Jean-Pierre Ponnelle-Ausstellung in Berlin

Dieter David Scholz

 

 

Musiktheater als letztes Reservat des Individualismus

 

Die Berliner Akademie der Künste zeigt in einer opulenten Ausstellung

erstmals den Nachlass des Regisseurs Jean-Pierre Ponnelle

 

Akademie der Künste. Hanseatenweg10

Berlin Tiergarten. Dauer der Ausstellung bis zum 3.3.2002

Di.-So. 11-20 Uhr. Mo. 14-20 UhrKatalog (Henschel Verlag, 397 S.) 39 Euro.

 

 

 

Es ist ein Fest für Theaterbesessene! Eine derart opulente Schau farbenprächtiger Bühnenbilder und Kostümfigurinen, Dekorationen und Theater- wie Filmausstattungs-Entwürfe hat es in Berlin lange nicht gegeben. Die 302 Produktionen des Bühnenbildners und Regisseurs Jean-Pierre Ponnelle, der vor 14 Jahren überraschend starb (er wäre am 19. Februar 2002 siebzig Jahre alt geworden), haben Theater-geschichte gemacht. Auch wenn Ponnelle einmal sagte, es sei ihm egal, was man in fünfzig Jahren über ihn denke, er inszeniere schließlich für das Hier und Heute: man denkt inzwischen mit Bewunderung und Wehmut an diesen vielseitigen Meister-Phantasten und Bühnenmagier, dessen suggestive Visualisierungen der Opernwerke von Monteverdi bis Henze, aber auch zahlreicher Operetten, Musicals, Ballette und Theaterstücke sich ins theaterhistorische Gedächtnis eingebrannt haben.

 

Wer hat die Bilder nicht im Kopf, von Ponnelles Zürcher Monteverdi-Zyklus, seinem Kölner Mozart-Zyklus, seinen vielerorts gezeigten Rossini-Produktionen oder seinem Bayreuther „Tristan", seinen Aribert Reimann-Uraufführungen, seinem Münchener „Pelléas“, seinem „Moses und Aaron“ oder seinem Gluck-„Orfeo“, um nur an einige seiner herausragenden Arbeiten zu erinnern. Ponnelle war ein Alles-könner, ein Perfektionist im Detail und ein exakter Handwerker und Zeichner. Seine Blätter, Skizzen und Entwürfe demonstrieren es. Nie hat man derart viele Ponnelle-Entwürfe auf einmal gesehen. Die Labyrinthe seiner Phantasie schienen unerschöpflich, auch wenn das Prinzip der Variation und des Recycles, aber auch eine kontinuierliche Entwicklung vom Bühnensurrealismus zu einem Bühnen-Historismus deutlich ablesbar sind an den Exponaten aus den 50er bis 80er Jahren.

 

Theater war ihm, dessen Vita von Anbeginn kosmopolitisch angehaucht war, selbstverständlich „supranationale Kunst“, wie er sich ausdrückte. Ponnelle hatte keinerlei Berührungsangst vor den unterschiedlichsten Stilen und Bildsprachen aller Zeiten und Nationen. Souverän spielte er auf der ästhetischen Klaviatur der Kunst- und Kulturgeschichte. Er fühlte sich in seinen Monteverdi-Produktionen in Zürich in geradezu verschwenderischer Sinnlichkeit in die Formenwelt der Renaissance und des Frühbarock ein, und konnte doch in asketisch-exotischer Strenge und Reduziertheit auf ein primitives Bambusstangen-Konstrukt in seiner Kölner „Frau ohne Schatten“ Kabuki-Theater inszenieren. Daß er mit kräftigen Farben zaubern konnte, zeigen schon die frühen Entwürfe aus den Fünfzigerjahren, in denen er noch deutlich vom Surrealismus beeinflußt worden zu sein schien. Dalì lässt grüßen. Vor allem in seinen frühen Cocteau- und Ibert-Bebilderungen. 1958 entdeckte er in einer „Carmina Burana“-Produktion an der Oper von San Francisco zum erstenmal die Symmetrie der Ruinenarchitektur, die für seine späteren Entwürfe so charakteristisch werden sollte.

 

In den Siebziger- und Achtzigerjahren beherrschte strenger Historismus seine Bühnenbilder. In seinen Antikenenarchitekturen à la Piranesi in schwarz und weiß kontrastierten opulenteste Barockkostüme eindrucksvoll. Sein Kölner Mozartzyklus ist das beste Beispiel. Aber auch sein an Originalschauplätzen in Mantua und Parma (Teatro Farnese) gedrehter „Rigoletto“-Film versucht, wie all seine Opernverfilmungen, Oper als kunsthistorisch-akribische Bildimagination zu perfektionieren. Daß Ponnelle nicht nur an aufwendigem Ausstattungstheater lag, sondern auch an Personenpsychologie und Werkanalyse, dass ihm Witz, Ironie und Satire keineswegs fremd waren, kommt in der Berliner Ausstellung etwas zu kurz, wie auch nicht in einer vorwiegend optisch konzipierten Bilderschau, die in erster Linie der theaterklugen Maxime Ponnelles folgt: „Ich spreche durch die Augen“. Das Musiktheater verteidigte Jean-Pierre Ponnelle als eines der „letzten Reservate der Individualität“. Die große, schöne Ausstellung der Berliner Akademie der Künste verifiziert den Ponnelle-Satz aufs Schönste. Seiner Witwe Margit Saad-Ponnelle und seinem Sohn Pierre-Dominique sind der enorme Nachlaß und umfangreiches Photomaterial zu verdanken, dass der Akademie zur Verfügung gestellt wurde, aber auch zwei aufschlußreiche, persönliche Beiträge in dem hervorragend bebilderte Katalog zur Ausstellung, der zum ersten Mal eine umfassende Bestandsaufnahme, Dokumentation und Bewertung Ponnelles und der Einheit seiner Vielfalt versucht.

 

Gedruckt in: Opernwelt