Vivaldis La Veritá in cimento Schwetzingen

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Sebastian Bühler

 

GeglückterVivaldi in Schwetzingen:

„La verità in cimento“

Erfolgreiche Opernausgrabung des Theaters Heidelberg beim Barockfest „Winter in Schwetzingen“ Premiere 30.11.2018.

 

Nach der Vollendung des Zyklus »opera napoletana« führt das Pro-gramm des Barock-Fests „Winter in Schwetzingen“ in diesem Jahr zu Antonio Vivaldi. Mit einem unglaublichen Opus von über 800 Werken war er der vermutlich meist aufgeführte Komponist seiner Zeit. Allein an Opern soll er einhundert geschrieben haben. In Schwetzingen präsentierte das Heidelberger Theater nun Vivaldis Oper »La veritá in cimento« (dt.: »Die Wahrheit auf dem Prüf-stand«). Sie steht im Zentrum des Festivals, das in seinem diesjährigen Programm um Vivaldi

 

Noch immer finden Vivaldis Opernwerke so selten den Weg auf die Spielpläne der heutigen Opernbühnen, was vor allem an den sänge-rischen Anforderungen liegt, denen heutige, für das klassisch-ro-mantische Repertoire ausgebildete Sänger oft nicht genügen, in aller Regel. Barockoper, zumal Vivadis Oprn verlangen nach grösster Virtuosität der Gesangsstimmen. Vivaldi schrieb für Kastraten. Die es heute nicht mehr gibt. Es sind daher Sänger gefragt, die ersatz-weise hasbrecherischen Koloraturen singen können und in der Kunst des barocken Verzierens versiert sind. Und das ist keine einfache Sache! Zu schweigen von den stofflich-dramaturgischen Schwie-rigkeiten einer glaubwürdigen Vivaldi-Reanimierung auf dem heutigen Theater.

 

»La veritá in cimento« („Die Wahrheit auf dem Prüfstand“) Worum geht es in dieser Oper ? Um verzwickte Familienverhältnisse, um nicht zu sagen um eine Familientragödie, allerdings mit Happyend. Die 1720 in Venedig uraufgeführte Oper spielt in fiktiven Sultanaten von Cambaya und Joghe, die miteinander vefeindet sind. Ein exo-tisches Orientstück also. Herrscher Mamud quält das schlechte Gewissen. Einst vertauschte er, aus Liebe zu seiner Zofe Damira, unbemerkt seinen legitimen Sohn mit dem unehelichen, den er mit seiner Zofe, also seiner Mätresse gezeugt hat und als den recht-mäßigen Thronfolger ausgegeben hat. Als die Erbprinzessin des verfeindeten Sultanats den eigentlich unehelichen heiraten will, kommt der Sultan in Schwierigkeiten, denn es geht um Macht und Erbe. Der falsche Thronerbe rebelliert, er plant einen Umsturz. Liebesraserei, Mordabsichten und Wahnsinn bahnen sich an. Und damit eine Staats- und Familienkatastrophe. Sultan Mahmud bereut seine Tat, gesteht sie im Kreuzfeuer zwischen Macht, Liebe, Zorn und Moral. Am Ende siegt die Staatsräson. Denn bei der Macht hört die Humanität eben doch auf: Liebesverzicht, Vernunft und Pflicht zugunsten der Wahrheit, Wahrheit muss über Lüge und Betrug siegen. Das ist die Botschaft des moralischen Stücks.

 

Die in Heidelberg ansässige, international gefragte Regisseurin Yona Kim hat Vivaldis Familientragödie inszeniert.: Sie bricht die Fassade und die Verkleidungen des Stücks auf und versetzt es in unsere heutige Welt, um eine sehr spezielle Patchwork-Familie zu zeigen, mit ihren Beziehungen, Machenschaften, Rivalitäten, Sehn-süchten und Wunden. Bühnenbildner Jan Freese und Kostümbildner Falk Bauer zeigen einen grossbürgerlichen Lebensraum als Dreieck zwischen Schlaf- und Esszimmer mit immer neuen Vorhängen und Zwischenvorhängen, die Durchblicke gestatten auf die Ambiva-lenzen und Widersprüche der Familie des Sultans. Geschmackvolles Upper class Outfit. Die Doppelbödigkeit, die Verlogenheiten, Bru-talitäten, die Obsessionen, die Zwänge und Emotionen, werden bloßgelegt. Yona Kim gelingt mit ihrer glasklaren, messerscharfen Inszenierung die Entlarvung einer Familie, in der es eigentlich nur um Macht, Sex und Geld geht. Und sie entlarvt diese Opernvision eines guten Herrschers, der einen Fehler eingesteht, als patriarcha-lische Utopie, wo nicht Heuchelei, bei der die Frauen, die wie Wa-ren je nach Bedarf verschachert werden, das Nachsehen haben. Und deshalb am Ende, einem aufgesetzten guten Ende, auf Rache sinnen. Der Sarg für Sultan Mamut steht schon bereit im Hintergrund. Eine sehr eindrucksvolle Inszenierung, in der die jedes Tableau, jeder Blick, jede Geste kontrolliert daherkommen und Bände sprechen. Da blieben keine Fragen offen.

 

Auch sängerisch ist das eine überzeugende Aufführung. Gleich zwei Countertenöre benötigt die Aufführung dieses Werkes, sie sind mit dem Counter-Star David DQ Lee und einer erstaunlichen Neuent-deckung, Philipp Mathmann besetzt. Aber auch die restlichen Sänger aus dem Ensemble lassen kaum Wünsche offen. Insgesamt eine mehr als nur rollendeckende Besetzung: Shahar Lavi singt eine virtuose Sultansgattin Rustena, Franziska Gottwald eine nicht minder eindrucksvolle Damira und Francesca Lombardi-Mazzulli eine entzückende Rosane.Francisco Fernández-Rueda war ein auch stimmlich gefährdeter, zerbrechnlicher Sultan Mamut.

 

Der aus Bergamo stammende Dirigent Davide Perniceni steht am Pult. Er verseht Einiges von historisch informierter Aufführungs-praxis, ist auch ein guter Cembalist und hat die Rezitative selbst begleitet. Vor allem aber hat es das um einige Barockspezialisten ergänzte kleine Musikerensemble des Philharmonischen Orchesters Heidelberg animiert zu einer so rasanten wie poetischen Vivaldi-Lesart. Ein kleines Vivaldi-Feuerwerk, das er da gezündet hat, und er hat die vokalen Juwelen des Stücks, Arien Ensembles, Duette und Trios von außerordentlicher Originalität und Schönheit zum Auf-blühen gebracht in einer zwar stark gerafften und gestrafften Fas-sung der Oper. Aber die Kürzungen haben dem Stück gut getan. Der Abend war kurzweilig und ein großer Erfolg beim Premierenpublikum.

 

 

Rezensionsgespräch in DLF „Fazit“ am 30.11.2018