Messiaen Hl. Franziskus Gottfried Pilz

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Gottfried Pilz

Eine Aufführung von theatergeschichtlicher Bedeutung

Gottfried Pilz ´ grandiose deutsche Erstaufführung von Olivier Messiaens Francois D'Assise

 

Oper Leipzig; 8. November 1998

 

Musikalische Leitung: Jiri Kout

 

Gestern abend fand in der Oper Leipzig eine Premiere der besonderen Art statt. Eines der abendfüllendsten und schwerverdaulichsten Werke zeitgenössischer Musik wurde auf die Bühne des großen Leipziger Opernhauses gehievt: Olivier Messiaiens religiöses „spectacle musicale“ - „Der heilige Franziskus von Assisi“. 1983 wurde das heikle Stück in Paris uraufgeührt. Seither ist es nur in Salzburg - gekürzt- szenisch aufgeführt worden. Für Regie, Bühnenbild und Kostüme dieser Leipziger Produktion, die deutsche Erstaufführung, zeichnet Gottfried Pilz verantwortlich, der ja in der Leipziger Oper schon einige hochinteressante Produktionen beisteuerte.

Die musikalische Leitung liegt in Händen Jiri Kouts, des GMDs des Hauses.

Dieter David Scholz war für uns dabei. Ich begrüße ihn jetzt hier im Studio. Guten Morgen.

Der nur wenige Male überhaupt inszenierte „Heilige Franzisikus“ von Messiaen ist in Deutschland noch nie szenisch aufgeführt worden. Hängt das nicht vor allem damit zusammen, daß das Stück eigentlich keine Oper ist und sich nur schwer inszenieren läßt?

 

 

Davon abgesehen: daß man sich mit Messiaen in Deutschland ohnehin nicht leicht tut, hat es ganz sicher damit zu tun, daß dieses tiefreligiöse Stück ein völlig undramatisches, ein "statisches Stück Musiktheater ist, das man vielleicht als szenisches Oratorium oder eine Art von Mysterienspiel bezeichnen könnte. Unter dramatischen Gesichtspunkten betrachtet, tritt es gewissennaßen auf der Stelle, es kommt nicht vom Fleck, enthält nur mäßigen Dialog, dafür um so mehr Innenschau,. inneren Monolog. Es ist darüber hinaus ein Bandwurm, denn es dauert, reine Musikzeit ohne Pause, immerhin vier Stunden und 15 Minuten. Dieses Weltabschiedswerk Messiaens hat Wagnerlänge, die szenisch dargestellt sein will. Was um so sçhwerer ist, da es keine richtige, will sagen, keine dramatische Handlung gibt, weder Konflikte noch Personen-Psychologie. Es ist eine reine „Heiligenlegende, die Darstellung von Stationen des Franziskus auf seinem Weg der Gnade zum christusähnlichen Heiligen. Jeder der drei Akte kreist um eine von Franziskus erbetene Prüfung oder Auszeichnung, die ihn Gott näher bringt: von der Heiligung eines Aussätzigen über die Begegnung mit einem musizierenden Engel bis hin zum Empfang der Stigmata, also der Leidenszeichen Christi. So schwer nachvollziehbar dieses katholische Bekenntnisstück für jeden Ungläubigen sein mag, so schwerkalibrig ist es auch musikalisch, denn es ist eine überreiche Lebenssumme Messiaens und hat im wahrsten Sinne des Wortes himmlische Längen. Aber man kann das auch positiv sehen. Das ist natürlich ein immenser Spielraum jenseits aller Möglichkeiten der traditionellen Oper und eine große Herausforderung für jeden Regisseur und Ausstatter.

 

 

Wie hat denn Gottfried Pilz, der das Stück als Ausstatter und Regisseur in Personalunion verantwortet, dieses sperrige Werk auf die Bühne gebracht? Eine fromme Heiligenlegende ist von ihm ja wohl nicht zu erwarten, oder?

 

