Joachim Köhler: Wagners Hitler

Dieter David Scholz

 

 

Simplifizierungen und Geschichtsverfälschungen in der Wagnerliteratur

 

Joachim Köhler: Der letzte der Titanen - Richard Wagners Leben und Werk 2001

 

Joachim Köhler: Wagners Hitler. Der Prophet und sein Vollstrecker 1997

 

Obwohl die Auseinandersetzung mit Richard Wagner und seinem Werk schon mehr als hundert Jahre andauert, ist sie in Vielem so emotional und kontrovers wie eh und je. Nur über wenige Gestalten der Weltgeschichte ist so viel geschrieben worden wie über Richard Wagner. Er gehört "neben Friedrich Nietzsche mit Karl Marx, Sigmund Freud und Martin Heidegger zu denjenigen Autoren des deutsch-sprachigen Raumes, die die europäische Geistesgeschichte bis heute am nachhaltigsten beeinflußt haben" (Ulrich Müller). Was Wunder: Richard Wagner war ohne Frage der schreib-, mitteilungs- und selbsterklärungsfreudigste, essayistisch wie kunsttheoretisch produktivste, schließlich der dezidiert politischste deutsche Komponist des neun-zehnten Jahrhunderts. Sein Œuvre ist unter allen nur erdenklichen Aspekten analysiert worden. Musikwissenschaftler, Historiker, Germanisten, Altphilologen und vergleichende Literaurwissenschaftler haben sich mit der Erhellung des künstlerischen und theoretischen Werks, seiner Entstehung, seiner Aufführung und Wirkungsgeschichte, aber auch mit Wagners Biographie befaßt.

 

Unmengen biographischer, aber auch journalistischer Veröffentlichungen haben dazu beigetragen, daß die Wagner-Literatur ins Gigan-tische anwuchs. Wit mehr als 50.000 Titel kann man heute zählen. Trotzdem muß man konstatieren: Widersprüchlich, grenzenlos subjektiv und unkritisch spiegelt sich das Phänomen Richard Wagner im Urteil seiner Zeitgenossen wie der folgenden Generationen. Es fehlt bis heute in wissenschaftlicher Hinsicht ein objektiver, ein sachlicher Standpunkt zum Werk und Ideengut Richard Wagners.

 

Auch Joachim Köhlers neustes Buch ist von dieser Bilanz nicht auszunehmen. Schon in seinem vor 4 Jahren veröffentlichten Buch „Wagners Hitler“ hat er Hitler offenbar mehr geglaubt, als Richard Wagner. Es ist ein geradezu exemplarischer Fall von wirkungsge-schichtlicher Simplifizierung und Geschichtsverdrehung, weil es den historischen Zusammenhang auf den Kopf stellt. Der Titel "Hitlers Wagner" wäre der geschichtlichen Chronologie der Beziehung zwischen Wagner und Hitler weit angemessener. Immerhin handelt es sich um einen Prozeß der Usurpierung. Ein Vorgeborener wird in die Ideologie eines größenwahnsinnigen Nachgeborenen einverleibt. Was nur funktionierte, indem Hitler und die Seinen wesentliche Aspekte Wagners ausblendeten, ja ignorierten. Man kann in diesem Zusamm-enhang nur noch einmal daran erinnern, was der israelische Historiker Jakob Katz in seinem 1985 erschienenen Buch „Richard Wagner. Vorbote des Antisemitismus“ angesichts der Flut von Veröffentlichungen betonte, die Wagner vom Holocaust, vom Deutschen Nationalismus der Kaiserzeit, von Chamberlain und von Hitler aus rückblickend interpretieren: "Die Deutung Wagners "aufgrund der Gesinnung und der Taten von Nachfahren, die sich mit Wagner identifizierten, ist ein unerlaubtes Verfahren." es handele sich " ... um eine Rückdatierung, ein Hineinlesen der Fortsetzung und Abwandlung Wagnerscher Ideen durch Chamberlain und Hitler in die Äußerungen Wagners selbst"

 

Auch in seinem jüngsten Wagnerbuch, einer mehr als 800-seitigen Schwarte mit reißerischem Titel, hat der ehemalige Stern-Redakteur und Sensationsautor die historische Prämisse, die Jakob Katz allen, die sich mit Wagner beschäftigen anempfiehlt, nicht beherzigt. Im Gegenteil: Der Letzte der Titanen, wie Köhler Wagner schon im Titel nennt, wird einmal mehr im ideologischen Korsett jener betrachtet, die an eine verhängnisvolle Kontinuität von Luther über Friedrich den Zweiten, Hegel, Bismark und Wagner bis Adolf Hitler glauben. Dies darzustellen, scheut Köhler keine Mittel, wo er keine Quellen findet, spekuliert und fabuliert er ins Blaue, ja fügt Indizien zu Indizien, ohne einen einzigen Nachweis zu erbringen. So etwa bei der Charakterisierung des Stiefvaters Wagners, Ludwig Geyers, der angeblich Wagners Schwestern sexuell missbraucht habe, und im übrigen Wagners leiblicher, jüdischer Vater sei. Wofür nichts spricht. Weder für das eine noch das andere.

