Bald/Skriebeleit: Das Außenlager Bayreuth

Dieter David Scholz

 

 

Die andere Seite Wieland Wagners

 

Albrecht Bald/Jörg Skriebeleit:

Das Außenlager Bayreuth des KZ Flossenbürg

 

Wieland Wagner und Bodo Lafferenz im „Institut für physikalische Forschung“

Vorwort von Brigitte Hamann.Verlag C.u.C. Rabenstein, Bayreuth. 172 S., € 14,80, 2003

 

Unter den vielen Neuerscheinungen dieses Jahres zum Thema „Richard Wagner & Co“ ist ein schmaler Band besonders hervorzuheben, der sich mit einem bis heute tabuisierten Aspekt der Vorgeschichte „Neubayreuths“ befaßt. Die Historikerin Brigitte Hamann hat das Tabu bereits in ihrem Buch über Winifred Wagner im vergangenen Jahr als erste gebrochen und den Stein ins Rollen gebracht. Mit ihrer Studie über „Das Außenlager Bayreuth des KZ Flossenbürg“ haben Albrecht Bald und Jörg Skriebeleit mehr Licht in die Grauzone der Biographik des Wagner-Enkels Wieland gebracht, dessen vielgepriesene sogenannte „Entrümpelung“ im Nachkriegs-Bayreuth makabre Wurzeln im Dritten Reich hatte.

 

Mit einer Neuinszenierung des „Parsifal“ wurden 1951 nach sechsjähriger Unterbrechung die Bayreuther Festspiele wiedereröffnet. Bei denkbar bescheidensten finanziellen Voraus-setzungen und gegen manchen Widerstand vieler Kulturschaffenden, die die nationalso­zialisti­sche Wagnerei und den Schulterschluß Winifred Wagners mit Adolf Hitler noch in lebhafter Erinnerung hatten. Doch man demonstrierte einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit und wagte ästhetische und inhaltliche Neubesinnung auf dem Grünen Hügel.

Wolf­gang und Wieland Wagner, die beiden Wagnerenkel, die ihr Familienunternehmen gerettet und wiedereröffnet hatten, schrieben das Wort „Entrümpelung“ auf die Fahnen von „Neubayreuth“ und gingen auf Distanz zur Mutter Winifred, einer bekennenden National-sozialistin. Vor allem Wieland Wagner, zweifellos der begnadetere Regisseur der beiden inszenierenden Brüder, kreierte mit seinen Weltenscheibe, auch „Wielandsche Kochplatte“ genannt, seiner Lichtregie, seiner szenischen Abstraktion und Verbannung aller Dekoration und seiner ganz und gar un­na­tio­nalistischen, archaisch-mythischen Lesart Wagners und seiner Musikdramen einen geradezu weg­weisenden „Neubayreuther Stil“, der Theater-geschichte schrieb. Das Nachkriegs-Bayreuth mit den küh­nen, strengen Inszenierungen Wielands und dem bis heute nicht wieder erreichten vorbildlichen Sänger­ensemble wurde zum vielgepriesenen Modell neuen, modernen, unvorbelasteten Wagnertheaters.

 

Daß dieses Theater, daß vor allem Wieland Wagner so unvorbelastet nicht waren, hat spätestens im vergangenen Jahr die Wiener Historikerin Brigitte Hamann in ihrem aufsehenerregenden Buch über Winifred Wagner, die Mutter Wieland und Wolfgangs, nachgewiesen. Sie hat als Erste mutig und kompetent auf die Verstrickung des von Hitler protegierten, zum künftigen Bayreuth-Leiter auserkorenen Sohnes Wieland hingewiesen und die gängige Meinung Lügen gestraft, er hätte eine „reine Weste“ gehabt. Nach Brigitte Hamanns Buch konnte die vorherrschende Ver­herrlichung des als verschlossen geltenden Wieland nach der Maxime Daphne Wagners, „Die Omi war Nazi, der Vater nie“, nicht länger aufrechterhalten werden. Es war nach der Lektüre ihres Buches klar, daß die Geschichte Neubayreuths neu geschrieben werden müsse. Wieland Wagner war - so Brigitte Hamann - auch wenn er nach 1945 davon nichts mehr wissen wollte - bis zum letzten Augenblick des Dritten Reiches ein Nazi.

