Verdis Macbeth in Venedigs La Fenice

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Michele Crosera /Teatro La Fenice

 

Verdis "Macbeth" am Teatro La Fenice

Triumph für Myung-Whun Chung

 

Die Eröffnungspremiere der Stagione di Carnevale-Quaresima in Vene-digs traditionsreichem Opernhaus „La Fenice“ ist alljährlich ein Ereig-nis und hat Kultstatus. Die Schönen und/oder die Reichen geben sich ein Stelldichein. Und nicht selten hat man aus diesem Anlass spektaku-läre Produktionen erlebt. In diesem Jahr durfte man auf Verdis Melo-dramma „Macbeth“ gespannt sein, zumal Kein Geringerer als der Verdi- und Wagnerexperte Myung-Whun Chung am Pult stand. Für die Regie zeichnete Damiano Michieletto verantwortlich, einer der produk-tivsten und gefragtesten Opernregisseure Italiens, von dem man zuletzt beispielsweise sehr konträre, aber gleichermaßen intelligente wie thea-tralisch faszinierende Inszenierungen sah. Ich erinnere mich gern an „The Rake´s Progress“ in Leipzig, „La Donna del Lago „beim Rossini Opera Festival in Pesaro oder „l Trittico“ in Rom, um nur drei zu nennen.

 

Um so enttäuschender war sein „Macbeth“:Die Inszenierung war ein leeres Versprechen, aber das fulminante Dirigat Myung-Whun Chungs hat es eingelöst und übertrumpf! Damiano Michieletto hat Verdis erste musikalische Shakespeare-Tragödie, ein brutales Stück über den Machtkampf, „senza amore“, als symbolüberfrachtete, holzhammerhaft plakative, abstrakte Veranstaltung (Bühne Paolo Fantin) zwischen be-wegter Plastikfolie (Nylon) und weißen Leuchtstoffröhren inszeniert als beliebige Choreografie (Chiara Vecchi) in technisch sterilem Büh-nenkasten, in dem transparente Plastikvorhänge hin und her gefahren, auf und ab bewegt wurden. Nach der Pause verselbständigten sich die Plastikfolienspiele am Bühnenhimmel. Sie bildeten abwechselnd gi-gantische quallenartig sich bewegende Blasen, Fallschirme, Tropfen und sonstige gefällig, aber beliebige Formen. Die Handlung wurde un-wesentlich. Man verfolgte nur noch optische Effekte, die sich aller-dings schon nach wenigen Minuten in ihrer Originalität erschöpft hatten. Zumal die Personenregie über konventionelle Massenauftritte, Rampengänge und verbrauchte Gesten nicht hinauskam.

 

Eine traumhafte Welt voller Halluzinationen und Alpträume wollte Damiani zeigen. In einer Optik, in der nichts so sein sollte, wie wir es kennen. Statt rotem Blut floss weißes, die Kostüme siedelten in heutigem Upper class-Ambiente. Grenzen zwischen Tod und Leben verwischten sich. Kinderrollen wurde hinzuerfunden. Luftballons, Schaukeln und Dreiräder spielten beinahe die Hauptrolle in dieser drögen Produktion, die als Reminiszenz an Thomas Vinterbergs Film „Festen“ verstanden werden sollte. Schön und gut, nur das Shakes-peare-Verdische Stück kam entschieden zu kurz dabei. Der Abend geriet szenisch ermüdend, austauschbar und langweilig. Das Publikum buhte Damiano Michieletto gnadenlos aus.

 

Dass der Abend dennoch zu einem Ereignis wurde, ist allein Myung-Whun Chung zu verdanken. Sein Verdi-Dirigat war schlichtweg sensa-tionell! Gnadenlos präzise, scharf, analytisch, dramatisch ging er die Musik dieser vom Kanon abweichenden, radikalen Oper an, in den großen Effekten wie in den filigranen Details. Dieses Verdi-Dirigat wird man nicht vergessen, so berührend und erschütternd war es! Wann hörte man live je so einen "Macbeth"? Natürlich, wir kennen die berühmten Schallplatteneinspielungen und legendären Tondokumente. Auch haben wir manchen „Macbeth“ im Laufe der Jahrzehnte auf den großen und kleinen Bühnen erlebt. Aber noch keinen wie diesen. Ich behaupte: Unter den lebenden Dirigenten ist Myung-Whun Chung in Sachen Verdi (wie übrigens auch Wagner) den meisten seiner Kollegen haushoch überlegen. Das Publikum überschüttete ihn zu Recht mit Ovationen. Dank Intendant Fortunato Ortombina ist Chung regelmäßig im La Fenice zu hören und beschert diesem unvergleichlichen Opern-haus seit Jahren die musikalischen Höhepunkte der Saison. Warum hat eigentlich noch kein Berliner Intendant diesen Großmeister unter den Maestri für eine Hauptstadtproduktion gerufen? Aber Berlin ist eben nicht Venedig. Auch in Sachen Oper war die deutsche Hauptstadt nicht nur nach Meinung vieler Auswärtiger Opernkenner und –Freunde schon immer überschätzt und es ist weiß Gott nicht alles Gold, was in den Opernhäusern der Spree glänzt!

 

Zum musikalischen Erfolg des Abends trugen auch der exzellente Chor (Maestro del Coro: Claudio Marino Moretti) und das klangprächtige und präzise spielende Orchester des La Fenice bei. Hervorragend sind auch die männlichen Gesangssolisten (herausragend Luca Salsi als Macbeth, Simon Lim als Banco, Stefano Secco als Macduff und Mar-cello Nardis als Malcolm). Leider besitzt die Sängerin der Lady Mac-beth, die ja die eigentliche Strippenzieherin des Stücks –Dreh- und Angelpunkt der Oper - ist, keine schöne Stimme. Die muss, ja soll sie laut Verdi nicht haben. Aber es muss eine gut funktionierende, vor allem eine charakter- und ausdrucksvolle, klanglich und farblich wand-lungsfähige Stimme sein. All das vermisst man bei Vittoria Yeos Lady. Sie zeichnete sich in erster Linie durch Lautstärke und schrille Höhe aus, der Wermutstropfen der Aufführung. Was gab es für Ladys, in Venedig zumal: Inge Borkh, Lely Gencer, Elinor Ross und Olivia Stapp verkörperten nach 1945 diese Partien im La Fenice. Von anderen Häu-sern gar nicht zu reden. Nun muss man fairerweise sagen, dass die (im La Fenice vielbeschäftigte) koreanische Sängerin Vittoria Yeos die Premiere rettet, da sie kurz vor der Premiere für die ursprünglich geplante Sängerin einsprang, die aus künstlerischen Differenzen mit der Regie das Handtuch geworfen haben soll, wie zu hören war.

 

Sei´s drum. Allein Myung-Whun Chung wegen darf man die Auffüh-rung eine Sternstunde nennen und muss dankbar sein, sie erlebt zu haben. Ich bin es.

 

 

Beitrag u.a. auch in "Operalounge"