Es ist ja in der Wagnerliteratur mehrfach dargelegt worden, aber Joachim Köhler glaubt, an wichtigster Wagnerliteratur der vergangenen 20 Jahre getrost vorbeigehen zu dürfen. Er ignoriert wesentliche Veröffentlichungen. In seinem Literaturverzeichnis klaffen empfindliche Lücken. Schon deshalb darf man ihm nicht trauen, von seinen Spekulationen ganz abgesehen. Beispielsweise unterstellt er Wagner eine lebenslange Angst vor jüdischer Verfolgung. Er spricht von „einem Gespenst, das er sich selbst erschaffen hat“. Köhler wärmt auch die uralte, auf Nietzsche zurückgehende - von diesem aber widerrufene - These von Wagners angeblicher jüdischer Herkunft neu auf, um Wagners Antisemitismus zu erklären, der den geistigen Mittelpunkt seines Buches bildet, auch wenn um inn herum Biographisches und Zeitgeschichtliches rankt.

 

Man darf vermuten, dass Köhler die ahnenkundlichen Arbeiten Otto Bournots nie gelesen hat, dass er nie Leipziger Stadtgeschichte betrieben hat, sonst könnte er nicht behaupten, Wagner sei im Judenghetto geboren worden und Geyer sein jüdischer Vater. Auch Wagners Äußerungen zum Thema in Cosimas Tagebüchern hat er wohl kaum ernsthaft zur Kenntnis genommen, denn sie sprechen eindeutig dagegen. Aber sensationsromantisch wie - in diesem Punkte schon Martin Gregor-Dellin in seiner verdienstvolleren Wagnerbiographie - erzählt er erneut das dämonische Märchen von der vermeintlichen „Unklarheit seiner Entstehung ...und der unbgreiflichen Angst der Kindheit“ Wagners. Seine pseudopsychologischen, ihn als ernsthaften Autor völlig disqualifizierenden Ereiferungen gehen so weit, zu behaupten, Wagners Wunsch als Kind sei es gewesen, „ans Kruzifix der Kreuzkirche genagelt zu werden“. Als „ Erwachsener“ - so Köhler - „sah er sich bis an sein Ende gleichsam am Kreuze des deutschen Gedankens hängen“. Das sind - mit Verlaub gesagt - abstruse, wenn auch effektvoll formulierte / aus dem Zusammenhanh gerissen zitierte - Kopfgeburten. Sie stüptzen sich auf alte Legenden und Vorurteile, die längst als widerlegt gelten dürfen. Doch das deprimierende ist ja eben, dass in der neusten Wagnerliteratur immer wieder alte Vorurteile repetiert werden. Walter Levin, deutsch-amerikanischer Geiger jüdischer Abstammung, Gründer des renommierten La Salle-Quartetts und von Kindheit an mit Wagner aufgewachsen, bringt den angesprochenen Zusammenhang auf den Punkt, wenn er ein amerikanisches Sprichwort zitiert: "„Im Amerikanischen sagt man: ‚Don´t bother me with the facts, my mind is made up!‘ Die Fakten interessieren bei einem Vorurteil überhaupt nicht. Das Vorurteil dient einem ganz anderen ideologischen Zweck und es braucht die Konstruktion dessen, was mit Ruhe besehen zwar falsch ist, aber es nützt dem Zweck, den man verfolgt. Und so werden diese ideolo¬gisch begründeten Vorurteile immerfort tradiert und werden unbesehen auch immer weiter übernommen vom Einen zum Andern. Die meisten Wagnerbücher, die geschrieben wer¬den sind ja eigentlich Abschriften zusammen-gesuchten Zeugs aus anderen Büchern.“

 

 

Nach wie vor herrschen zum Wagnerschen Antisemitismus divergierende Meinungen: auch hier stehen sich Wagnerianer und AntiWagnerianer gegenüber, einander entweder Verharmlosung oder aber Dramatisierung des Themas vorwerfend. Obwohl es doch sollte, scheint es in Sachen Wagner und seines Antisemitismus nicht selbstverständlich zu sein, was der Historiker Peter Gay in seiner bemerkenswerten Studie über Deutsche und Juden anmerkt: "zu historischem Verständnis aufzurufen und Einsicht walten zu lassen, bedeutet nicht zugleich, abzustreiten und zu verniedlichen, was geschah."

