Arabella Leipzig Schmidt-Garre

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Kirsten Nijhof - Oper Leipzig

 

Überzeugend Unkonventionell: Schmidt-Garres "Arabella"

 

Zum Abschluss der Saison präsentierte das Opernhaus Leipzig am 18.06. 2016 einen besonderen Leckerbissen: Die 1933 in Dresden uraufgeführte lyrische Komödie in drei Aufzügen, „Arabella“ von Richard Strauss. Hausherr Ulf Schirmer stand am Pult. Der Dokumentarfilmer Jan Schmidt-Garre hat diese letzte gemeinsame Arbeit von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal inszeniert.

 

Schmidt-Garre fokussiert seine unkonventionelle Inszenierung ganz auf die menschliche Handlung der Gesellschaftskomödie. Alles Überflüssige, auch alles Opernhafte vermeidet er und erzählt - jenseits aller Erwartungshaltungen des Publikums - stringent und umflort von einem Hauch von Tragik und Melancholie die Geschichte einer verarmten Adelsfamilie, die nur noch so tut, also ob, die sich zwei Töchter nicht leisten kann, weshalb eine als Mann ausgegeben wird, der sich schließlich als Frau outet und eine Fast-Katastrophe auslöst, bevor am Ende beide Töchter unter die Haube kommen. Die Inszenierung gleicht einem seelischen Kammerspiel à la Schnitzler, einem Gesellschaftsstück über Komplexe und Psychosen einer untergehenden K & K-Welt, über die Differenz von Sein und Schein.

 

Sigmund Freud lässt grüßen. Schmidt-Garres Personenführung ist außerordentlich subtil und ungewöhnlich, schon weil Arabella als selbständige, starke, beinahe emanzipierte Frau ernstgenommen wird und ihr Warten auf den "Richtigen" als durchaus „richtig“, weil sie nicht gesellschaftskonform handelt, indem sie sich widersetzt, sich standesgemäß verheiraten zu lassen. Wenn Arabellas Supermann aus der Walachei plötzlich vor ihr steht und es keiner Worte bedarf, zeigt Schmidt-Garre diesen maskulinen Traum der schlaflosen Nächte Arabellas - und aller Möchtegern-Arabellas - seiner zur Schau gestellten Virilität zum Trotz als zerbrechliche Seele, als Mann, der durch die Verwechslungs-, Verkleidungs- und Verdächtigungskomödie, die Arabellas Schwester anzettelt, aus der Bahn seiner männlichen Eitelkeit geworfen wird und der Aufbauarbeit Arabellas bedarf, um wieder zu männlichen Selbstbewusstsein zurück zu finden.

 

Eine sehr bewegende, anrührende Inszenierung, die das intelligente Libretto Hofmannsthals ernster nimmt als die meisten Inszenierungen. Heike Scheeles Bühne setzt die Idee der Regie kongenial um, indem sie das Wien der Ringstraßenzeit verweigert und den zitierten Wiener Gründerkrach, ironisch gebrochen und gespiegelt in der Entstehungszeit der Oper während der Weltwirtschaftskrise 1929 ins Bild setzt. Thomas Kaiser hat schlichte Kostüme im Stil der Zwanziger beigesteuert. Auf alles Ausstattungstheater wird verzichtet. Kein Postkar-ten-Wien und Amüsier-Wien, kein Gründerzeitpomp. Man spielt auf nackter, schwarzer Bühne, auf die einzelne Zimmer-Bruchstücke gefahren werden, die sich im zweiten Akt, umgedreht, zu einer Art Wiener Fassade von hinten verdichten. So ernüchternd hat man den Ballakt dieser Oper noch nicht gesehen, ganz und gar unkarnevalistisch. Er ist ja auch nicht eigentlich lustig. Der Clou der Aufführung ist die Schlußszene des dritten Aktes, in der die Architekturfragmente aus der Unterbühne hochfahren und zu einem intakten Bild, einer Art-Deco-Hotelhalle zusammengeschoben werden. Eine einleuchtende szenische Metapher dafür, wie Arabella am Ende der Oper die Bruchstücke der Beinahe-Katastrophe wieder zusammensetzt.

 

Die Inszenierung ist so faszinierend wie das Dirigat Ulf Schirmers, der mit seiner glutvollen, farbenreichen und dramatischen Lesart beweist, dass „Arabella“, zwischen ironischer Walzerseligkeit des Nichtmehr und modernen Klängen eines Nochnicht ein Werk ist, das sich nicht hinter den besten Opern von Strauss zu verstecken braucht. So üppig, klangkulinarisch, mitreißend hat man die Oper selten gehört. Das Gewandhausorchester spielt brilliant. Aber auch gesungen wird exzellent. Die junge kalifornische Sopranistin Betsy Horen beglaubigt mit warmem, strahlenden Sopran und absoluter Wortverständlichkeit Arabella als eine der interessantesten Strauss-Partien. Auch die ukrainische Sopranistin Olena Tokar ist als Arabellas Schwester Zdenka – alias Zdenko - ein Glücksfall. Der eindrucksvolle finnische Bassbariton Tuomas Pursio verleiht dem Traummann Mandryka imposante stimmliche wie darstellerische Virilität. Markus Francke in der Partie des Matteo gelingt es tenoral sehr überzeugend, Arabellas vermeintlichen Bruder Zdenko in der Dunkelheit der Nacht zur Frau zu machen bzw. als Frau zu entlarven. Die Fiakermilli von Daniela Fally zwitschert souverän ihre Jodelkoloraturen in den Bühnenhimmel. Auch das übrige Ensemble lässt kaum einen Wunsch offen. Eine Aufführung, die sich die sich nicht nur sehen, sondern auch hören lassen kann!

 

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