werks“ ist ganz aus dem Holz des Schopenhauerschen „Heiligen“ geschnitzt: Er erlöst die vom Lebenswillen (der nach Schopenhauer in den Genitalien seinen Brennpunkt hat) stigmatisierten Gestalten Amfortas und Kundry. Ausgerechnet Parsifal musste sich aber den Vorwurf gefallen lassen, das letzte Glied einer von dem Antisemiten Richard Wagner planmäßig ins Werk gesetzten religiös-rassistischen Vernichtungsideologie zu sein.

Die These Hartmut Zelinskys, zum ersten Mal 1976, zur hundertsten Wiederkehr der Bayreuther Festspiele präsentiert, beendete eine weitgehend zwischen Berüh-rungsangst und Verharmlosungstendenz sich bewegende Nachkriegsphase der literarischen Ausein-andersetzung mit Wagners Antisemitismus und bildete zugleich den Auftakt einer Kontroverse, deren Turbulenzen bis heute sich nicht gelegt haben. Sie könnte jetzt, falls die Verachtung von Vernunft und Wissenschaft nicht schon zu weit fortgeschritten ist, beigelegt werden: In einer vorzüglichen Dissertation hat Dieter David Scholz das leidige Thema einer umfassenden Untersuchung unterzogen, die uns die Wagnerliteratur bisher trotz wichtiger Vorarbeiten (Dieter Borchmeyer, Carl Dahlhaus, Jakob Katz) schuldig blieb.

Scholz hält sich an die Forderung Hans Mayers: „Wer sich mit Richard Wagner abgibt, muß sich auf das Ganze einlasen.“ Dieses Ganze meint neben Wagners dramatischem Werk in seiner musikalisch-verbalen Doppelgestalt auch den meist zugunsten des Künstlers vernachlässigten Theoretiker, der wiederum nicht auf den Verfasser des 1850 erschienenen und 1869 neu aufgelegten Pamphlets Das Judentum in der Musik einzuschränken ist. Zum „Ganzen“ gehört aber auch die Biographie und das Nachleben: die im Falle Wagners so überaus unheilvolle, mit dem „Bayreuther Kreis“ aufs engste verknüpfte Rezeptionsgeschichte. Scholz also lässt auf dieses labyrin-thische Ganze sich ein. Im Gegensatz zu Zelinsky legt er eine methodisch seriöse Analyse vor. Ein gutes Stück weit hilft ihm dabei der Ariadnefaden der von der Forschung noch nicht konsequent ausgewerteten Cosima-Tagebücher. Cosima ist freilich eine Helferin wider Willen: Ihr bornierter Antisemitismus hebt sich deutlich von Wagners Äußerungen ab, die sie gleichwohl gewissenhaft referiert. Deren Entwicklung führt „weg von einer unversöhnlichen Judenfeindschaft, hin zu einer versöhnlichen Haltung eines gewissen Verständnisses, der Anerkennung fast, und des Glaubens an Assimilierung, schließlich zur Hoffnung auf kulturelle „Regeneration“ im Geiste eines eigenwillig gedeuteten Christentums, an der auch die Nichtjuden teilzunehmen hätten“.

Ein wichtiger Beleg für dieses Urteil ist die Bemerkung, die Wagner am 14.2.1881 im Hinblick auf Gobineaus Rassenlehre gegenüber Cosima machte: „Daß die Menschheit untergeht, ist gar keine Unmöglichkeit; nur wenn man außer Zeit und Raum die Dinge betrachtet, weiß man, dass es auf etwas anderes ankommt, als auf Racenstärke, gedenkt man des Evangeliums.“ Die von Schopenhauer (der in der Abwertung von Zeit und Raum auch in dieser Äußerung präsent ist) übernommene buddhistische Auffassung des Christentums bedeutet die Abkehr von Gobineaus Rassismus und findet im Parsifal ihren künstlerischen Ausdruck. Er ist Wagners versöhnliches Schlusswort zu nahezu allen Themen seines Lebens, auch zum Antisemitismus: „Gobineau sagt, die Germanen waren die letzte Karte, welche die Natur auszuspielen hatte, Parsifal ist meine letzte Karte.“

Mit diesem aus Cosimas Tagebüchern gewonnenen Befund, der, wie gesagt, als Endpunkt eines Entwicklungsprozeses verstanden werden muß, gewinnt die Unter-suchung ihre Evidenz: In Wagners Musikdramen finden sich keine Spuren des antise-mitischen Giftes, und sein Weg als Theoretiker führt zur Absage an die antisemitische Bewegung. Der Schlusssatz dieser Studie war längst fällig, er sollte das letzte Wort in der Debatte sein: „Wagners heute noch durch die Optik Hitlers wahrzunehmen ist wissenschaftlich unhaltbar, und, wofern gegen bessere Einsicht unternommen, moralisch infam“

 

 

FAZ Rezension: Sachbuch In fernem Land, unnahbar euren Schritten

 

02.12.1997 • Dieter David Scholz verschiebt Wagners Utopie vom Feld der Politik ins Reich der Kultur / Von Eleonore Büning

 

Anläßlich der Veröffentlichung des Antisemitismus-Kapitels in: "Ein deutsches Mißverständnis

 

 

Die anhaltende Aktualität Wagners ist ja auch nicht nur darauf zurückzuführen, daß allsommers zur Zeit der Hitzewelle ein fränkischer Familienclan den Frontverlauf seiner Erbfolgestreitigkeiten bekanntgibt. Vielmehr haften daran, verstrickt in Vita und Werk des Komponisten, zwei noch nicht abgegoltene Grundfragen dieses Jahrhun-derts: die nach den gescheiterten Sozialutopien und die nach der Ungeheuerlichkeit des Holocaust.

 

"Noch ist die Persönlichkeit nicht hinter das Werk zurückgetreten", bemerkte Pierre Boulez im Bayreuther Programmheft zum "Rheingold" anno 1976 - es fragt sich, ob sie das überhaupt sollte. Zwei Jahre nach dem als utopisch-politische Parabel aufge-faßten, spektakulären "Jahrhundertring" von Boulez und Chereau wies die Zeitschrift "Musikkonzepte" darauf hin, daß das eine vom anderen denn doch nicht zu trennen sei: "Daß Wagner Antisemit war, ist stets bekannt gewesen, so daß sich jeder ,Nachweis' erübrigen sollte", hieß es dort im Editorial, nun aber gelte es zu zeigen, daß "von Wagners Wahnsystem zur systematischen Mörderherrschaft und ihrem grausigsten Ergebnis, der Ausrottung des europäischen Judentums, eine beweisbare Linie führt."

 

Diese Linie zog die Zeitschrift in einer polemischen Debatte und neun Beiträgen nach, deren umstrittenster zweifellos Hartmut Zelinskys Aufsatz über den angeblich im "Parsifal" verborgenen Aufruf zur Endlösung war. Zelinsky wurde dann zwar widerlegt, und das alles ist bald zwanzig Jahre her. Trotzdem scheint es, als sei die Beweislage seither nicht besser geworden. Auch 1997 arbeiten wieder mindestens zwei neue Wagnerpublikationen - von Annette Hein über die "Bayreuther Blätter" und von Joachim Köhler über Wagner und Hitler - auf eben diesem schwankenden Terrain, mit Vermutungen, interessanten Assoziationen und schönen Zitaten. Das schönste, meistzitierte von Thomas Mann, es sei "viel Hitler in Wagner", ist in der Tat eine gute Schlagzeile. Was fehlt, ist das Kleingedruckte: der Nachweis, wo genau und wieviel.

 

Vor vier Jahren hat Dieter David Scholz eine Dissertation zum Thema "Richard Wagners Antisemitismus" vorgelegt. Er klärt darin erstens die Gerüchte über die angeblich jüdische Abstammung Wagners, widerlegt zweitens in Einzelanalysen zum "Fliegenden Holländer", zu "Parsifal", "Ring" und "Meistersingern" die von Paul Bekker bis zu Theodor W. Adorno tradierten Mutmaßungen über Judenkarikaturen in Wagners Musikdramen und untersucht drittens Wagners Schriften. Scholz kommt zu dem Ergebnis, daß "Wagners Antisemitismus sich grundlegend unterscheidet vom Rassenantisemitismus eines de Lagarde, Dühring oder gar Hitler". Angefangen bei gewissen jungdeutschen Sympathien für die Judenemanzipation über das infame Pamphlet gegen Meyerbeer und Mendelssohn bis hin zu den unter Einfluß Cosimas entstandenen Spätschriften sei Wagners Judenhaß ein Teil der Wagnerschen Kulturkritik und somit nur Kehrseite seines ästhetischen Programms: des Entwurfs des Gesamtkunstwerks. Wagners Antisemitismus stehe in engem Bezug zu seinen utopisch-sozialistischen Kunstschriften und sei, so Scholz, "zu einem Gutteil vorgefundener Marxscher Antikapitalismus". Im übrigen weist er darauf hin, daß die Losung, es führe ein gerader Weg von Wagner zu Hitler, zuallererst von den Nationalsozialisten selbst ausgegeben worden war.

 

Das ist kein Befund, mit dem man sich Freunde unter den eingeschworenen Antiwag-nerianern machen könnte, ja, möglicherweise findet man damit sogar falsche Feinde unter den Wagnerianern. Allerdings wurde Scholzens Dissertation, in kleiner Auflage in einem Würzburger Wissenschaftsverlag erschienen, so gut wie nicht zur Kenntnis genommen, sie ist auch längst vergriffen. Da kommt es nun zur rechten Zeit, daß er seine Untersuchungen noch einmal vorlegt...

 

 

 

Manfred Eger: Wagner-Hitler-Holocaust?

Mit Fakten gegen Fiktionen - Zu einem Buch von Dieter David Scholz

(Veröffentlicht in „Festspielnachrichten“ (Die Meistersinger) 2002 zu den Bayreuther Festspielen)

Gegen die Meinung, daß ein gerader Weg von Richard Wagner zu Hitler und zum Holocaust führt, kämpfen Götter selbst vergebens. Mit der Beharrlichkeit eines Sisyphus geht Dieter David Scholz in seinem Buch „Wagners Antisemitismus“ dennoch gegen diesen Irrglau-ben an. Die erste Auflage ist 1993 erschienen und entspricht seiner Dissertation, was umfassende Literatur- und Sachkenntnis, Gründlichkeit und Sachlichkeit in Urteil und Diktion verspricht - eine Erwartung, die nicht enttäuscht wurde.. Seit 2000 liegt das Buch in einer überarbeiteten und auf Grund neuer Forschungsergebnisse aktualisierten Neuausgabe vor. (Parthas Verlag, Berlin, 191 S.). Es ist das Vademecum optimum für jeden, der sich ernsthaft mit Wagners Antisemitismus befassen will.

Scholz will mit diesem Buch das noch immer schiefe, vor allem durch die Optik des Nationalsozialismus nachhaltig verfälschte Wagnerbild korrigieren, historische Mißver-ständ-nisse klären und wirkungsgeschichtliche Vorurteile aus der Welt räumen. Er zieht ein Fazit aus einer Fülle von Forschungsbeiträgen und Erkenntnissen und gibt einen auf Fakten und gesicherten Quellen basierenden Überblick über das Thema. Durch eine scharfe Trennung zwischen biographischen, konzeptionellen (werkimma-nenten) und rezeptionellen (wirkungsgeschichtlichen) Aspekten schafft er eine wesentliche Voraussetzung für eine klarsichtige Betrachtung und Bewertung der in der Literatur oft wirr vermanschten Probleme.

Er verharmlost den Antisemitismus Wagners nicht, er verschweigt auch nicht die schrillen Ausfälle. Für die 1850 veröffentlichte Broschüre über „Das Judentum in der Musik“ und deren 1869 erfolgte Wiederveröffentlichung hat Scholz kritische und scharfe Worte, wobei er auch die „Verharmlosungsstrategie“ namhafter Wagnerianer, auch prominenter jüdischer Forscher wie Guido Adler, anprangert. Das Pamphlet machte es den Ideologen des Dritten Reiches nicht schwer, den Verfasser als pränationalsozialistischen Muster-Antisemiten zu propagieren. Scholz nennt eine ganze Reihe von Autoren, die Wagner den politischen Intentionen Hitlers dienstbar gemacht haben. Daß dieser der Welt glauben machen wollte, er habe Wagner als seinen Vorläufer empfunden, bezeuge - so Scholz - seinen Größenwahn und sein Unver-ständnis. Wenn Zelinsky behauptet, keiner habe die Botschaft Wagners fanatischer aufgenommen und furchtbarer erfüllt als Hitler, wäre ihm Brigitte Hamanns Buch „Hitlers Wien“ zu empfehlen, in dem die Autorin die eigentlichen Wurzeln von Hitlers Judenhaß eingehend bloßgelegt hat: Sie liegen bei den rüden antisemitischen Politikern und sektiererischen Hetzern im Wien der Ära vor dem Ersten Weltkrieg, wie Karl Lueger, Georg von Schönerer oder Lanz von Liebenfels, wo schon Hakenkreuz und Heilrufe zu Hause waren. Wagner spielte für Hitler nur insofern eine Rolle, als er leidenschaftlich für seine Opern schwärmte. Er las auch seine Schriften. Wenn er aber von seinem Antisemitismus infiziert gewesen wäre, hätte er wohl kaum mit so vielen jüdischen Bekannten Umgang gepflogen und nicht für Gustav Mahler Partei genommen, den er als Wagnerdirigenten schätzte und der damals von den Antisemiten als Jude angefeindet wurde.

Als Hitler während der Bayreuther Festspiele 1939 seinen Jugendfreund August Kubizek in Wahnfried empfing und sie auf gemeinsam besuchte Wagneraufführungen in Linz zu sprechen kamen, rief Hitler: „Damals begann es.“ Diese von Scholz nicht erwähnte Episode wird oft so interpretiert, als habe Hitler schon als Pennäler Holocaustpläne geschmiedet. In Wahrheit hat er auf den „Rienzi“ angespielt., der ihn in Linz zu halbnächtelangen visionären Monologen über das zündende Beispiel des Volkstribunen hingerissen hatte.

Daß Wagner von den Nationalsozialisten benutzt und zu ihrem Propheten zurecht-gestutzt werden konnte, lag vor allem - wie Scholz ausführt - an Cosima, Houston Stewart Cham-berlain und ihrem Kreis, die Wagner zum Religionsgründer eines germanischen, antisemi-ischen, völkischen Christen- und Deutschtums stilisierten, indem sie wesentliche Elemente in seinen Schriften ignorierten, verzerrten oder gar ins Gegenteil verkehrten. Ihr Wagnerismus, so Scholz, sei nahtlos übergangen in die Wagnerexegese der Nationalsozialisten.