 

"Na ja, der Obernazi von Bayreuth in den 40er Jahren. Später wollte er davon nichts mehr wissen. ... Und es gab viele, die auch in Bayreuth davon nach dem Krieg nichts mehr wissen wollten. ... Wie­land hat sich der Entnazifizierung entzogen ... Deswegen hat er sich an den Bodensee abgesetzt ... er hat seine Tätigkeit im KZ-Außenlager verheimlicht. ... Was muß er für Spannungen in sich ge­habt haben. Er ist ja auch früh ge­storben. ... Es wird sich unser Bild von den bekann­ten Nazis und Antinazis gewaltig ver­ändern." (Brigitte Hamann)

 

Albrecht Bald, engagierter Bayreuther Gymnasiallehrer und Jörg Skriebeleit, wissenschafticher Leiter des KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, beide vielfältig forschend tätig , haben nun die Konsequenzen aus dem Anstoß Brigitte Hamanns gezogen und ein bisher nicht nur vernachlässigtes, sondern geradezu ignoriertes Thema der Neu­bayreuther Geschichtsschreibung aufgearbeitet: Wieland Wagners Tätigkeit nämlich im Bay­reuther Außenlager des KZs Flossenbürg.

 

Nicht, daß Wieland irgend eine wichtige, verantwortungsvolle Tätigkeit innerhalb des Machtapparates der Nazis innegehabt hätte. Aber er hat doch, selbstverständlich Parteimitglied, ohne den geringsten moralischen Zweifel eine bedenkliche Einrichtung der Nazis dankbar benutzt, um - ob-wohl er als vorherbestimmter Bayreuth-Erbe von Hitler persönlich vom Wehrmachtsdienst freigestellt war - nicht im letzten Moment noch zum Militär eingezogen zu werden und ungefährdet im Krieg zu überwintern. Er war, worauf schon Bri­gitte Hamann hingewiesen hatte, von September 1944 bis April 1945 stellvertre­tender ziviler Leiter eines Bayreuther Außenlagers des fränkischen KZs Flossenbürg, in dem Tausende von Inhaftierten ums Leben kamen.

 

Gemessen am Grauen dieses KZs war das Bayreuther Außenlager zwar ein angenehmes Hotel, in dem niemand zu Tode kam, wie überlebende Inhaftierte in der Dokumentation von Bald und Skriebeleit berichten, aber es war doch immerhin eine Institution, in der physikalische Experimente zur Entwicklung der Wun­­derwaffe V2 durchgeführt wurden, Experimente, an denen 85 Häftlinge mitwirken mußten.

 

Wieland Wagners Schwager Bodo Lafferentz, seit 1943 mit Wielands Schwester Verena verheiratet, hatte sich als SS-Multifunktionär für ein Institut zur Entwicklung einer Wunder­waffe stark gemacht. Er sorgte dafür, daß Wieland als Verbindungsmann in Bayreuth fungierte und so weder zur Wehrmacht, noch zum Volkssturm eingezogen wurde. Im Lager selbst - auf dem Gelände einer Baumwollspinnerei - konnte Wieland Experimente an Bühnenbildern und Leuchtsystemen anstellen - und dabei auf die Hilfe von Häftlingen zählen. Wieland soll sich mehrfach für die Überstellung von Häftlingen in zivile Tätigkeitsfelder eingesetzt haben. Er fungierte als Mittelsmann zu Laffe-rentz. Bevor das Lager im April 1945 aufgelöst wurde und die Häftlinge einen Todesmarsch ins KZ Flossenbürg antraten - erschütternde Berichte Überlebender sind in der Dokumentation nachzulesen - setzten sich Lafferentz und Wieland mitsamt kostbarer Wagner-Handschriften nach Nußdorf am Bodensee ab - in die französische Zone, wo man einer Entnazifizierung zunächst entging.

 

Nach einem gescheiterten Fluchtversuch über den Bodensee kam es 1948 zum Spruchkammerverfahren. Wieland wurde aufgrund seiner Mitgliedschaft in der NSDAP, in der Reichs­kammer der Bildenden Künste und in der Reichstheaterkammer per Sühnebescheid als „Mitläufer“ eingestuft. Er zahlte ein Sühnegeld von 100 Mark plus Prozesskosten. Seine Beschäftigung im Bayreuther Außenlager aber hatte er unterschlagen.

 

Es ist das Verdienst der Autoren Bald und Skriebeleit, diesen weithin unbekannten oder aber verschwiegenen Sachverhalt in aller gebotenen Klarheit und Nüchternheit aufgearbeitet und sorgfältig dokumentiert zu haben. Die Historikerin Brigitte Hamann hat bereits in ihrem Buch über die Mutter Wieland Wagners von den Forschungen der beiden Autoren profitiert und den Weg zu dieser Dokumentation geebnet. In einem Vorwort des 172 Seiten dünnen Bändchens würdigt sie Albrecht Bald und Jörg Skriebeleit. Zu recht!

 

Nach der Lektüre dieser Arbeit muß sich die Wagner-Welt fortan der Tatsache stellen, daß ausgerechnet jener ästhetische Grundstein, auf dem „Neubayreuth“ und die von aller „braunen“ Deutschtümelei sich distanzierende Wagner-Renais­sance der Nachkriegs­zeit aufbaute, womöglich in einem KZ-Außenlager gelegt wurde.

 

 

Rezension für SWR – November 2003: