Porporas Il Germanico in Innsbruck

© Photos: Innsbrucker Festwochen der Alten Musik / Rupert Larl

 

 

Wiederentdeckung eines Opernjuwels

 

Die Innsbrucker Festwochen graben Nicola Porporas Oper „Il Germanico“ aus

 

 

Mit einer Rarität warteten die 39. Innsbrucker Festwochen der alten Musik auf. Erstmals seit der Uraufführung 1732 brachten sie die Oper “Il Germanico“ des neapolitanischen Komponisten Nicola Porpora auf die Bühne.

 

Nicola Porpora war die maßgebliche Instanz des Kastratengesangs im 18. Jahrhundert. Er war nicht nur gefeierter Opernkomponist in Neapel, sondern auch in Venedig. In London war er zeitweise der gefeierte Konkurrent von Händel, auch am sächsischen Hof in Dresden feierte er Triumphe, und in Wien war er der Lehrer Haydns. Ohne die grundlegende Ausbildung bei Porpora wäre Haydn sicher kein so guter Opernkomponist geworden. Last but not least: Porpora hat die großen Kastraten ausgebildet, sein berühmtester Schüler war Farinellli. Porporas Arien haben es in sich!

 

Daß Porpora durchs Rost der Operngeschichte fiel ist verwunderlich und hat mit vielen Faktoren zu tu. Auch Johann Sebastian Bach war ja vergessen, bis Felix Mendelssohn ihn wiederentdeckte.

 

In der Oper „Il Germanico“ geht es um die Folgen der Varusschlacht im Jahre 9 nach Christus, in der bekanntlich die Römer vernichtend geschlagen wurden. Fünf Jahre später setzt die Oper ein. Rom sinnt unter Leitung seines Befehlshabers Germanico auf Rache. Erzählt wird eine Geschichte von kalten Politikern und emotionsgeladenen Idealisten, von Imperialismus und nationaler Identität. Zugleich ist die Oper aber auch ein Kammerspiel über einen Tochter-Vater-Konflikt und eine Liebesbeziehung, also eine typisch barocke Mischung. Es gibt ein „lieto fine“, ein gutes Ende, denn der germanische Befehlshaber Arminio bietet dem römischen seine Freundschaft an. Mit der historischen Realität hat das nichts zu tun. Es ist optimistische Geschichtsklitterung aus dem Geist des Klerus, dem der Librettist Niccolò Coluzzo angehörte. Gewidmet war die Oper dem musik- und opernliebenden römischen Kardinal Ottoboni.

 

Alexander Schulin hat gottlob auf alle Aktualisierungen, die sich beim Thema Kolonialismus anbieten, verzichtet und entlarvt stattdessen Porporas „Germanico“ als barockes Lehrtheater, indem er das Stück vor einem barocken, quasi antiken „römischen“ hölzernen Portal spielen läßt, das Alfred Peter auf die Drehbühne stellte. Es erinnert an das Teatro Farnese in Parma. Vorder- und Rückseite der Theaterkulissen werden bespielt. Man trägt barocke Kostüme und Allonge-perücken. Auch der auf der Bühne anwesende Klerus, der die Handlung mit Argusaugen verfolgt. Dieses Theater auf dem Theater verweist auf die Entstehungsgeschichte des Librettos, aber auch auf die Differenz von politischem Traum und Wirklichkeit.

 

Alessandro de Marchi, der künstlerische Leiter des Festivals, hat „Il Germanico“ musikalisch glaubwürdig reanimiert. Das neapolitanische Temperament dieser Musik liegt dem Römer. Er kostet den überschäumenden Reichtum dieser farbigen und effektvollen Musik aus. Seine Accademia Montis Regalis ist in Bestform. Die Aufführung dauert viereinhalb Stunden, aber die lohnen sich. Es handelt sich schließlich um einen so kuzweiligen wie „hochprozentigen“, geradezu besoffen machenden Ariencocktail der Extraklasse.

 

Als das Stück in Rom uraufgeführt wurde, galt noch das päpstliche Verdikt, dass Frauen in der Heiligen Stadt nicht auf der Opernbühne aufzutreten hätten. Bei der Uraufführung wurde ausschließlich von Männern (Kastraten) gesungen. In Innsbruck wird die Oper natürlich (?) mit gemischter Besetzung gegeben. Den Feldherrn Germanico singt die Mezzosopranistin Patricia Bardon. Rosmonda, die Gattin des germanischen Feldherrn wird von der Sopranistin Klara Ek gesungen. Beide sind großartig und singen die Männer (die Countertenöre David Hansen und Hagen Matzeit) regelrecht an die Wand. Vielleicht hätte man - nicht nur als späte Rache an Papst Clemenz XI. - gleich alle Partien mit Frauen besetzen sollen.

 

Ein großer Abend für alle Freunde der Barockoper. Ein Opernjuwel wurde ausgegraben. Es ist an der Zeit, den Opernkomponisten Porpora endlich wiederzuentdecken. Er hat schließlich 37 Opern komponiert. Vielleicht sogar noch mehr. Man kann nur hoffen, dass von Innsbruck Impulse für eine Porpora-Renaissance ausgehen.

 

 

Beiträge auch in DLR Fazit und Neue Musikzeitung

 

 

Dieter David Scholz