 

Die Usurpation Wagners durch die Ideologen des Dritten Reiches hatte zwangsläufig zur Folge, daß er nach 1945 nun auch von der anderen Seite mit dem Nationalso-zialismus und seinen Verbrechen identifiziert wurde. Man bestrafte Wager dafür, daß er mißbraucht worden war. Teils wurde das Reizthema mit einem Tabu belegt, verdrängt oder verharmlost. Andere taten Wagner vollends in Acht und Bann. Der Autor registriert aber auch Kommentatoren, die das Thema schon früh ohne Scheu, kritisch und ideologiekritisch nach allen Seiten, unter dem Blickwinkel der jeweiligen historischen Bedingungen beleuchtet haben, bevor ab 1976 ein neuer Schub abfälliger, oft polemischer Literatur über Wagners Antisemitismus erschien.

Dutzendweise führt Scholz Autoren vor - von Adorno über Ludwig Marcuse, Erich Kuby. Bernd Weßling, Heinz-Klaus Metzger und Klaus Umbach bis Paul Lawrence Rose - , die Zelinskys fixe Idee von Wagner als dem Vorläufer des Judenmörderes Hitlers oder von anti-semitischen Tendenzen in Wagners Musikdramen vorwegge-nommen oder nachgebetet haben - Leute, die sich dabei weder durch widersprechende Fakten noch durch des Fehlen jeglicher Belege beirren ließen und lassen, sondern sich mit einem gleichbleibenden Sortiment von Vorurteilen und Hypothesen begnügen: Ein Phänomen, vor dem jeder halbwegs intelligente Mensch kapituliert, wenn er sieht, wie hurtig und blindlings selbst respektable Leute bereit sind, das zu glauben, was sie glauben wollen, weil ideologische Scheuklappen ihnen die Sicht nehmen oder weil es en vogue ist und sich gut verkauft. Scholz ist um seine Contenance zu beneiden, mit der er manche ihrer Absurdidäten kommentiert.

 

Kategorisch sagt der israelische Historiker Jacob Katz, der 1985 eine der - laut Scholz - „am meisten ernstzunehmenden Arbeiten“ zum Antisemitismus-Problem Wagners veröffentlicht hat:. Man müsse die Vergangenheit aus ihren eigenen Gegebenheiten verstehen und sich nicht von Tendenzen der Gegenwart bestimmen lassen. „Die Deutung Wagners aufgrund der Gesinnung und der Taten von Nach-fahren, die sich mit Wagner identifizierten, ist ein unerlaubtes Verfahren.“ Und ebenso lapidar pflichtet Scholz ihm bei: „Wagner heute noch durch die Optik Hitlers wahrzunehmen, ist wissenschaftlich unhaltbar und, wofern gegen bessere Einsicht unternommen, auch immer moralisch infam.“

Denn welche Vorwürfe, die gegen den angeblichen präfaschistischen Antisemiten Wagner erhoben werden, sind wirklich stichhaltig? Greifen wir einen der meistbe-nutzten Angriffs-punkte aus dem Judenpamphlet heraus: Wagner spricht dort von der „Selbstvernichtung“ der Juden. Damit ist aber - liest man genau - keine physische Selbsttötung gemeint, sondern die Abkehr von Denk- und Lebensgewohn-heiten, die einer gemeinsamen Erlösung von Juden und Nichtjuden zu „wahren“ Menschen im Wege stehen, nämlich zu Menschen, die nicht von Geld- und Vergnügungssucht beherrscht werden. Dies muß leider noch immer betont werden, weil manche Publi-zisten alles aus der Auschwitz-Perspektive beurteilen, was Jacob Katz als „Willkür einer rückgewandten Interpretation“ verurteilt. Aus guten Gründen stellt Scholz fest, der Wagnersche Antisemitismus sei zu einem Gutteil vorgefundener Marxscher Antika-pitalismus.

Was hat Wagner eigentlich zur Niederschrift seines Pamphlets veranlaßt? Diese Frage ist von einer fundamentalen kausalen Bedeutung. Scholz beantwortet sie mit einem Hinweis auf Jacob Katz, der tatsächlich den Kern trifft, wenn er mit Nachdruck die Hypothese vom Konkurrenzkampf als entscheidende Ursache des Wagnerschen Antisemitismus verficht. Die Verurteilung Mendelssohns und Meyerbeers sei nicht aus seiner anti-jüdischen Gesinnung herzuleiten sei, sondern umgekehrt, seine antijüdische Gesinnung werde erst aus der Rivalität mit den beiden Juden verständlich wird. Dazu siehe die im Kasten beigefügte Ergänzung:

Bei der Niederschrift seines Pamphlets ging es gar nicht in erster Linie um die Juden-frage. Wie gleichgültig sie Wagner zunächst war, zeigt beispielsweise die Beziehung zu seinem jüdischen Pariser „Herzensfreund“ Samuel Lehrs und sein Sympathisieren mit der bür-gerlichen Emanzipationsbewegung der dreißiger und vierziger Jahre. Anlaß war vielmehr ein persönlicher Ärger über den Pressewirbel, der um den „Propheten“ Meyerbeers gemacht wurde, während Wagner und seine Opern damals kaum noch erwähnt wurden. Im selben Jahr 1850, in dem Wagner seinen Aufsatz veröffentlichte, erschienen in der „Neuen Berliner Musikzeitung“ 120 Artikel und Mel-dungen, die sich allein auf den “Propheten“ bezogen. Mit Ausnahme von drei Nummern gab es keine Ausgabe, in der Meyerbeer nicht erwähnt wurde. Im selben Jahrgang der Zeitung findet man hingegen nur fünf Notizen über Wagner insgesamt, mit ganzen 29 Zeilen. Darunter zwei vier- und fünfzeilige Meldungen über die Uraufführung des „Lohengrin“ einmal als „Lognin“ angekündigt, das andere mal abfällig und ohne Nennung des Komponisten abgetan.

 

In einem Brief an Liszt vom 18.4.1851 rechtfertigte Wagner sein Pamphlet damit, daß er sich über das „verfluchte Geschreibe“ geärgert habe.; „und so platzte ich denn endlich einmal los!“ Auch die Honorare Meyerbeers weckten Wagners Ressentiment. Die Pariser Oper zahlte allein für die Aufführungsrechte des „Propheten“ 19 000 Francs, für Verlagsrechte erhielt er 44 000 Francs. Wagner bekam für die Weimarer Uraufführung des „Lohengrin“ ganze 600 Mark. Ein polemischer Beitrag seines Freundes Theodor Uhlig in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ über den “hebräischen Kunstgeschmack“ erinnerte Wagner an die jüdische Abstammung, die Achillesferse Meyerbeers - und das bewirkte den Kurzschuß: Wagner hatte eine Zielscheibe, an der e r- nicht gerade nobel - seine persönlichen Ressentiments abreagieren konnte. Das war die eigentliche Initialzündung zu seinem verhängnisvollen und folgenreichen Pamphlet und zu seinem Antisemitismus. ...Der Aufsatz richtete sich also nicht gegen alles Jüdische an sich. Aber es nisteten sich - so Scholz - dabei Vorurteile ein, aus denen sich später - geschürt von Cosima - eine Juden-feindschaft entwickelte.

