M. A. Marelli Turandot in Bregenz

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Bregenzer Festspiele /Karl Forster

Calaf alias Giacomo Puccini

Marco Arturo Marellis „Turandot“ auf dem Bodensee

 

Mit einem Paukenschlag hat die neue Intendantin der Bregenzer Festspiele, Elisabeth Sobotka, ihre erste Saison eröffnet, mit der sie eine gegenüber ihrem Vorgänger Pountney so ganz andere Programmatik einleutete: Marco Arturo Marelli hat die Eröffnungspremiere des vom 22. Juli bis zum 23. August dauernden, neben dem Salzburger bedeutendsten Festivals Österreichs eröffnet. Marelli hat eine im wahrsten Sinne des Wortes spektakuläre „Turandot“ auf der fast 7000 Zuschauer fassenden Seebühne inszeniert. Eine wie ein Drache sich schlängelnde, gewaltige orangefarbene Chinesische Mauer hat Marelli auf der im Bodensee installierten Bühne nachbauen lassen. Davor ruht ein drehbarer Zylinder überm See, der grausame Unterweltenansichten offenbart. Darauf ein aufklappbarer, zehn Meter messender Deckel, auf dessen Rückwand eine gigantische, runde LED-Wand befindet, auf der Aron Kitzig verblüffende computeranimierte Videos zeigt, mit Verwandlungen von Turandots Maske in einen chinesischen Drachen vor fast schon cineastisch-faschistischer Strahlenglorie. Als Maskenspiel zeigt Marelli denn auch Puccinis unvollendetes „Weltabschiedsrama“ aus dem Jahre 1926, im Spannunsfeld zwischen Antike und heute, Mao und Moderne. Es sind heutige Menschen, in einem heutigen China, die in prachtvolle chinesische Kostüme (Constance Hoffmann) schlüpfen und das Drama um die eisumgürtete Prinzessin veranschaulichen, die jedem Fürsten, der um sie wirbt, drei Rätsel zu lösen gibt. Unzählige sind daran gescheitert und mußten sterben. Bis sie, von Kalaf, der die Rätsel löst, erobert und zur liebenden Frau gemacht wird. Dieses Ende hat Puccini selbst nicht mehr komponiert. Franco Alfano hat es aus den hinterlassenen Skizzen rekonstruiert bzw. ergänzt. Sein erweiterter Schluß wird in Bregenz gespielt. Er ist ebensowenig glaubhaft wie das Stück an sich mit seiner radikalen Wendung der Titelfigur von Liebesverweigerung zu Liebeshingabe. Marelli erklärt es in seiner Inszenierung deshalb psychobiographisch mit eindeutigen Hinweisen auf den Komponisten. Calaf sieht denn auch aus wie Puccini höchstselbst. In einem blauen Zimmer wird sein Brüsseler Krankenlager gezeigt, auf dem er sein letztes Stück unvollendet hinterließ. Die aufopferungsvolle Liu verweist auf die Pflegerin des todkranken Komponisten, die sich aus gekränkter und entehrter Liebe wegen tatsächlich umbrachte für Puccini. Doch neben aller Psychologie punktet die streng ritualisierte, ästhetisch durchgestylte Produktion mit einem Großaufgebot an chinesischen Akrobaten, Feuerkünstlern, Fahnenschwenkern und Lampignonträgern, die auf der 72 Meter breiten und 27 Meter hohen Bühne, zwischen 144 nachgebauten Terracottakriegern, die in den Himmel und aus dem Wasser ragen, und den ausverkauften Abend, allen zeitweiligen Wetterunbillen zum Trotz zum umjubelten Ereignis werden ließen. Paolo Carignani beglaubigt mit seiner fast impressionistisch-modernen, weniger bombastischen als intimen Lesart der Musik das Inszenierungskonzept Marellis. Die Wiener Symphoniker klingen dank des bestechenden Klangsystems der Bregenzer Open Acoustics phantastisch, was man von den Sängern der Hauptpartien nicht sagen kann. Allenfalls als Mittelmaß darf bezeichnet werden, was Mlada Khudolay als Turandot und Riccardo Massi als Calaf anzubieten haben. Beides keine aufregenden Stimmen. Am ehesten noch die Liu der Guangun Yu überzeugt. Immerhin die Nebenpartien sind rollendeckend besetzt. Auch die drei Chöre singen tadellos. Man kann nicht alles haben! Und schließlich gibt es ja noch Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ in der Regie von Stefan Herheim, eine Erstaufführung der Oper „Der goldene Drache“ von Peter Eötvös, eine „Cosi fan tutte“ im Rahmen eines erstmaligen Opernstudios, das Brigitte Fassbaender leitet und die ebenfalls neue Schiene eines Opernateliers, wo Kommunikation zwischen Musikinteressiertem Publikum und Opernmachern großgeschrieben wird. Konzerte, Matineen, Workshops und andere Veranstaltungen tragen dem Zauberwort der neuen Intendantin, „Crosscuture“ Rechnung.

 

Artikel u.a. auch in: Chemnitzer Freie Presse