 

Und so darf man wohl von einem seriösen Wagnerautoren erwarten, und auch in diesem Punkt disqualifiziert sich Köhler, dass er nicht nur Wagners infamen Judenaufsatz von über „Das Judentum in der Musik“, der selbstverständlich nicht zu entschuldigen ist, registriert, sondern auch die späteren Äußerungen Wagners zum Thema „Antisemitismus“, in seinen Bayreuther Spätschriften und vor allem in den Tagebüchern Cosimas. Da heißt es beispielsweise am 22. November 1878: Richard habe gestern gesagt, ... "Wenn ich noch einmal über die Juden schriebe, würde ich sagen, es sei nichts gegen sie einzuwenden, nur seien sie zu früh zu uns Deutschen getreten, wir seien nicht fest genug gewesen, um dieses Element in uns aufnehmen zu können"

 

Das spezifisch Parteiische und Emotionale der Wagner-Debatte hängt wohl mit immer noch existierenden Schwierigkeiten der Aufarbeitung und Bewältigung des vergangenen Kapitels deutscher Geschichte zusammen. Immerhin wurde Wagner im Dritten Reich zu einem der Ahnherren der herrschenden antisemitischen Ideologie erklärt. So unabsehbar folgenreich die Wirkung Wagners im 20. Jahrhundert sein sollte: den Antisemitismus Wagners vom Betroffensein der Nachwelt aus zu betrachten und zu beurteilen hieße, die Kausalität der Geschichte, wenn es denn eine gibt, auf den Kopf stellen, es hieße aber auch, das Spezifische des Wagnerschen Antisemitismus zu ignorieren, seine Brüchigkeit, Widersprüchlichkeit und seine politische Intention, die frühsozialistischem Gedankengut verpflichtet ist und letztlich auf Assimilation abzielt und im krassen Gegensatz zum aufkommenden Rassenantisemitismus steht.

Auch für die Untersuchung des Wagnerschen Antisemitismus hat die Einsicht Theodor W. Adornos Gültigkeit, daß jegliche Dimension Wagners Ambivalenzen zum Wesen habe: "Ihn erkennen heißt, die Ambivalenzen bestimmen und entziffern, nicht, dort Eindeutigkeit her-stellen, wo die Sache zunächst sie verweigert." Und mit Hans Mayer zu sprechen: "Wer sich auf Wagner einlässt, muß sich mit dem ganzen Wagner beschäftigen." Darf nicht nur den Antisemiten Wagner umkreisen. Doch den anderen, den ganzen, vielschichtigen und vielseitigen, den europäischen, antibürgerlichen, utopisch-sozialistischen, erotisch obsessiven, im Alter zunehmend deutschfeindlichen Wagner, den utopischen, den musiaklisch kühnen Wagner, den enthält Köhler seinen Lesern weitgehend vor. Viele Facetten und Farben, Glanzlichter und Untiefen werden bewußt oder unbewusst verschweigen. Zu schweigen von der Unsachlichkeit vieler Kommentaren, von den gewagten Unterstellungen und gedanklichen Hilfskonstruktionen des Buches, das sich anmaßt, so zu tun, als sei es die erste wichtige Wagnerbiographie und den Leser für naiver hält, als er ist, wenn er sich denn für Wagner interessiert.

 

Man darf Joachim Köhlers Buch getrost zur Seite legen. Es offenbart keinerlei neue Erkenntnisse, es zeichnet das Bild eines ideologisch verzerrten Wagner, dessen Lebensstationen in anderen Publikationen weit differenzierter, gewissenhafter und seriöser dargestellt werden, von dessen Werk ganz zu schweigen. Köhler schreibt so gut wie nichts über die Musik Wagners, als ob sie das Unwichtigste wäre. Und was er zum Musikdrama Wagners schreibt, zeugt von wenig musikalischer Kenntnis. Auch was er über die geistes- und zeitgeschicht-lichen Zusammenhänge zu sagen weiß, klingt andernorts weitaus klarer und scharfsichtiger. Man denke nur an die hervorragenden Wagnerbücher von Hans Mayer und Carl Dahlhaus, Peter Wapnewski und Udo Bermbach, um nur einige zu nennen.

 

Dieses neue Wagnerbuch, das vom Claassen-Verlag angepriesen wird als Neuerscheinung, die das „weithin unbekannte Lebensbild“ Wagners nachzeichne, das mitnichten so unbekannt ist, auf dieses Buch kann man getrost verzichten. Der britische Historiker Peter Gay schrieb 1986 "Für den Historiker des modernen Deutschland ist die Suche nach schädlichen, unheilvollen oder gar tödlichen Ursachen problematischer und riskanter geworden, als es sonst unvermeidlich ist - sie wird ihm zu einer Zwangsvorstellung, so daß er die ganze Vergangenheit nur noch als ein Vorspiel zu Hitler sieht und jeden angeblich deutschen Charakterzug als einen Baustein zu jenem schrecklichen Gebäude, dem Dritten Reich". Aber schon der ehemalige deutsche Bundespräsident Walter Scheel hat in seiner als skandalös empfundenen Rede als Ehrengast der Hundertjahrfeier der Bayreuther Festspiele 1976 zurecht betont:

 

„Ich glaube nicht an die direkte Linie Wagner-Hitler. Man hat noch mehr solche 'historischen' Linien gezogen. Sie beruhen alle auf Geschichtsbilderen, die allzu simpel sind.“ Walter Scheel fügte hinzu: "Sicher, Wagner war ein Antisemit. Aber es ist einfach falsch, zu behaupten, Hitler habe seinen Antisemitismus von Wagner übernommen. Beide, Hitler und Wagner, sind Teil einer unheilvollen antisemitischen Unterströmung des europäischen Geistes. Aber Hitler wäre sicher auch ohne Wagner Antisemit geworden."

 

 

 

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