Es ist eigentlich grotesk, daß man sich in einer ernsthaften Arbeit überhaupt noch mit Zelinsky befassen muß. Wer sich noch immer beifällig auf ihn beruft, exhibitioniert damit den Grad sei-ner eigenen Inkompetenz. Scholz muß sich zwangsläufig sogar auf die „gegen den Rest der Welt“ behauptete These Zelinskys einlassen, schon Wagners Musik sei „Weltanschau-ungsträger“. Ähnlich hatte sich allerdings schon Thomas Mann 1940 geäußert, der - entgegen früheren Einsichten - vorgab, das „nazistische Element“ auch in Wagners Musik zu finden. Scholz entschuldigt diese Bemerkung als Versuch des Emigranten, sein Gesicht als Antifaschist zu wahren. Auch allen nach 1945 aufgestellten Nazifizierungsversuchen fehlten Nachweise und objektive Kriterien; es handle sich um bloße „antifaschistische“ Affekte mit der Tendenz, alles, was im „Dritten Reich“ heilig war, als „nazistisch“ abzutun.Geduldig blättert Scholz in den Partituren und Dichtungen vom „Holländer“ über den „Ring“ und die „Meister-singer“ bis zum „Parsifal“. Er prüft alle einschlägig Verdächtigten auf Herz und Nieren - vor allem Mime, Alberich, Beckmesser, Kundry . - und alle Verdächtigungen fallen zusammen wie Spinnhttpen. Er findet im musikdramatischen Werk so wenig Spuren vom Antisemitismus Wagners wie auch Jacob Katz, nämlich keine.

Bezeichnend für Zelinskys Kompetenzquotienten war übrigens eine Fernsehsendung, in der er den von Wagner erwähnten „Vernich-tungsklang“ der Pauke im „Parsifal“ als Indiz für Wagners Holocaust-Aktion anführte. Die Frage Hans Wollschlägers, ob er einmal die von Wagner gemeinte Stelle in der Partitur angesehen habe, mußte Zelinsky jedoch verneinen. Er mußte sich erklären lassen, daß dort die Pauke gar nicht vorkommt, sonder ihr Klang nur mit einem fünfmaligen Pizzicato angedeutet wir , vorgezeichnet mit „p“ und „Dämpfer“ - also eher ein Veratmen als eine Vernichtung - Schopenhauer, nicht SS. Trotzdem wiederholte Zelinsky später in einer ungarischen Zeitschrift seine These, wobei er aus dem von Wagner erwähnten „Vernichtungsklang“ sogar einen „Vernichtungsschlag der Pauke“ machte.

 

Anders als in Wagners Bühnenwerken sind in seinen Schriften zahlreiche antisemi-tische Äu-ßerungen enthalten. Allerdings wäre es laut Scholz ungerecht, sie isoliert und aus heutiger Sicht zu beurteilen, ohne zu berücksichtigen, daß sie Teil einer beginnenden allgemeinen judenfeindlichen Zeitströmung waren. Dies macht er - ohne das „infame“, „gehässige’“ und „unverzeihliche“ Judenpamphlet zu beschönigen - in einem differenzierten historischen Abriß deutlich. So, wenn er etwa Heinrich Treitschke zitiert (“Die Juden sind unser Unglück“) oder Paul de Lagarde, der die Juden mit Trichinen und Bazillen vergleicht, und Eugen Dühring, der die Angst vor einer „Weltverschwörung“ der Juden schürt. Daneben führt der Autor an die zwei Dutzend europäischer Vertreter der Weltliteratur vor, die zumindest zeitweise das antisemitische Feuer anfachten. Gar nicht zu reden von politischen Agitatoren, die eine Austreibung oder Ausrottung der Juden forderten und Hitlers Vernichtungsideologie in ganz anderer Weise vorwegnahmen und schürten, als Wagners Schriften dies vermocht hätten. Seine Äußerungen sind bedenklich genug. Aber sie unterscheiden sich grund-legend vom Rassenan-tisemitismus de Lagardes, Dührings oder Hitlers.

Zudem registriert Scholz bei Wagner einen unverkennbaren „Lernprozeß“. Die scheinbar unversöhnliche Feindschaft mit ihren peinlich-bedenklichen Ausfällen wandelt sich am Ende zu einer einsichtsvollen Zurücknahme seiner Vorurteile und zu Sympathiebekundungen für jüdische Freunde. In den späten Schriften begegnet uns ein Wagner, der sich von der anti-semitischen Bewegung seiner Zeit ebenso distanziert wie von den rassistischen Argumenten Gobineaus, die nach Wagners Worten eine „schlechthin unmoralische Weltordnung rechtfertigten.“ Eine Bemerkung, die den NS-Ideologen ebenso schwer im Magen hätte liegen müssen wie die von Cosima notierte Bemerkung Wagners: „Wenn ich noch einmal über die Juden schriebe, würde ich sagen, es sei nichts gegen die einzuwenden, nur seien sie zu früh zu uns getreten, wir seien nicht fest genug gewesen, um dieses Element in uns aufzunehmen.“ Den „Parsifal“ bezeichnete Wagner selbst in diesem Sinn als sein „versöhnendstes Werk“ - also ausgerechnet jenes Opus, in dem Zelinsky den Kulminationspunkt einer religiös-rassischen Vernichtungsideologie wittert.

 

Bei Cosima konstatiert Scholz - anders als bei Wagner - eine heillose Unbelehrbarkeit. In ihren Ansichten sei sie „gleichbleibend borniert, starr und unbeugsam“ gewesen, „christlich-religiös militant“, kategorisch so einfältig wie diffus“, was er mit Zitaten belegt. Ihr Antisemitismus unterscheide sich erheblich von dem Richard Wagners. Sie habe dem völkisch-antisemitischen Wagnertum des Bayreuther Kreises den Weg bereitet, so daß Winifred Wagner leichtes Spiel gehabt habe, die Freundschaft Hitlers zu gewinnen.

...

Ausdrücklich hebt Scholz Cosimas Verdienste als Autorin der Tagebücher hervor, deren Quellenwert er trotz mancher Vorbehalte hoch einschätzt. Entschieden verteidigt er diese Dokumente gegen Zelinsky, der mit Blick auf Wagner behauptet: „Sie beseitigen den letzten Zweifel daran, daß das Judenproblem das zentrale Problem seines Lebens war.“ Mit der genauen Aufrechnung, daß dieses „zentrale Problem“ ganze anderthalb Prozent der Tagebuchnotizen ausmacht, markiert Scholz noch einmal den Glaubwürdigkeitspegel Zelinskys.

 

Das Buch gibt nicht nur Antworten. Es regt - wie man sieht - auch zu Fragen an. Warum - zum Beispiel - hat sich die Suche nach den Wurzeln von Hitlers Judenhaß derart auf Wagner konzentriert? Und warum werden unter den zahllosen antisemit-ischen Äußerungen, die von Prominenten überliefert sind, ausgerechnet die seinen plakatiert? Diese Frage wird nie ganz geklärt, wenn man Nietzsche außer acht läßt. Der Tote war in der Weimarer Zeit äußerst lebendig und zum Mythos avanciert. Als Mentor und Lautsprecher der Wagnergegner hatte er das Klima der Intellektuellen und der Publizistik angeheizt,. Er hatte die Mär vom angeblichen Halbjuden Wagner suggeriert und damit das Motiv von dessen jüdischem Selbsthaß ins Spiel gebracht - eine Mystifikation, die Scholz ebenso eindeutig widerlegt wie die Pointe einer vermeintlichen jüdischen Versippung von Cosimas Mutter. Vor allem hatte Nietzsche in seinen Schriften mit unwiderstehlicher Penetranz auf den Antisemitismus Wagners eingetrommelt und sich selbst zum Anti-Antisemiten stilisiert, indes sein Freund Overbeck ihm bescheinigt, „daß, wo er ehrlich spricht, seine Urteile über die Juden allen Antisemitismus an Schärfe weit hinter sich lassen.“ Nietzsche hatte lediglich das Glück, keine Cosima zu haben, die jede seiner judenfeindlichen Äußerungen wörtlich für die Nachwelt aufzeichnete. Jedenfalls gewann Wagner als Nietzsches Lieblings-todfeind eine Bedeutung, die auch seinen Antisemitismus ins Überlebensgroße projizierte.

