La Donna del Lago Pesaro 2016

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Rossini Opera Festival Pesaro

 

 

Hochkarätig: "La Donna del Lago"

Rossini-Opera-Festival in Pesaro 2016

 

Am vergangenen Wochenende, am 8. August, ist im kleinen italienischen Adria-Städtchen Pesaro, dem Geburtsort Gioacchino Rossinis, das zu seinen Ehren alljährliche Rossini Opera Festival, es ist inzwischen das 37., mit einem Paukenschlag eröffnet worden.

 

Die selten gespielte Oper "La Donna del Lago" stand als Eröffnungspremiere auf dem Programm, die erste abendfüllende Oper frei nach Sir Walter Scott, einer Kultfigur der europäischen Romantik. Damiano Michieletto, einer der faszinierendsten unter den jungen italienischen Regisseuren, hat das Ritter- und Liebestück, das sich um eine Frau zwischen drei Männern dreht und von unerfüllter Erotik, Unmöglichkeit des Kommunizierens, vom Unerforschlichen der menschlichen Seele und von der Fragwürdigkeit des Glücks handelt, in einer heruntergekommenen Vila am See angesiedelt. Die Decke ist eingebrochen, das Interieur von Vegetation und Schimmel überwuchert. Paolo Fantin hat dieses Sinnbild des Abgründigen und der Vergänglichkeit entworfen. Regisseur Michieletto entfesselt in diesem eindrucksvollen Bühnenbild gespenstisches, psychologisches Traumtheater aus der Perspektive der alten Helena, der weiblichen Hauptfigur in "La Donna del Lago", die sich an ihre Jugend erinnert. Er vertraut der Gattung Oper, setzt auf schöne Tableaus, aber auch auf gutdurtchdachte Personenführung und magische Beleuchtung. Ein faszinierender, ein großer Opernabend, auch weil der Dirigent Michele Mariotti das brilliante Orchester des Teatro Comunale di Bologna zu einer überwältigenden Interpretation der geheimnisvollen, an musikalischen Kostbarkeiten reichen Oper anhält. Die vom Publikum bejubelte Produktion ist aber auch ein Sängerfest.

 

 

Der hochvirtuose Gesangsartist Juan Diego Florez, der eine der drei männlichen Hauptpartien der Oper singt, steht gewissermaßen im Zentrum des diesjährigen Rossinifestivals. Vor 20 Jahren startete er von Pesaro aus seine Weltkarriere. In einem Konzert in der Adriatic Arena, der größten der drei Spielstätten des Festivals, wird er Ausschnitte aus allen 10 Rossini-Opern singen, die inzwischen zu seinem Repertoire gehören. Heute gilt Florez als weltweit führender Rossinitenor unserer Zeit im leichten, hohen und biegsamen Fach. Er ist ein sogenannter "Tenore di grazia". In der Oper "La Donna del Lao" hat er allerdings starke Konkurrenz, denn sein Gegenspieler, verkörpert von dem amerikanischen Tenor Michael Spyres, beeindruckt nicht minder als echter "Baritenore". Das ist jene andere, heute seltene, dunkel timbrierte, heldenhafte Art von Tenor, die Rossini so liebte. Sensationell sind aber auch zwei neue, nie gehörte weibliche Stimmen, die georgische Sopranistin Salome Jica als Helena und die armenische Mezzosopranistin Varduhi Abrahamyan in der Hosenrolle des Malcolm.

 

 

Salome Jica und Varduhi Abrahamyan entstammen der sängerischen Talentschmiede Pesaros, der "Accademia Rossiniana", die von Anfang des Festivals an ein besonderes Anliegen des Rossiniforschers und -Dirigenten Alberto Zedda ist.

 

“Es ist kein Geheimnis. Ich lasse vorsingen und meine Erfahrung sagt mir schnell, wer geeignet ist. Wenn die Sänger eine gute Technik haben und gute Musiker sind, dann kann ich sie in wenigen Wochen zu Rossinisängern entwickeln. Es ist bei Rossini doch wie beim Kochen. Kochen ist eine Art von Kreativität, bei der man aus einfachen Zutaten etwas Köstliches zaubert. Jeder kann Rossini singen. Er braucht nur Phantasie, Kreativität und einen theatralischen Sinn. Imagination, darauf kommt es an!“

 

Noch heute bemüht sich der 88jährige Alberto Zedda in unermüdlicher Agilität um den Rossini-Sängernachwuchs in Pesaro. Die künstlerische Direktion des weltweit führenden Rossini-festivals hat der Grandseigneur unter den Rossinispezialisten jetzt abgegeben an Ernesto Palacio, den Gesangslehrer und Agenten von Juan Diego Florez. Der setzt auf die bewährte Tradition des Festivals:

“ Wir müssen nichts verändern, wir wollen an der Kontinuität dieses Festivals festhalten und dem Publikum großartige Rossiniproduktionen offerieren, mit großen Sängern unserer Zeit, aber auch mit neuen, jungen Sängern, die von der Rossini Akademie Maestro Zeddas kommen.“

 

Das eben macht das unverwechselbare Profil des Festivals aus, das ausschließlich Rossini gewidmet ist. Wo sonst auf der Welt kann man den "ganzen", gerade auch den selten aufgeführten, hierzulande nahezu unbekannten Rossini mit seinen etwa vierzig "ernsten" Opern hören? In Wildbad, natürlich! Beim dortigen Rossini-Festival. Aber auf niedrigerem Niveau.

 

Dank gleichbleibenden Publikumszustroms, erfolgreichen Sponsorings und gesicherter staatlicher Finanzierung kann man in diesem Jahr in Pesaro in 12 Tagen immerhin 28 Veranstaltungen aufbieten. Drei Opernaufführungen stehen auf dem Programm: neben "La Donna del Lago" eine von Regisseur Davide Livermoore als turbulente, zirkushafte Fellini-Hommage angelegte Neuinszenierung des dramma buffo "Il Turco in Italia" und die Wiederaufnahme seiner spektakulären Inszenierung der Oper "Ciro in Babilonia" aus dem Jahre 2012 mit der einzigartigen Kontraaltistin Ewa Podles in der Titelpartie. Nicht zu vergessen die alljährliche szenische Produktion der Oper "Il Viaggo a Reims", in der der immer wieder erstaunliche Sängernachwuchs der Accademia Rossiniana vorgestellt wird. Daneben gibt es Konzerte und Rahmenveranstaltungen. Pesaro ist für alle Rossinianer auch in diesem Jahr wieder eine Reise wert. Im nächsten Jahr darf man sich freuen auf eine Neuinszenierung der Oper "Le Siège de Corinthe" und Wiederaufnahmen der gefeierten Produktionen von "Torvaldo e Dorliska" und "La pietra del paragone".

 

 

Premierenkritik u.a. auch in SWR 2 Cluster, 12. 08. 2016