Marthaler Tristan 2005

Dieter David Scholz

 

 

Eröffnung der Bayreuther Festspiele mit „Tristan und Isolde“ am 25.7.2005

 

Ladegehemmtes Spießer-Endspiel

 

Christoph Marthaler & Anna Viebrock exekutieren Wagners Opus Summum

 

 

Man war vorbereitet auf eine unkonventionelle, womöglich verstörende Lesart des "Tristan". Man kennt ja die Bühnen-Ästhetik Marthalers und seiner Ausstatterin Anna Viebrock: Diese klaustrophobischen Räume, aus denen es kein Entrinnen gibt, abgelebte Feier-Räume der Fifties & Sixtees mit herunterhängenden Tapeten, schäbigen Möbeln und Requisiten einer Spießergesellschaft, Menschen vom Rande, die in der gefährlichen Mitte überfordert sind, allesamt ohne Aussicht, Blödmänner und Blödfrauen die in Trevira-Hemden, und Knickerbockern, Pollundern, vergilbten Nyletesthemden, Schlabberhosen in beige und braun Wiederauf-erstehung feiern und sich vereinigen in fröhlicher Depression. Man kennt den spezifischen Blick Marthalers auf die Scheiternden, Komischen, Grotesken und Hoffnungslosen, Scheiternden.

 

Mit ihrem "Tristan"- und Bayreuth-Debüt haben Marthaler und Viebrock allerdings selbst für hartgesottene Marthalerianer dröge Kost, ja Schwerstverdauliches präsentiert. Ein Ritual der Gefühlsverweigerung und Werkdestruktion, das am Ende einen Buh-Orkan des Publikums auslöste. Was nicht unverständlich ist, denn man sah drei Akte lang nur einen einzigen Raum, der freilich pro Akt um eine Etage von unten nach oben wuchs. Was ihn nicht interessanter machte. Ob holzpaneelierter Gesellschaftssaal, gekachelte Wartehalle oder Leichenkeller mit ausrangierten Neonöhren an den Wänden, der Raum, zumeist im sachlichen Arbeitslicht ohne jede Stimmung: Die Zeit wurde einem sehr lang. An sich hätte man Marthaler mit seinem Sinn für Zeitverlorenheit, Melancholie, Traurigkeit und verlorenes Glück eine Affinität zu Wagners Opus summum bescheinigt. Weit gefehlt! Das Stück wurde nicht erzählt, Gefühle waren abwesend, es tat sich fast nichts auf der Bayreuther Riesenbühne.

 

Wie zwei prüde Spießer, gehemmte Liebende von Nebenan, verweigerten sich Tristan und Isolde sogar im zweiten Akt jede selbst diskreteste Annäherungen. Sie saßen fast regungslos auf zwei Schemelchen in der Mitte des Raums. „Oh sink hernieder, Nacht der Liebe.“ Eine Chefsekretärin im gelben, zweiteiligen Jacken-kleidchen, mit passenden Handschuhen, Tasche und Stöckelschuhen sitzt neben einem gealterten, dicklichen Collegeboy im blauen Club-Jackett mit gestreifter Krawatte und hochglanzpolierten braunen Schuhen. Die beiden scheinen nicht viel miteinander zu tun zu haben, kaum Gefühle füreinander zu empfinden. Doch ja, es sind Tristan und Isolde. Der Text und die Musik sagen freilich etwas anders!

 

Das Äußerste an Sinnlichkeit ist das Abstreifen eines Handschuhs. Einmal darf Tristan seinen Kopf auf den Oberschenkel Isoldes legen. Im ersten Akt stößt Isolde die in der Viebrockschen Multifunktionswartehalle mit Fischgrätenparkett herum-stehenden Sitzmöbel um. Sie ist wütend! Ansonsten Zinnfiguren-Defilé der Protagonisten. Den ganzen dritten Akt hindurch darf man ein praktikabel höhen-verstellbares und kippbares Krankenhausbett in der Mitte der Bühne bewundern. Tristan wird es nicht verlassen, bis er zu Tode kommt. Wunden reißt er sich nicht auf. Er verblutet auch nicht, stirbt halt so für sich. Warum eigentlich? Es wird nicht erklärt auf der Bühne. Aber immerhin fällte er rechtzeitig aus dem Bett, sodaß Isolde sich hineinlegen und nach stimmlich absolviertem "Liebestod" die Decke über den Kopf ziehen kann. So ernüchternd kann ein Liebestod sein. Einen desillusionierenderen sah man nie.