 

Zurück zum Buch: Scholz beweist eine Kompetenz, die man bei einigen Referenten der relevanten Symposien in Bayreuth und Elmau, zu denen er nicht eingeladen war, vermißte. Er hat mit hieb- und stichfesten Argumenten viele Vorurteile, Mißver-ständnisse und Manipulationen ein für allemal zurechtgerückt.. Aber auch er hat schon erfahren müssen, wie starrsinnig manche Autoren auf ihren widerlegten Thesen beharren - getreu dem Leitspruch: „Belästigt mich nicht mit Fakten, meine Meinung steht fest!“

 

 

Gerhard Dietel

(Neue Zeitschrift für Musik, Schott Vlg. - Jan/Febr. 2001, S. 88)

„Richard Wagners Antisemitismus und kein Ende: spätestens seit dem Bayreuther Festspiel-Jubiläumsjahr 1976 wollen die Meinungs-äußerungen, Buchpublikationen und Sym-posien über das Thema nicht abreißen. Damals hatte der Germanist Hartmut Zelinsky mit großem Echo seine provokanten Thesen in die Welt gesetzt, Wagner sei ein entscheidender Vordenker der nationalsozialistischen Ideologie und ihres Juden-vernichtungsprogramms gewesen., eine These, die er in den Folgejahren mit weiteren Publikationen bekräftigte. Manche sind seiner radikalen Lesart gefolgt, etwa der amerikanisch-jüdische Historiker Paul L. Rose oder Joachim Köhler, der sein 1997 erschienenes Buch geradezu in Verkehrung von Chronologie und Kausalität mit Wagners Hitler betitelte. Andere wollten Wagners anti-semitische Äußerungen differenzierter sehen und mochten vor allem den Versuchen nicht folgen, auch Wagners Musik-dramen monokausal als antisemitische Machwerke im Dienste einer geschlossenen Ideologie ihres Autors zu interpretieren.

 

Im allgemeinen Kampfgetümmel wurde eine 1983 erschienene Schrift über Richard Wagners Antisemitismus von Dieter David Scholz nicht hinreichend gewürdigt. Die damals bald vergriffene Publikation, die auf einer Berliner Dissertation von 1982 basierte, liegt nun in einer Neuausgabe vor, die bis auf kleine inhaltliche Aktuali-sierungen und Retuschen an der Glie-derung im wesentlichen unverändert geblieben ist.

Wer nicht bekennender Anhänger Zelinskys ist, findet hier eine analytische Darstellung des Wagnerschen Antisemitismus, der „in seiner vielfachen Bedingtheit“ und seinen „widersprüchlich-brüchigen Manifestationen“ untersucht wird, und zwar sowohl „entstehungsgeschichtlich als auch wirkungsgeschichtlich vor dem Hintergrund des aufkommenden moder-nen deutschen Antisemitismus im 19. Jahr-hundert“. Dies gelingt Scholz auch überzeugend. Er arbeitet das Unsystematische an Wagners Äußerungen heraus, die Entwicklungen und Wandlungen, die Wagners Verhältnis zum Judentum nahm, und zieht eine klare Trennlinie zwischen Wagners Äußerungen (die sich zudem im Alter zunehmend mildern) und dem späteren nationalsozialistischen Rassenantisemitismus.

 

Warum gingen dann Hitler und Bayreuth im Dritten Reich dennoch eine enge Verbindung ein? Scholz vertritt die These einer „Usurpation Wagners durch den Faschismus“. Vorschub dazu leistete freilich Wagners Umgebung, zuvörderst Cosima, deren im Unterschied zu Wagner „bornierten und starren Antisemitismus“ Scholz als den eigentlichen Ausgangspunkt für die spätere Entwicklung sieht. Erst von ihr über Hans von Wolzogen, Houston Stewart Chamberlain und die Schwiegertochter Winifred führt dann der Weg der Wagner-Rezeption zu jener „Feuerkur“ für das Judentum, die Zelinsky und seine Anhänger für Wagners eigenes Projekt halten.“

 

 

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Vorwort zur Neuausgabe 2013

Noch immer ist Richard Wagner ein Stein des Anstosses. Bis heute scheiden sich an ihm die Geister. Vorurteile, Unkenntnis und Missverständnisse bestimmen nahezu jede Wagnerdebatte. Das hat vor allem zu tun mit dem zwar nur 12-jährigen, aber folgen-reichen düsteren Kapitel deutscher Geschichte, das 1933 begann und 1945 endete. Daher kommt, wer sich heute - nach dem Holocaust - mit Wagner beschäftigt, nicht umhin, den nationalsozialistischen Wagnermissbrauch mit zu bedenken, der wesentlich zu tun hat mit Wagners unleugbarem Antisemitismus, der allerdings nach wie vor kaum je sachlich betrachtet wurde. Wobei eine sachlich differenzierte Analyse und historische Einordnung dieses unappetitlichen Phänomens eben nicht bedeutet, es zu verharmlosen oder gar abzustreiten. Bis heute werden ja aus der Post-Hitlerschen Perspektive immer wieder die gleichen Vorurteile und Missverständnisse in Sachen Wagner, seines Antisemitismus und seines Missbrauchs durch die Nationalsozialisten repetiert. Dieter Borchmeyer hat völlig Recht, wenn er beklagt, dass es "kaum eine Kontinuität und einen Fortschritt" in der Wagner-Forschung gibt. Und man kann ihm nur beipflichten: "Selbst ernsthafte Wissenschaftler verlieren bei Wagner mehr als einmal ihren Verstand und beginnen zu schwadronieren".

Schon zur Hundertjahrfeier der Bayreuther Festspiele – 1976 - hat der damalige deutsche Bundespräsident, Walter Scheel, in seiner bemerkenswerten Rede auf ein weitverbreitetes Miss-verständnis hingewiesen: „Ich glaube nicht an die direkte Linie Wagner-Hitler. Man hat noch mehr solche 'historischen' Linien gezogen. Sie beruhen alle auf Geschichtsbilderen, die allzu simpel sind.“ Walter Scheel fügte hinzu: "Sicher, Wagner war ein Antisemit. Aber es ist einfach falsch, zu behaupten, Hitler habe seinen Antisemitismus von Wagner übernommen. Beide, Hitler und Wagner, sind Teil einer unheilvollen antisemitischen Unterströmung des europäischen Geistes. Aber Hitler wäre sicher auch ohne Wagner Antisemit geworden."

Friedrich Nietzsche hat als Erster bemerkt, dass Wagner „unter Deutschen bloß ein Missverständnis ist“. Dieses Missverständnis begann schon im Bayreuth Cosima Wagners. Sie hat Wagner nach seinem Tod idealisiert, beweihräuchert, ideologisch verfälscht und ihn damit dem nationalsozialistischen Wagnermissbrauch ausgeliefert, aus dem ihre Schwiegertochter Winifred Kapital schlug. Dieser nationalsozialistische Wagnerismus hat bis heute jede sachliche Wagnerrezeption in Deutschland verhindert. Übrigens schon 1886, drei Jahre nach Wagners Tod, stellte ein Besucher der Bayreuther Festspiele, Maurice Barrès, fest: „Gerade in Bayreuth ist man, sagen wir es deutlich, am weitesten von Wagner entfernt“.

