Brüssel Meyerbeers Hugenotten

Photos (c) Baus / La Monnaie

 

 

Musiktheater- Rezension

SWR 2 „Musik aktuell“ 17.06.2011

 

Meyerbeers „Hugenotten“ endgültig rehabilitiert!

Triumph der Grande Opéra. Eine Sternstunde des Musiktheaters in Brüssel.

 

 

Meyerbeers Oper „Die Hugenotten“ war eine der wichtigsten und erfolgreichsten Opern des 19. Jahrhunderts. Allein an der Pariser Oper erlebte das Stück bis 1900 eintausend Aufführungen, zu schweigen von den vielen Fassungen und Übersetzungen, die das Werk in alle großen Opernhäuser der Welt trugen. Auch in Berlin wurden die „Hugenotten“ bis 1932 gespielt. Dann fiel das Werk der musikantisemi-tischen Schmähung der Nationalsozialisten zum Opfer. Die Meyerbeer-Ausgrenzung, die im Grunde schon durch die Wagnerianer vorbereitet wurde, war eine nachhaltige. Erst in den Achtzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts nahmen sich einzelne Bühnen wieder der Opern Meyerbeers an. Doch diese Meyerber-Renaissance verebbte bald. Zuletzt sah man das Stück in der legendären, aber stark gekürzten Fassung der Deutschen Oper Berlin 1987 in der Inszenierung von John Dew und Gottfried Pilz, in der Raoul vor der Berliner Mauer erschossen wurde. In Paris stand das Werk 1936 zum letzten Mal auf dem Spielplan. Jetzt hat das Théâtre de la Monnaie in Brüssel Werk in bisher nie gesehener Vollständigkeit rehabilitiert.

 

Giacomo Meyerbeers 1835 uraufgeführte Oper „Die Hugenotten“, zu der der renommierteste Librettist Frankreichs, Eugène Scribe, den Text schrieb, wurde ein spektakulärer Erfolg, der sich fast einhundert Jahre lang auf allen großen Opernhäusern der Welt behauptete. Wenn auch zum Teil in stark bearbeiteten, gekürzten und entschärften Fassungen. Immerhin hat das Historiendrama einen stark politischen und religionskritischen Inhalt. Es geht ja um die blutigen Ereignisse der Pariser Bartholomäusnacht des Jahres 1572, in der die Katholiken, angestachelt von Königin Katherina de Midici, ein grauenvolles Blutbad an den Protestanten anrichtete. Schon vor der Uraufführung der Oper griff die Zensur ein – und strich beispielsweise die Rolle der intriganten Königinmutter, der Anstifterin des Blutbads. Olivier Py und Marc Minkowski lassen sie in ihrer Brüsseler Fassung wieder auftreten. Nie hat man die „Hugenotten“ derart vollständig gesehen wie in Brüssel, viele übliche Striche wurden für die Aufführung im Théâtre de la Monnaie wieder aufgemacht. So komplett, so einleuchtend hat man das Werk noch nicht gehört. Marc Minkowski treibt mit energischem musikalischem Glaubenseifer das Symphonieorchester de la Monnaie an, für Meyerbeer eine Lanze zu brechen. Das gelingt ihm überwältigend plastisch, sowohl kraftvoll-dramatisch wie zuweilen tänzerisch-beschwingt. Die Aufführung ist ein Triumph für Minkowski, für das Théâtre de la Monnaie und für Meyerbeer, den großen Instrumentationskünstler, den mit allen Wassern gewaschenen musikalischen Jongleur und Animateur starker Gefühle.

 

Natürlich ist Meyerbeers Oper, wie Marc Minkowski im Programmheft zurecht schreibt, ein Amalgam, natürlich hat sie etwas Patch-workartiges. Kammermusik und Operndramatik stehen nebeneinander. Luthers Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ überkreuzt sich mit spontinihafter Militärmusik, offanbacheske Balletmusiken wechseln sich ab mit belcantischen Arien, auch Verdiszenen scheinen vorweggenommen, man hört sogar schon Wagnervorklänge. Meyerbeer fasst die musikalischen Errungenschaften seiner Zeit zusammen und überbietet sie richtungsweisend. Der 21-jährige Richard Wagner hat übrigens ein Jahr vor der Uraufführung der Hugenotten in seinem Aufsatz „Die deutsche Oper“ die Forderung erhoben, der deutsche Künstler müsse endlich europäisch werden. Er selbst wollte ja, wie er seinem Jugendfreund Theodor Apel bekannte, italie-nische und französische Opern schreiben, um „europäisch universell“ zu werden. Giacomo Meyerbeer kam ihm zuvor, er hat mit den „Huge­notten“ Wagners Utopie geradezu modellhaft realisiert. Kein Wunder, dass Wagner Meyerbeer seinen Erfolg neidete. Hans von Bülow, der große Wagnerdirigent, bemerkte nicht ohne Grund, dass die "Hugenotten" der stärkste Eindruck seines Lebens gewesen seien.