 

Man wird eigentlich um das Stück, das Wagner meinte, betrogen. Da retten auch die geschmäcklerischen Lichtspiele der bewegten Neonröhren-Kreise am Bühnen-himmel nichts. Die ganze Szene vor Isoldes Liebestod wird zwar gesungen, aber nicht gespielt. Man ist anwesend, mit dem Gesicht zur Wand. Kein Morden, Sterben, Kriechen, Barmen, nichts. Man steht herum, steif, nahezu unbeweglich. Schachbrettfiguren auf einem Fischgrätenparkett. Aber schon im zweiten Akt gibt es regieliche Peinlichkeiten, die auf Demontageabsichten oder Unkenntnis des Stücks schließen lassen, wenn Melot etwa Tristan hinterrücks mit einem Dolch ersticht. Steht nicht im Text, daß Tristan sich absichtlich in Melots Schwert fallen läßt? Melot ist kein Mörder. Aber Tristan ist ein Selbstmörder. Doch auch das will Marthaler nicht wahr haben.

 

Tristan und Isolde sind zweifellos Ausnahmefiguren. Bei Wagner jedenfalls. Bei Marthaler werden sie zu austauschbaren Spießern von vorgestern, oldfashioned und ladegehemmt. Alles andere als sexy. Der Liebestrank ist bei Marthaler nur ein Cocktail, eher beiläufig wird er getrunken. Nichts von elementarer Libido-Entfesselung. Wagnersche Archetypen schrumpfen aufs Mittemaß. Tristan und Isolde werden Leute von heute. Das Stück verliert seinen Sinn und seine Faszination. Wagner wollte mit dem Tristan „dem schönsten aller Träume ein Denkmal setzen“. Der Marthaler-"Tristan" ist eher ein Alptraum - an Verhinderung und Langeweile. Die Wagnerschen Figuren sind kaum mehr zu erkennen. Zu verstehen sowieso nicht. Wagners "Tristan" wird zum Spießer-Endspiel.

 

Auch musikalisch ist dieser "Tristan" alles andere als eine Sternstunde. Eiji Oues Dirigat zeugt zwar von Geschmack und Handwerk, Stil und Achtung vor dem Komponisten. Am Ende der Premierenvorstellung küßte Oue sogar den Bühnenboden des Festspielhauses vor Demut und Ergriffenheit. Nur war man als Zuschauer nicht wirklich ergriffen. Inspiration ließ auf sich warten, es war nicht mehr als ein respektables Dirigat. Nach einem etwas spannungslosen Vorspiel steigerte sich Oue zwar zu forschen Tempi und dramatisch-ungestümer, sym-phonischer und hochemotionaler Gangart, aber sie ließ das sterile, depressive Bühnen-geschehen nur um so grotesker erscheinen. Es fehlte alles Narkotische, Magische und Mystische, das, was Nietzsche das Nervengift der Wagnerschen Musik nannte.

 

Auch sängerisch ist die Aufführung unterbelichtet. Wenn man vergleicht, was für Isolden man in Bayreuth schon gehört hat, dann ist Nina Stemme, derzeit hoch gehandelt, nur eine achtbare Durchschnitts-Isolde. Immerhin hat sie die Partie ähnlich einer Miniaturausgabe von Nilssontrompete, durchgestemmt. Nun ja, sie hat gerade erst die hochdramatische Bühne betreten... Man verstand kaum ein Wort von ihr. Berührt hat einen das nicht. Robert Dean Smith sang die Partie des Tristan zwar erfreulich lyrisch und kantabel, was heute selten ist, hatte aber im dritten Akt arge stimmlichen Probleme. Auch Petra Lang als Brangäne enttäuschte. Unglück für sie, daß sie wie eine biedere Zugehfrau der Adenauer-Ära angezogen wurde und eine lächerliche Perücke tragen mußte. Andreas Schmidts Kurwenal im Schottenrock kann man bei bestem Willen nicht anders als den erschütternden Offenbarungseid einer zerstörten Stimme bezeichnen. Einen so defekten, unzureichenden Kurwenal habe ich noch nie gehört in Bayreuth. Daß er im dritten Akt wie ein Psychopath unentwegt ums Krankenbett Tristans herumgehen mußte wie ein Hamster im Rad gehört zu den unverständlichen Momenten der Personenregie Marthalers. Auch der stets imposant ordentlich singende Kwangchul Youn war in dieser Musikdrama-Exekution nur ein blasses Onkelchen Marke, der trotz der Hörner, die ihm aufgesetzt werden, so tut als wäre nichts und Isolde bei der Hand nimmt, während Tristan sie ihm am Ende des zweiten Aktes singend abspenstig macht.

 

Fazit: Nach dem dilettantischen, scharlatanesken Schlingensief-Parsifal im Vorjahr nun diese Marthaler-Tristan-Exekution. Man darf gespannt sein, wie viele Zeitgeist-Flops das bisher treue, von weither anreisende Bayreuther Publikum noch hinnehmen wird.