Richard Wagner hat ähnlich wie Heinrich Heine, wie Giacomo Meyerbeer oder Jacques Offenbach (als Exilant, aber auch nach seiner Amnestierung) einen Großteil seines Lebens im europäischen "Ausland" verbracht. Fern der "Heimat" - ein Begriff, der Wagner mit fortschreitendem Alter immer suspekter wurde - hat die meisten seiner utopischen, pseudo- oder quasimythischen, rebellischen, politischen, gesellschaftskritischen Werke (auch der frühen, der vollendeten wie der nach wie vor unterschätzen unvollendeten ) konzipiert und ausgearbeitet. Schon als junger Mann hatte Wagner davon geträumt, als Künstler "europäisch-universell" zu sein. Wie ein roter Faden zieht sich durch Wagners Vita denn auch der Traum von europaweiter Mobilität. Der 22-jährige Student Wagner bekannte seinem Leipziger Studienfreund Theodor Apel: „Hinweg aus Deutschland gehöre ich!“ Nicht zufällig wird Wagner außerhalb Deutschlands, im europäischen „Ausland“, um diesen (in Zeiten der Globalisierung, des Internet und nahezu grenzenloser Mobilität, in denen wir doch alle gleichermaßen Ausländer wie Einheimische zugleich sind) völlig unzeitgemäßen Begriff zu verwenden, wesentlich unverkrampfter und sachlicher als hierzulande betrachtet und bewertet. Der Wagner-Biograph Martin Gregor-Dellin hat bereits beim Internationalen Wagner-Kolloqium 1983 in Leipzig betont: „Das gestörte Verhältnis der Deutschen zu Richard Wagner ist das gestörte Verhältnis zu ihrer Geschichte“. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Da nahezu alle Publikationen zum Thema des Wagnerschen Antisemitismus inzwischen vergriffen sind, möchte ich mit der um einige Aktualisierungen erweiterten und auf den neusten Stand der Literatur gebrachten Wiederveröffentlichung meiner weit ausholenden und sich um Sachlichkeit bemühenden Untersuchung diese Lücke wieder schließen.

Dieter David Scholz, Berlin Mai 2012

Einleitung

"R. drückte sein Erstaunen gestern darüber aus, daß, trotzdem er so bemüht sei, die Leute immer mehr die Sachen über ihn läsen als seine eigenen; selbst von der Judenbroschüre gelte dies."

(Cosima Wagner, Tagebuchnotiz vom 29. 3. 1878)

"Wenn es heute gelingt, dem Menschen Richard Wagner und seinem Werk mit Unbefangenheit gegenüberzutreten, so wird damit nicht Entsühnung oder gar Erlösung praktiziert, was undenkbar wäre, sondern historische Gerechtigkeit geübt."

(Hans Mayer)

Richard Wagner ist noch immer ein Politikum. Obwohl die Auseinandersetzung mit ihm und seinem Werk schon mehr als hundert Jahre andauert, ist sie in Vielem so emotional und kontrovers wie eh und je. Nur über wenige Gestalten der Weltgeschichte ist so viel geschrieben worden wie über Richard Wagner. Er gehört neben Friedrich Nietzsche mit "Karl Marx, Sigmund Freud und Martin Heidegger zu denjenigen Autoren des deutschsprachigen Raumes, die die europäische Geistesgeschichte bis heute am nachhaltigsten beeinflußt haben"[1] (Ulrich Müller). Was Wunder: Richard Wagner war ohne Frage der schreib-, mitteilungs- und selbst-erklärungs-freudigste, essayistisch wie kunsttheoretisch produktivste, schließlich der dezidiert politischste Komponist des neunzehnten Jahrhunderts.

Sein Œuvre ist unter allen nur erdenklichen Aspekten analysiert worden: Musikwissenschaftler, Historiker, Germanisten, Philoso-phiehistoriker, Altphilologen und Komparatisten haben sich mit der wissenschaftlichen Erhellung des künstlerischen und theoretischen Werks, seiner Entstehung, seiner literarhistorischen, musikhistorischen und soziologischen Bedingtheit, mit der Biographie Wagners und - bisher nur in recht einseitigen Ansätzen - mit der Wirkung Wagners befaßt.

Unmengen nichtwissenschaftlicher, meist biographischer, aber auch journalistischer Pu-likationen haben dazu beigetragen, daß die Wagner-Literatur ins Gigantische anwuchs. Trotzdem kann man Lore Lucas nur beipflichten, wenn sie schreibt: "Widersprüchlich, grenzenlos subjektiv und unkritisch spiegelt sich das Phänomen Richard Wagner ... im Urteil seiner Zeitgenosen und der folgenden Generation. Es fehlt in wissenschaftlicher Hinsicht ein objektiver Standpunkt zum Werk und Ideengut Richard Wagners - den auch unsere Zeit noch nicht gefunden hat."[2] Wie kein anderer Künstler des neunzehnten Jahrhunderts hat Richard Wagner unter seinen Verteidigern und Verächtern kontroverse und emotionsgeladene Debatten hervorgerufen - im Grunde bis heute. Wissenschaft und öffentliche Meinung sind noch immer von divergierenden Urteilen über Wagners Stellung in der deutschen Kulturgeschichte, speziell aber in der Geschichte der Entstehung des modernen deutschen Antisemitismus geprägt. Gegenstand der kontroversen Auseinan-dersetzungen in der Forschung, die zuweilen wissenschaftliche Disziplin und das Bemühen um historische Objektivität vermissen lassen, sind primär nicht Musik und Drama Richard Wagners, sondern Intention, Weltanschauung und politische Haltung Richard Wagners. Dies betrifft vor allem Wagners unbestreitbaren Antisemitismus[3], dem die Forschung allerdings bis heute nicht die nötige Aufmerksamkeit und Gründlichkeit umfassender Untersuchungen gewidmet hat. Entweder wurde das Thema - vor allem nach 1945 - aus Pietät Wagner gegenüber bagatellisiert, wenn nicht gar als Tabu behandelt, oder aber es wurde derart polemisch hochgespielt, daß Wagner zum Ahnherrn Hitlers und seines Antisemitismus erklärt werden konnte.

Erst in den letzten fünfundzwanzig Jahren ist der Antisemitismus als Thema wissenschaftlicher Erörterungen - vornehmlich essay-istischer Arbeiten - in den Vordergrund der Wagner-Diskussion getreten. Die hundertsten Bayreuther Festspiele 1976 und das Bühnenweih-festspiel "Parsifal", 1982, hundert Jahre nach seiner Uraufführung, waren Anlaß erneuter, heftiger Wagner-Debatten und zahlreicher Veröffentlichungen, vor allem zum Antisemitismus Richard Wagners.