 

Der Meyerbeer-Biograph Julius Kapp, der selbst im Dritten Reich seine Meyerbeer-Verehrung nicht verbarg, mahnte, man dürfe Meyerbeers Hugenotten, um ihnen gerecht zu werden, nur auf allerhöchstem Niveau spielen. Auch und gerade sängerisch. In Brüssel wurde diese Forderung jetzt eingelöst. Man verfügt über ein rundum überzeugendes, großartiges Sängerensemble. Mit Eric Cutler als Raoul präsentierte sich endlich wieder einmal ein neuer, viel versprechender Tenor, mit belkantischen Qualitäten und dramatischer Durchschlagskraft im letzten Akt. Mireille Delunsch singt trotz hörbarer Höhenprobleme eine berührend intensive Valentine. Bezaubernd zwitschert der Page Urbain mit der Stimme der erst 21-jährigen Yulia Lezhneva. Aber die Sensation der Aufführung ist die schöne, auch schauspielerisch hochbegabte Sopranistin Marlies Petersen, die als Marguerite de Valois in ihrer fast 15-minütigen Auftrittsarie virtuo-sesten Koloraturgesang als selbstverständlichen, tönenden Eros vorführt. Das enthusiasmierte Publikum geriet dabei völlig aus dem Häuschen.

 

Natürlich verlangt ein Werk wie die „Hugenotten“ auch nach großem Décor, nach Bühneneffekten, die staunen machen. Die Pariser Grand Opéra, deren Inbegriff Meyerbeer ist, bot ja vor allem Maschinentheater, Augenlust und Ausstattungskulinarik. Dafür war sie berühmt. Dem entspricht auch ihre revuehafte Dramaturgie und ihre reihende, summierende Musikanlage. Olivier Py und sein Ausstatter Pierre-André Weitz haben weder Maschinen noch Prospekte geschont. Sie zeigen die komplizierte höfische Liebesgeschichte zur Zeit der Glaubenskämpfe zwar nicht in historischer Kulisse, aber doch in einem historisierenden Raum, der in idealer Weise der Musik dient.

Es sind changierende, metallische Häuserwände, Torbögen, Brücken, Freitreppen und Schlossfassaden, die in ständiger Bewegung an immer neue Pariser Stadt- und Platzansichten erinnern. Innen- und Außenräume wechseln sich ab, gehen ineinander über. Ein Rausch in Gold, von schwarz durchdrungen, und immer ist der Tod im Zeichen des Kreuzes als Schnitter in goldener Rüstung präsent. Auch der geheimnisvolle Mond. Zwischendurch Grotesktanz mit Totenkopfballerinen, Auftritt der Königin mit Kettenhunden und Maschinen-gewehr- statt Schwerterweihe. Die einzige moderne Anleihe. Olivier Py setzt fanatisches Christentum gegen Sinnlichkeit. Es gibt liebevoll poetische, auch ironische Nacktszenen, nicht nur in der berühmten Badeszene, und es gibt Travestieballette. Olivier Py gelingt es in der beinahe fünf Stunden dauernden Aufführung, Amüsement mit Anklage zu verbinden. Was Meyerbeer wollte. Seine Oper ist ein berührendes Plädoyer gegen religiösen Fanatismus. Olivier Py verwirklicht das überwältigend, fern allen aktualisierenden Regietheaters. Er zeigt das Stück tatsächlich, wie er im Programmheft schreibt, als „Eine Romanze zweier Liebender, die auf der Titanic der Religions-kriege untergehen“. Ihm gelingt – gemeinsam mit Marc Minkowski - die Rehabilitation der Meyerbeerschen Grand Opéra. Eine Sternstunde des Musiktheaters.

 

Dieter David Scholz