Arabella in Freiberg

Dieter David Scholz

 

 

Fotos: Jörg Metzner / Mittelsächsisches Theater Freiberg

 

"Das ist ein Fall von anderer Art..."

 

 

19.03.2017

 

Das mittelsächsische Theater Freiberg ist nicht nur eines der ältesten, es ist auch eines der kleinsten Stadttheater Deutschlands mit eben Mal 300 Plätzen. Dennoch ist die Leistungs-fähigkeit des Hauses erstaunlich, man wagt immer wieder auch Neues und geht bis an seine Grenzen. Gestern Abend brachte man die lyrische Komödie in drei Aufzügen, „Arabella“ von Richard Strauss heraus, eine der anspruchsvollsten und aufwendigsten Opern. Bewundernswert ist der Mut, an einem so kleinen Haus ein so groß dimensioniertes Stück anzugehen, aber es ist, Hand aufs Herz, eher Übermut, um nicht zu sagen Tollkühnheit, denn die orchestralen, sängerischen und szenischen Anforderungen dieser Oper sind einfach zu enorm, als dass man das Stück in diesem reizenden Miniaturtheater angemessen und glaubwürdig realisieren könnte. Die Aufführung gestern Abend hat es dann auch bestätigt: Man hat sich gewaltig verhoben in Freiberg mit der "Arabella" von Richard Strauss.

 

Die Oberspielleiterin des Musiktheaters, Judica Semler, hat das Stück inszeniert. Kein leichtes Unterfangen, denn das Stück spielt ja im K&K Wien und verlangt eigentlich nach großer Ausstattung. Judica Semler hat sich von ihrer Ausstatterin Annabel von Berlichingen eine Art Hotelhalle mit dem Charme eines Betonbunkers bauen lassen. Im zweiten und dritten Akt öffnet sich die Szenerie zum Rundbalkon mit Freitreppe. Ambiente und Atmosphäre lassen allerdings sehr zu wünschen übrig. Auch hat man das Stück ins zwanzigste Jahrhundert verlegt. Eine Nazischerge darf da natürlich nicht fehlen. Von Ringstraßencharme keine Spur. Dass muss auch nicht sein. Ich habe schon sehr spartanische, modernistische Arabella-Inszenierungen gesehen, die das Thema des Stücks, die Differenz zwischen Sein und Schein einer unterge-henden Gesellschaft überzeugend veranschaulichten. Doch Judica von Semler hat es in ihrer hilflosen, biederen Regie nicht vermocht, die pikante, feine Gesellschaftskomödie Hoffmannsthals auch nur annäherungsweise zu beglaubigen. Dazu war ihre Personenführung zu klischeehaft, zu undifferenziert und zu reich an abgeschmackten Regieeinfällen. Die Aufführung hatte etwas von Schülertheater. Es durfte chargiert werden, dass sich die Bühnenbretter bogen. Die Kostüme taten ein Übriges, die Figuren des Stücks ins Lächerliche zu ziehen, auf besonders eklatante Weise im Falle der zentralen Figur des Mandryka, eines Inbegriffs von Mannsbild. Aber die Regisseurin hat Manryka als Trottel angelegt, womit sie die Figur eigentlich desavouiert und Arabella lächerlich macht. Wenn Mandryka dann noch von einem überforderten, fehlbesetzten Sänger ohne jede schauspielerische Begabung verkörpert wird, mit einer Perücke auf dem Kopf, die an einen zerzausten Wischmob erinnert, ist das Stück eigentlich erledigt.

 

Raoul Grüneis am Pult versucht zwar mit Anstand und Elan das Bestmögliche, es gelingen ihm in seiner straffen und unsentimentalen Gangart immer wieder anrührende Momente, aber das Orchester überschreitet doch hörber seine Möglichkeiten. Und es ist natürlich viel zu klein, vor allem die Streicherbesetzung. Es wird den Ansprüchen der Partitur nicht gerecht. Das war vorher zu sehen. Die Frage drängt sich auf, ob das künstlerisch verantwortbar ist.

 

Es gibt immerhin zwei Sänger- bzw Sängerinnen aus dem Hausensemble, die ernst zu nehmen und zu würdigen sind. Lindsay Funchal singt eine reizende Zdenka. Ihre Stimme ist bezau-bernd. Wenn sie weniger auf Lautstärke setzen würde, wäre sie noch zauberhafter. Man muss in so einer Bonbonniere wie in Freiberg nicht schreien. Dort kann man eigentlich alles wie ein Schubertlied singen, wenn man's kann! Ein Glücksfall: Die Primadonna assoluta des Hauses, Leonora del Rio singt die Titelpartie mit grosser Gesangskultur, mit betörenden Tönen, auch leisen, mit erfreulicher Wortverständlichkeit und verkörpert Arabella mit darstellerischer Noblesse. Sie ist die einzig wirklich überzeugende Darstellerin des Abends. Einige kleinere Nebenpartien waren immerhin anständig besetzt, etwa der Elemer von Jens Winkelmann und der Dominik von Elias Han (er hätte statt...den Mandryka singen sollen und können). Über den Rest des Ensembles sei Schweigen ausgebreitet. Ein enttäuschender Abend und ein klassischer Fall von Selbstüberschätzung. Warum muss sich ein so kleines Theater an so einem großen Werk vergreifen, das das Publikum keine ein, zwei Stunden enttfernt, in Dresden oder in Leipzig angemessen realisiert erleben kann? Es gibt doch ein ausreichendes Repertoire, das ein Theater wie Freiberg durchaus überzeugend bedienen könnte.

 

Rezensionen auch in MDR Kultur & Leipziger Volks Zeitung

 

 

 

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