Der Münchner Germanist Hartmut Zelinsky im besonderen ist durch Publikationen hervorgetreten, die Wagners Vorläuferschaft zu Adolf Hitler beweisen sollten, was die Antisemitismus-Debatte zunächst mächtig auflodern ließ. Im Gefolge seiner Bemühungen, diesen Standpunkt durch mehrfache Veröffentlichungen zu erhärten, setzte entschiedener Widerspruch ein, der schon aufgrund berechtigter methodischer Kritik zu essentiellen Relativierungen, wenn nicht Zurücknahmen der Thesen Zelinskys hätte führen sollen. Stattdessen schien das hartnäckige Auftreten Zelinskys nurmehr Rückendeckung zu bieten für weitere Veröffentlichungen, die vornehmlich darauf hin zielten, Wagner "in jener ideologiekritischen Beleuchtung von links" sichtbar werden zu lasen, der es "um den Aufweis einer verhängnisvollen Kontinuität von Luther über Friedrich den Zweiten, Hegel, Bismark und Wagner bis Adolf Hitler geht"[4] (Jürgen Söring). Der jüngste und gegenwärtig wohl radikalste Exponent solcher historisch vereinfachender, negativer Wagnerexegese ist Paul Lawrence Rose[5], der in geradezu staunenerregender historischer Unbekümmertheit und Ignoranz neuerer Veröffentlichungen und Forschungserkenntnisse Wagners Revolutions-verständnis per se antisemitisch nennt und dessen pauschale Wagnerverdammung in der Behauptung gipfelt „Wagners Antisemitismus ist nichts Nebensächliches... Durch praktisch alle Opern Wagners zieht sich wie ein roter Faden der Haß auf das Jüdische“[6] Der Politikwissenschaftler Udo Bermbach hat in seiner Rezension des (im englischen Original bereits 1992 in London erschienenen) Buches in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 10.1.2000 das Nötige hierzu gesagt: „Die sachlich verdienstvolle, wenngleich nicht neue Erinnerung an die anti-jüdischen Beimischungen im deutschen demokratischen Denken – Beimischungen, die es natürlich auch in anderen europäischen Ländern gab, teilweise, wie etwa bei der französischen Linken, sogar mit sehr viel massiveren Invektiven – führt sich in ihrem obsessiven Bezug auf Wagner am Ende selbst ad absurdum. Denn selbst bei diesem, der gewiß kein genuiner politischer Denker war, ist das Revolutionsverständnis um vieles komplexer, als Rose es darstellt. Wagners antikapitalistische und antimoderne Vorbehalte, die Forderung seiner ‚negativen Ästhetik‘ nach radikaler Gesellschafts- und Bewußtseins-veränderung auch für die Deutschen lassen sich nicht auf Antisemitismus reduzieren.“

Nach wie vor herrschen zum Wagnerschen Antisemitismus divergierende Meinungen: auch hier stehen sich Wagnerianer und Anti-Wagnerianer gegenüber, einander entweder Ver-harmlosung oder aber Dramatisierung des Themas vorwerfend. Obwohl es doch sollte, scheint es in Sachen Wagner und seines Antisemitismus nicht selbstverständlich zu sein, was der Historiker Peter Gay in seiner bemerkenswerten Studie über Deutsche und Juden anmerkt: "zu historischem Verständnis aufzurufen und Einsicht walten zu lassen, bedeutet nicht zugleich, abzustreiten und zu verniedlichen, was geschah."[7]

Das spezifisch Parteiische und Emotionale der Wagner-Debatte hängt wohl mit immer noch existierenden Schwierigkeiten der Aufar-beitung und Bewältigung des vergangenen Kapitels deutscher Geschichte zusammen. Immerhin wurde Wagner im Dritten Reich zu einem der Ahnherren der herrschenden antisemitischen Ideologie erklärt.

Bei aller Betroffenheit darüber, daß Millionen von Menschen unter der Herrschaft der Nationalsozialisten einem verbrecherischen Antisemitismus zum Opfer fielen, einem Anti-semitismus, der sich durch die Berufung auch auf Richard Wagner legitimierte: von Wagners Antisemitismus eine direkte Linie zum Antisemitismus der Nationalsozialisten ziehen zu wollen ist, will man historische Gerechtigkeit walten lassen, ebenso unzulässig, wie es wäre, wollte man etwa Nietzsches Philosophie zur Grundlage nationalso-zialistischer Rassenlehren erklären, Goethes Faust zum Urbild nationalsozialistischen Sendungsbewußtseins und Expansionsdranges abstempeln, Liszts sinfonische Dichtung "Les Préludes" als nazistische Sieges-Musik, Bruckner als "Sinnbild der geistigen und seelischen Schicksalsgemeinschaft des gesamten deutschen Volkes", Beethovens 5. Symphonie als musikalische Darstellung des "Lebenswegs des Führers" (wie der nationalsozialistische Musikwissenschaftler Arnold Schering ausführte), die Opern Mozarts als "völkisch", die Werke von Bach, Buxtehude und Schütz als "nordisch"[8] auffassen, nur weil Nationalsozialisten Nietzsche, Goethe und Liszt, Bruckner, Beethoven, Mozart, Bach, Buxtehude und Schütz ihrer Kulturideologie und ihrem Kult gewaltsam einverleibten.

So unabsehbar folgenreich die Wirkung Wagners im 20. Jahrhundert sein sollte: den Antisemitismus Wagners vom Betroffensein der Nachwelt aus zu betrachten und zu beurteilen hieße, die Kausalität der Geschichte, wenn es denn eine gibt, auf den Kopf stellen, es hieße aber auch, das Spezifische des Wagnerschen Antisemitismus zu ignorieren, seine Brüchigkeit, Widersprüchlichkeit und seine politische Intention, die frühsozialistischem Gedankengut verpflichtet ist und letztlich auf Assimilation abzielt und im krassen Gegensatz zum auf-kommenden Rassenantisemitismus steht.

Auch für die Untersuchung des Wagnerschen Antisemitismus hat die Einsicht Theodor W. Adornos Gültigkeit, daß jegliche Dimension Wagners Ambivalenzen zum Wesen habe: "Ihn erkennen heißt, die Ambivalenzen bestimmen und entziffern, nicht, dort Eindeutigkeit herstellen, wo die Sache zunächst sie verweigert."[9]

Insofern darf Joachim Köhlers Buch „Wagners Hitler“[10] geradezu als exemplarischer Fall von wirkungsgeschichtlicher Simplifizierung und Geschichtsverdrehung gelten, weil es den historischen Zusammenhang auf den Kopf stellt. Der Titel "Hitlers Wagner" wäre der geschichtlichen Chronologie der Beziehung zwischen Wagner und Hitler weit angemessener. Immerhin handelt es sich um einen Prozeß der Usurpierung: ein Vorgeborener wird in die Ideologie eines größenwahnsinnigen Nachgeborenen einverleibt. Was nur funktionierte, indem Hitler und die Seinen wesentliche Aspekte Wagners ausblendeten, ja ignorierten. Aber auch Gottfried Wagners autobiographische Aufzeichnungen[11] – die nicht frei sind von persönlicher Ranküne eines Zukurzgekommenen - schlagen in diese Kerbe und disqualifizieren sich schon durch historische Ungenauigkeit und allzu private, schamlose familiengeschicht-liche Polemik.