Nein, die Aufführung ist weit entfernt von allem frommen Nazarenertum oder opernhaften Heiligenkitsch. Gottfried Pilz eröffnet den langen Abend seiner faszinierenden Inszenierung mit einem Geniestreich, der so verblüffend wie sinnig ist. Er projiziert nämlich den Einsturz der Franziskuskirche in Assisi, der ja beim letztjährigen Erdbeben von einem Amateurfilmer auf Video gebannt wurde, auf den Vorhangschleier, er lüftet ihn dann und zurück bleibt der staub- und qualmvernebelte, verwüstete Kirchenraum, in dem nur noch nackte Stühle übrig geblieben sind. Im Hintergrund klafft ein großes Loch, das Fragen offen läßt und Durch blicke auf Uneindeutiges. In diesem magischen, qualmgeschwängerten Raum, der von immer neuen Lichtstrahlen, -Reflexen und -Stimmungen durchdrungen wird, entwickelt Gottfiied Pilz die Geschichte des Glaubensreformators, die er kondensiert zur Allegorie der Menschwerdung an sich. Wenn man so will eine durch Nietzsches Atheismus gefilterte Heiligenlegende als humane Entwicklungsgeschichte des Individuums. Statt Soutanen und Mönchsgewänder begegnen einem schlichte Anzüge. Statt Kirchenplunders wird mit wenigen Kreuzprojektionen und einer simplen, aber einsichtigen Kleidermetapher das Aufbauen und Zerstören von Glauben, Illusionen und Hoffnungen angedeutet. Kleiderhaufen liegen auf dem Boden des zerstörten Gotteshauses. Die Mönche falten sie nach und nach, schichten sie auf zu wackligen Türmen, die wieder zusammenfallen. Am Ende ist der Boden dieses säkularisierten Glaubensraumes leergefegt und steril, die Phalanx der Mönche tritt dem erleuchteten, erlöschenden Außenseiter Franziskus proper und adrett in Mantel und Hut entgegen. Diese Versinn-bildlichung hat Methode, sie ist konsequent, sie vermeidet jede Art von Peinlichkeit und Unbehagen, und sie lenkt nicht ab von der unglaublich beredten und gestischen Musik, die ihrerseits so viel zu erzählen und zu kommentieren hat.

 

Gottfried Pilz führt die Personen ohne Aktionismus, in angemessener Ruhe und Plausibilität. Er versteht es, Ritus und Zeremoniell, Verinnerlichung und Mystik ohne Pathos zu inszenieren. Joachim Siska hat ihm dabei choreographisch geholfen. Pilz beweist in vielen kleinen Biıınenhandlungen aber auch immer wieder Sinn für Humor und Ironie. Und die Idee, die Vögel, denen Franziskus predigt, durch kleine, agile Jungs in Fracks und bunten Mützen zu ersetzen, ıst nicht nur witzig, sondern verdeutlicht nur die aufklärerische Inszenierungsidee. Gottfiied Pilz demonstriert mit dieser seiner nun schon dritten Regiearbeit wieder einmal, daß er nicht nur ein herausragender Bühnenbildner ist, der es versteht, mit dem „Prinzip Reduktion“ geradezu magische Licht- und Stimmungsräume von anspringender, suggestiver Wirkung zu zaubern, er frappiert auch als Regisseur, denn das Stück ist ein harter Brocken. Den hat er auf bewundemswerte Weise geknackt. Der Abend ist lang und nicht unstrapaziös, aber es ist dennoch eine der aufregendsten Musiktheaterproduktionen seit Langem!

 

 

Hat denn auch der Strauss-, Janacek- und Wagnerspezialist Jiri Kout, für den dieser Messiaen erklärtes Neuland ist, dem Stück musikalisch soviel Reiz un Faszination abzugewinnen vermocht, wie Gottfried Pilz szenisch?

 

 

Es ist erstaunlich, wie Jiri Kout, der ja eher im spätromantischen Repertoire, bei Strauss oder Janacek beheimatet ist, sich dieser Musik angenommen hat und wie er diesen gigantischen Apparat auf, unter und neben der Bühne koordiniert und zusammenhält. Ein Orchester von 116 Mann immerhin, mit z.T. exotischem Instrumentarium und ein ebenso großer Chor. Kout analysiert und exemplifiziert diese Musik in all ihrer Vielschichtigkeit, er läßt die Farbpalette Messiaens glitzern, die ironischen Funken sprühen nur so, die Langsamkeit feiert Triumphe unter seiner Stabührung. Und dennoch entwickelt diese Musik eine Kraft und eine Klangsinnlichkeit, die selbst jeden Ungläubigen überwältigt. Auch die sängerische Besetzung ist ohne Einschränkung nicht anders als hochkarätig zu nennen. Fulminant ist der junge, norwegische Bass-Bariton Frode Olsen, der über vier Stunden mit seiner imposanten Stimme und darstellerischer Noblesse der Titelfigur starkes und unmaniriertes Profil gibt und keinerlei Schwächen zeigt. Auch Ofelia Sala als sopranseliger Engel ist einfach hinreißend. Die Aufführung ist unbedingt hörens- und sehenswert. Ich wage zu behaupten: es ist eine Aufführung, die Theatergeschichte machen wird. Man sollte sie auf keinen Fall versäumen.

 

Frühkritik in „Figaro“ auf MDR-Kultur 9.11.1998