Es gilt in jedem Falle, sich vor falschen historischen Rückschlüssen zu hüten, wie der britische Historiker Peter Gay ausführt: "Für den Historiker des modernen Deutschland ist die Suche nach schädlichen, unheilvollen oder gar tödlichen Ursachen problematischer und riskanter geworden, als es sonst unvermeidlich ist - sie wird ihm zu einer Zwangsvorstellung, so daß er die ganze Vergangenheit nur noch als ein Vorspiel zu Hitler sieht und jeden angeblich deutschen Charakterzug als einen Baustein zu jenem schrecklichen Gebäude, dem Dritten Reich"[12]

Der methodischen Prämisse des israelischen Historikers Jakob Katz fühle ich mich ver-pflichtet: "Der Historiker, der seiner wissenschaftlichen Überzeugung gehorchend die Vergangenheit aus ihren Gegebenheiten verstehen, darstellen und beurteilen möchte, muß sich vor der Gefahr hüten, sich von Tendenzen der Gegenwart bestimmen zu lassen."[13]

Es soll also im Folgenden der Antisemitismus Richard Wagners in seiner vielfachen Bedingtheit, seinen widersprüchlich-brüchigen Manifestationen untersucht werden und zwar entstehungsgeschichtlich als auch wirkungsgeschichtlich vor dem Hintergrund des aufkommenden modernen deutschen Antisemitismus im 19. Jahrhundert, aber auch vor dem des revolutionären sozialistischen antisemitischen Gedankengutes, das Wagners Denken prägte. Dabei bin ich mir der Tatsache bewußt, daß noch immer jede Ausein-andersetzung mit dem deutschen Antisemitismus, auch des 19. Jahrhunderts, aber auch jede Auseinandersetzung mit Richard Wagner, eine heikle Angelegenheit ist angesichts dessen, was der Historiker Peter Gay zurecht das "deutsche Trauma"[14] nennt. Und wer in der extrem polarisierten Diskussion um Wagners Antisemitismus differenziert, wird leicht zum Wagner-Apologeten abgestempelt oder aber zumindest von der einen wie der anderen Seite als unbequem empfunden und ausgegrenzt, weil er das vorherrschende ideologische Argumentationsschema stört.[15]

Um die Genese und um die Modifikationen des keineswegs systematischen Antisemitismus Richard Wagners, seine Bedeutung für das dramatisch-musikalische Werk und seine Bedeutung für die Geschichte des modernen deutschen Antisemitismus zu ermitteln, genügt es nicht, sich dem Phänomen von musikwissenschaftlicher, historischer oder bloß biographischer Warte aus zuzuwenden. Des Philologen Recht auf Wagner, das nicht zuletzt Peter Wapnewski[16] deutlich machte: hier wird es zur Pflicht, denn es ist schon philologische Disziplin notwendig, einmal das gesamte Werk Wagners daraufhin zu untersuchen, inwieweit sich in ihm antisemitisches Gedankengut manifestiert. Vor allem sind die Texte des theore-tischen (programmatischen, essayistischen, journalistischen) Werks, aber eben auch die Dramentexte - und wo möglich auch die Musik - eingehender entstehungs-, und ideen-geschichtlicher Analysen zu unterziehen. Die Frage, ob in den Musikdramen antisemitische Intentionen enthalten sind, eine meist mit Nachlässigkeit behandelte Frage, ist insofern von Bedeutung, als Richard Wagner in erster Linie dichtender Komponist (komponierender Dichter) war, dessen Wirkung vor allem von seinem Theater, seiner Musik und seiner Dramaturgie ausging. Natürlich wird auch die Biographie Wagners zu berücksichtigen sein, werden seine autobiographischen Schriften, seine Korrespondenz und andere private Dokumente seines Denkens heranzuziehen sein.

Von ganz zentraler Bedeutung für die Ermittlung der weltanschaulichen, politischen und künstlerischen Intentionen Wagners, aber auch für die Ermittlung der bisher meist unter-schätzten Rolle seiner Frau im Prozeß des entstehenden, so folgenreichen "Wagnerismus" sind die Tagebücher der Cosima Wagner. Sie sind bis heute nicht umfassend unter dem Aspekt des Wagnerschen Antisemitismus ausgewertet worden. Genau dies macht sich vorliegende Arbeit zum Ziel: die Analyse und Auswertung der Cosima-Tagebücher als einer der wichtigsten Quellen der Wagnerforschung. Die Enthüllungen der Tagebücher Cosimas machen in mancherlei Hinsicht Revisionen bisher als gültig erachteter Erkenntnisse und Urteile notwendig. Sie sind nicht zuletzt Schlüssel auch zum Verständnis der Wirkung, d.h. der bewußten ideologischen Auslegung und Beanspruchung des Wagnerschen Werks nach seinem Tod durch Cosima und den "Bayreuther Kreis". Es wird schließlich zu zeigen sein, daß die Weichen für eine Inanspruchnahme des Wagnerschen Werks durch die National-sozialisten gestellt wurden durch Cosimas bornierten und starren Antisemitismus, der sich erheblich unterscheidet von dem Richard Wagners.

Nach der "Pionierarbeit" Cosimas, ihrer Mythen- und Legendenbildung, der ideologischen Zementierung eines antisemitisch-völkischen Wagnertums und der Weihung Bayreuths zum Gralstempel einer in ihrem Sinne verstandenen Wagner-Gemeinde durch Cosimas Bayreuther Kreis hatte ihre Schwiegertochter Winifred leichtes Spiel, die Freundschaft Adolf Hitlers und seine Begeisterung für das Werk Wagners zu gewinnen, woraus dann jener deutschtümelnde, falsche aber folgenreiche Wagnerkult der Nationalsozialisten hervorging, der die Grundlage aller nach 1945 kursierenden Vorurteile und Mißverständnisse in Sachen Wagner bildet.

[1] Ulrich Müller (Hrsg.): Richard Wagner 1883-1983, Die Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert, Gesammelte Beiträge des Salzburger Symposiums, Stuttgart 1984, S. III (Vorwort).

[2] Lore Lucas: Die Festspiel-Idee Richard Wagners, Regensburg 1973, Umschlag.

[3] "Antisemitismus" nicht im Sinne von Wilhelm Marr, der den Ausdruck 1879 als Unterscheidung des politisch neuen vom traditionell-religiösen Judenhaß erstmals verwendete, sondern als mittlerweile allgemein gebräuchliche Bezeichung für alle Formen der Judenfeindschaft.

[4] Jürgen Söring: Wagner und Brecht, Zur Bestimmung des Musik-Theaters, In: Wagner-Symp., S. 452.

[5] Paul Lawrence Rose: Richard Wagner und der Antisemitismus. Zürich und München 1999.

[6] Ebd. S. 259

[7] Peter Gay: Freud, Juden und andere Deutsche, Herren und Opfer in der modernen Kultur, Hamburg 1986, S. 13.

[8] Albrecht Dümling und Peter Girth (Hrsg.): Entartete Musik. Eine kommentierte Rekonstruktion zur Düsseldorfer Ausstellung von 1938, Düsseldorf 1988, S. XXVIII.

[9] Theodor W. Adorno: Nachschrift zur Wagner-Diskussion, in: DIE ZEIT Nr. 41 v. 9. Okt. 1964, S. 22-23, zitiert nach: Dietrich Mack: Richard Wagner, Das Betroffensein der Nachwelt, Beiträge zur Wirkungsgeschichte, Königstein/ Taunus 1985, S. 11.

[10] Joachim Köhler: Wagners Hitler. Der Prophet und sein Vollstrecker. München 1997.

[11] Gottfried Wagner: Wer nicht mit dem Wolf heult. Autobiographische Aufzeichnungen eines Wagner-Urenkels. Köln, 1997.

[12] Peter Gay: Freud, Juden und andere Deutsche, op. cit., S. 27.

[13] Jakob Katz: Richard Wagner, Vorbote des Antisemitismus, Königstein/Taunus 1985, S. 11.

[14] Peter Gay: Freud, Juden und andere Deutsche, op. cit., S. 23.

[15] Nur so ist wohl zu erklären, daß ich weder zu den Symposien zum Thema des Wagnerschen Antisemitismus in Bayreuth noch auf Schloß Elmau eingeladen wurde.

[16] Peter Wapnewski: Der traurige Gott, Richard Wagner in seinen Helden, München 1978, S. 20.

 

Erstausgabe

(Dissertation )

1993

Erweiterte

Neuauflage

2000